Mut zum Outing

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Stephan Gesell (47) bekannter Augsburger Geschäftsmann und Vereins-Förder – lebt ein ganz neues Leben und steht dazu

Stephan Gesell kommt gut gelaunt ins Café zum Interview. Im Leben des Geschäftsmanns (Rewe Gesell) hat sich in den letzten Monaten vieles getan: Er hat rund 20 Kilo abgenommen, hat sich geoutet, zeigt sich ganz offen mit seinem Lebensgefährten und agiert so, wie er will. „Ich weiß nicht, was noch alles kommt. Aber ich habe begonnen, an mich zu denken. Ich habe mein Leben geändert.“
Obwohl es in der Gesellschaft längst kein Tabu mehr sein sollte, ist die gleichgeschlechtliche Partnerschaft zweier Männer für manchen nach wie vor nicht einfach zu leben. „Das Thema ist noch nicht durch. Keiner hat vermeintlich was dagegen, aber dennoch wird noch viel getuschelt, oh er liebt einen Mann, und noch dazu einen jüngeren.“ Öffentlich Händchen halten, sich küssen sind nach wie vor Tabus, findet Gesell.

Für ihn war dieser Schritt in die Öffentlichkeit daher nicht selbstverständlich, aber genau der richtige und an der Zeit, zumal er lange Jahre verheiratet war und Kinder hat. „Ich schätze mich jetzt wirklich, bin glücklich, das Versteckspiel gibt es nicht mehr!“

In seiner Familie hat sich sein Bekenntnis ebenso positiv ausgewirkt, „sie ist viel offener.“ Dabei war genau dies seine größte Sorge: Was werden seine beiden Kinder, Tochter Alina (22) und Sohn Moritz (20), zum neuen Leben und zum Partner des Vaters sagen? Eine Ablehnung Fremder war weniger das Problem, „das hätte ich geschafft.“ Vielmehr hat ihn die Angst belastet, von den wichtigsten Menschen in seinem Leben zurückgewiesen zu werden, seine eigenen Bedürfnisse daher nicht ausleben zu können. Hinzu kamen Bedenken, wie würde deren Umfeld, Freunde, Schule damit umgehen? „Ich möchte anderen in einer ähnlichen Situation, die mit einer Frau, in einer Familie leben, Mut machen, zu sich zu stehen.“

Dass dies nicht einfach ist, hat Stephan Gesell am eigenen Leib gespürt. „Es gab schlimme Momente für mich. Ich war im Förderverein der Schulen meiner Kinder, damals als wir in Aichach lebten. Und immer war da diese Sorge, was wäre, wenn es bekannt würde.“

Doch wer glaubt, er hätte seine Familie stets nur als Alibi benutzt, irrt. „Als ich meine Frau Corinna kennenlernte und wir schließlich 1995 geheiratet haben, war das damals eine bewusste Entscheidung. Es war genau das, was ich wollte und nichts anderes. Wir hatten eine tolle, glückliche Zeit als Familie, die ich nicht missen möchte.“

Doch das Paar lebte sich auseinander, blieb aber der Kinder wegen noch drei Jahre zusammen, bis es vor fünf Jahren einvernehmlich zur endgültigen Trennung kam. Stephan Gesell war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht so weit, seine veränderten Bedürfnisse offen zu zeigen. Dieser Prozess sollte noch etwas dauern.

Mit seiner Frau sprach er zwar offen über alles. Den Schritt aus der Scheinwelt, sich öffentlich zu outen, konnte er allerdings noch nicht gehen. Zumal er als Inhaber eines Lebensmittelgeschäftes mit großem Kundenstamm, wie auch als Sponsor eines Football Clubs sowie als Mitglied und Hofmarschall der Faschingsgesellschaft Augspurgia, noch mehr ins Rampenlicht gerückt war. Seine Lebenssituation würde also von weitaus mehr Menschen wahrgenommen werden als zuvor.

„Aber man muss sich wohlfühlen. Das Leben ist Veränderung, ich habe eben irgendwann gemerkt, dass es mich mehr zu Männern als zu Frauen hinzieht.“ Und der heute 47-Jährige spürte, dass er sich dafür nicht mehr verstecken wollte. Auch sein neuer Lebenspartner, den er mittlerweile kennen- und liebengelernt hatte, gab ihm die Kraft, in die Offensive zu gehen.

In der Arbeit hatte es sich schon herumgesprochen, bei Freunden, Bekannten hatte er sich teilweise schon geoutet – einige zählen heute allerdings nicht mehr zu seinem Freundeskreis –, doch der bedeutendste Gang stand noch an: „Ich rief Corinna an und bat um ein Treffen mit der Familie, denn ich wollte nicht, dass sie es von anderen erfahren.“ Ein Befreiungsschlag, bei dem alles anders kam, als er befürchtet hatte. „Papa, wir haben Dich genauso lieb wie vorher …!“

Nach wie vor eine Familie (v.l.): Ramona, die Freundin von Gesell-Sohn Moritz, seine Tochter Alina, Stephan Gesell selbst mit Burak sowie Ex-Frau Corinna mit Ralf.

Text: Marion Buk-Kluger
Bilder: Marc Kampmann