Professor Günter Schlimok (68) ist seit über 40 Jahren Arzt aus Leidenschaft. Sein Spezialgebiet: Krebs-, also Tumorpatienten. 18 Jahre lang war er als Chefarzt im Klinikum Augsburg für diese Abteilung mit 200 Betten verantwortlich, bevor er vor drei Jahren in den (Un-)Ruhestand wechselte. Seitdem praktiziert er als niedergelassener Arzt in einer Gemeinschaftspraxis mit Belegbetten im Diako und steht als Präsident nach wie vor der Bayerischen Krebsgesellschaft vor. Die neu gewonnene Freizeit – bei rund 30 Wochenarbeitsstunden deutlich mehr als zuvor in leitender Position – genießt er mit der Familie (drei erwachsene Kinder, fünf Enkel zwischen zwei und fünf Jahren) oder beim Wandern, Radeln oder Segeln auf dem Ammersee.

AUGSBURG JOURNAL: In der Öffentlichkeit kommt das Thema Krebs immer öfter als Mutmacher daher. „Ich habe ihn überstanden,“ liest man von Prominenten in der yellow press. Aber auch im privaten Umfeld erzählen immer mehr Menschen vom Sieg über einen Tumor (siehe nachfolgende Seiten dieses Reports). Wie entwickeln sich die Zahlen beim Thema Krebs generell?
Prof. Günter Schlimok: Zwar steigen die Zahlen der Erkrankungen kontinuierlich an. So gab es in der Bundesrepublik im Jahr 2010 rund 450.000 Neuerkrankungen, die Prognose für 2050 liegt bei 600.000. Das hat allerdings einen erfreulichen Grund: Wir Menschen werden immer älter. Und Krebs ist eine eindeutige Alterserkrankung, deren Risiko ab 60 sprunghaft ansteigt. Insgesamt haben sich sowohl die Überlebensraten als auch die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessert
AJ: Was hat sich in den letzten rund 15 bis 20 Jahren beim medizinischen Fortschritt in der Tumorbehandlung getan?
Schlimok: Heute gibt es deutlich mehr als nur die Chemotherapie, auch wenn sie immer noch vorherrschend ist. Aber neue Medikamente, sogenannte molekulare Therapien, bringen den Patienten große Vorteile. Sie erkennen kleinste genetische Veränderungen in der Tumorzelle und können damit dort viel gezielter wirken. Vereinfacht gesagt, vermeidet man damit den „Kahlschlag“, der alle Zellen zerstört – die kranken, aber eben auch die gesunden. Kollateralschäden werden auf ein Minimum reduziert. Dem Patienten geht es deutlich besser. Eine große Rolle für die Überlebensraten, die sich teilweise sogar verdoppelt haben, spielen natürlich auch die Vorsorgeuntersuchungen, die ich jedem dringend ans Herz lege.
AJ: Ist die Diagnose Krebs also nicht mehr das Schreckgespenst von früher?
Schlimok: Realistisch betrachtet nicht. Der Krebs hat viel von seinem Schrecken verloren. Dennoch stelle ich immer noch fest, dass Menschen oft mehr Angst vor einem Tumor haben, als vor vergleichbar ernsten Diagnosen wie zum Beispiel Diabetes Mellitus oder Herzkranzgefäß-Erkrankungen. Ich kann Patient und Umfeld nur zu großer Offenheit raten, eventuell auch psychotherapeutischer Begleitung. Wir als Krebsgesellschaft haben bayernweit Beratungsstellen. Meiner Erfahrung nach kann eine schlechte psychische Verfassung zwar keinen Tumor heraufbeschwören – wohl aber den Therapieverlauf negativ beeinflussen. Und letztlich ist Krebs heutzutage oft nichts anderes, als eine chronische Krankheit, mit der man lange gut leben kann. Positive Schätzungen sprechen von 80-prozentigen Überlebensraten, bei gutem Verlauf und vernünftiger Anpassung des Lebensstils.
AJ: Der richtige Lebensstil ist …?
Schlimok: …eigentlich alles, was man schon lange weiß: Am schlimmsten ist das Rauchen, was gerade bei Frauen die Statistik negativ beeinflusst. Während Männer, die inzwischen deutlich seltener rauchen, beim Lungenkarzinom weniger Erkrankungen und geringere Sterberaten erreichen, ist es bei den Frauen umgekehrt. Ansonsten sind Alkohol, Übergewicht und Bewegungsmangel weitere Negativ-Faktoren. Und noch einmal: Einen positiven Krankheitsverlauf begünstigt ein offener Umgang mit der Krankheit ohne Scham und Heimlichkeiten. Dafür gibt es ja auch gar keinen Grund.

Wie Erkrankte mit ihrer Krankheit umgehen, dass können sie in der neuen Ausgabe des Augsburg Journals lesen.

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