Exklusiv-Interview mit Prof. Heinrich Bedford-Strohm, zur Bedeutung Augsburgs, zu Migration, Geldfragen & „Ehe für alle“

Für Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm (57) steht die „goldene Regel des Christseins“ im Matthäus-Evangeliums. Sie lautet: „Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet“. Als Gast im Augsburg Journal wiederholte Bedford-Strohm, was er auf dem Rathausplatz bei der Feier zur Verlesung des Augsburgischen Bekenntnisses der von Philipp Melanchthon verfassten Confessio Augustana verkündigt hatte: „Die radikale Liebe von Jesus Christus leitet uns zu einer radikalen Liebe zu unserem Nächsten!“ Klar und differenziert ist Bedford-Strohm im AJ-Gespräch keiner Frage, etwa zum Thema Migration, zur „Ehe für alle“ oder zum Verhältnis „Kirche und Staat“ ausgewichen.

Augsburg Journal: Herzlich willkommen Bischof Bedford-Strohm in der Stadt der Confessio Augustana. Wie wichtig ist diese Reformationsstadt für die evangelisch-lutherische Kirche?
Heinrich Bedford-Strohm: Augsburg ist für die lutherische Reformation natürlich eine ganz besondere Stadt. Luther wurde hier von Kardinal Cajetan verhört. Und am Ende war Augsburg der Ort, an dem das lutherische Bekenntnis verlesen wurde, das für evangelische Christen in aller Welt maßgebliche Bedeutung bekommen hat. Dadurch hat Augsburg, nicht nur weit über Bayern, sondern auch weit über Deutschland hinaus eine zentrale Bedeutung bekommen.
AJ: Ist Augsburg – auch angesichts Luthers Treffen mit Kardinal Cajetan 1518 – für die Reformation nicht bedeutender als Wittenberg?
Bedford-Strohm: Da sollte man keine Rangfolge aufstellen. Augsburg hat ein eigenes Profil und ist neben den genannten Dingen ja auch als Stadt des Religionsfriedens aus dem Jahr 1555 prägend. Diese Tradition gilt es zu pflegen in der angemessenen Bedeutung. Ich habe während des Gottesdienstes kürzlich auf dem Rathausplatz gespürt, wie bedeutend der Aspekt der „Friedensstadt“ auch für die Katholiken ist. Dafür bin ich dankbar.
AJ: Sie sind 1960 im kleinen Ort Buxheim, nahe dem katholischen Memmingen als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Gab es damals schon Verbindungen zu Augsburg?
Bedford-Strohm: Augsburg war für mich, der ich in einem paar Hundert-Seelen-Dorf mit Kühen und Schweinen auf den Bauernhöfen rundherum bis zu Beginn der Schulzeit aufgewachsen bin, die Metropole. Meine Schulzeit habe ich dann in Coburg verbracht, weil mein Vater dorthin als Pfarrer berufen worden war.
AJ: Wie beeinflusst der Glaube an Gott Ihr tägliches Leben?
Bedford-Strohm: Ich bin vor allem dankbar. Deswegen spielt für mich das Dankgebet, insbesondere vor dem Essen, eine besondere Rolle. Aber auch die Psalmgebete sind mir sehr wichtig. Solche Gebete helfen, sich bewusst zu werden, wie wenig selbstverständlich vieles ist, etwa, dass wir nicht Hunger leiden müssen.
AJ: Evangelische Christen haben es scheinbar oft leichter als Katholiken. Pfarrer dürfen heiraten, das ist in der Confessio Augustana bereits verankert. Mittlerweile bremsen weder Scheidungen noch homosexuelle Neigungen eine kirchliche Karriere. Wie bewerten Sie das, und was sagen Sie zur „Ehe für alle“?
Bedford-Strohm: Der Begriff „Ehe für alle“ gefällt mir nicht. Wichtig ist doch: Die Ehe ist ein Zukunftsmodell. Es gibt nichts Schöneres als dass ein anderer Mensch ganz Ja zu mir sagt, ohne Einschränkungen. Das lebenslange Treueversprechen ist die beste Grundlage für eine Zweierbeziehung. Wenn das jetzt auch für gleichgeschlechtlich Liebende geöffnet wird, dann schwächt das aus meiner Sicht nicht die Ehe, sondern im Gegenteil, es bestätigt diese auf lebenslange Verbindlichkeit angelegte Lebensform. Ein Mensch, der ein bewusstes und bedingungsloses „Ja“ zu einem anderen sagt und dafür den Segen Gottes erbittet, dem sollte dieser Segen nicht verwehrt werden.
AJ: Im Matthäus-Evangelium steht: „Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon“, also dem Geld. Wie lautet Ihre Botschaft an Banker, Wirtschaftsbosse und auch an Kirchenvertreter?
Bedford-Strohm: Geld darf nie ein Selbstzweck sein. Das Ausreizen von Gewinnspannen aller Art darf nicht das einzige Ziel sein und den Nächsten nicht kaputt machen. Schon Martin Luther hat über Kaufhandel, Kartellbildung und den Frühkapitalismus geschrieben und sich dezidiert und leidenschaftlich zur Wirtschaftsethik geäußert. Und Luther zählt erstaunlicherweise im Werk von Karl Marx zu den meistzitierten Autoren. Die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern bemüht sich, so verantwortungsvoll wie möglich mit ihrem Geld umzugehen. Sie muss ja viel Geld zurücklegen, mit dem die Rechtsverpflichtungen für die Pensionen der kirchlichen Mitarbeiter eingelöst werden können. Bei der Anlage dieses Geldes gelten klare ethische Maßstäbe, die sich auf ökologische und soziale Verhaltensweisen der Unternehmen beziehen.
AJ: Wir feiern ebenfalls in Augsburg seit dem 15. September 1555 den Reichs- und Religionsfrieden. Dennoch herrschen auf der Welt Religionskriege. Was läuft hier schief? Im 16. Artikel der Confessio steht, dass der Staat sogenannte „gerechte Kriege“ führen darf. Müssen wir die Confessio Augustana neu schreiben?
Bedford-Strohm: Nein. Aber wir müssen sie immer wieder neu auslegen. Mit guten Gründen sprechen wir heute, anders als die Confessio Augustana, nicht mehr von gerechten Kriegen. Die Frage, ob es Situationen geben, kann, in denen militärische Gewaltanwendung nicht ausgeschlossen werden kann, bleibt aber. Wir haben erlebt, wie etwa 1994 in Ruanda schweres Unrecht und große Gewalt an der Bevölkerung geschehen ist. Fast eine Million Menschen sind mit Macheten umgebracht worden. Aber die UN-Soldaten haben nicht eingegriffen. Gewaltanwendung kann nie Segen sein. Sie bedeutet immer eine Niederlage. Aber wenn es darum geht, das Leid von vielen Menschen verhindern zu können, kann sie auch nicht ausgeschlossen werden. Zu verurteilen sind ungehemmte Rüstungsexporte sogar an Kontrahenten wie Saudi-Arabien und Katar. Das heißt jedoch nicht, dass wir jene, die bei der Rüstungsindustrie beschäftigt sind, aus den Augen verlieren dürfen. Es gilt durch Umstellung von Produktion, genügend zivile Arbeitsplätze zu schaffen.
AJ: Zur oft gestellten Frage nach der Trennung von Staat und Kirche: Wäre die Kirche nicht handlungsfähiger durch mehr Unabhängigkeit? Hängen die starken Kirchenaustritte damit zusammen?
Bedford-Strohm: Die Kirche ist nicht vom Staat abhängig! Sie bezahlt den Staat dafür, dass er die Kirchensteuer für sie einzieht. Sie ist völlig frei, in ihren öffentlichen Äußerungen und würde ein Reinreden des Staates nie akzeptieren. Wir sind dankbar, dass wir viele richtig gute menschendienliche Projekte hier und in unseren ärmeren Partnerkirchen durch die Kirchensteuer finanzieren können. Das ist ein Segen! Manchmal wird auch die Refinanzierung kirchlicher Aktivitäten, etwa die Trägerschaft von Kindergärten, durch den Staat kritisiert. Aber die ist auch für den Staat eine gute Idee und gilt natürlich genauso auch für die Arbeiterwohlfahrt und andere nicht-kirchliche Organisationen. Allein wegen der Kirchensteuer treten die wenigsten aus. Das ist vielleicht der Anlass. Meist steht dahinter aber eine längere Entfremdung oder eine schlechte persönliche Erfahrung. Deswegen müssen wir als Kirche sehen, wo wir noch einladender und menschennäher werden. Wir müssen als Kirche die Liebe ausstrahlen, von der wir sprechen. Und wir müssen die jungen Leute neu für den Glauben begeistern.
AJ: Ist es für eine Stadt wie Augsburg eher günstig oder von Nachteil, wenn fast jeder Zweite einen Migrations-Hintergrund hat und die Zahl der Religions-Gruppen entsprechend hoch ist?
Bedford-Strohm: Es ist zunächst mal einfach eine Tatsache. In der Bibel wird immer wieder zum Respekt vor den Fremden aufgerufen, etwa in Mose im 24. Kapitel, Vers 9: „Einen Fremdling sollst du nicht bedrängen; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid.“ Wir müssen als Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen in einer Haltung der Achtung und des Respekts miteinander leben lernen, so dass Fremdheit zur guten Nachbarschaft wird.
AJ: Zum Abschluss: Was war Ihre wichtigste Botschaft bei Ihrem Augsburg-Besuch?
Bedford-Strohm: Die radikale Liebe von Jesus Christus soll uns leiten in eine radikale Liebe zu unserem Nächsten!

 

Heinrich Bedford-Strohm
Der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands wurde am 30. März 1960 im kleinen Buxheim bei Memmingen als Heinrich Strohm geboren. Er heiratete im Jahr 1985 die Psychotherapeutin Deborah Bedford aus Boston (USA) und führt seither den Namen Bedford-Strohm. Das Paar hat drei Söhne.
Der Landesbischof ist SPD-Mitglied und war, bevor er 2011 in dieses Amt berufen wurde, Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie an der Universität Bamberg. Im Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeiten stehen die Theologie der Ökumene, Ekklesiologie, Bio-, Friedens- und Wirtschaftsethik, Sozialstaat und Gerechtigkeitstheorien sowie die Schöpfungsethik.
2014 wurde Bedford-Strohm zum Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschland gewählt. 2015 bekam er den Hans-Ehrenberg- und 2016 den Herbert-Haag-Preis. Zum Reformationsjubiläum 2017 wurde sein Buch „Radikal lieben – Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche“ im Gütersloher Verlag herausgegeben.

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