Der Seferi-Clan

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DREI BRÜDER sorgen in der Gastro-Szene und darüber hinaus für Gesprächsstoff. Einer hat sein Lebenswerk vollendet. Die beiden anderen expandieren so schnell, dass man sich fragen muss: Wie geht das nur? – Hier gibt es Antworten.

Es ist manchmal nicht einfach, die Dinge richtig beim Namen zu nennen – vor allem, wenn Wahrheit und Gerüchte, Fakten und Meinungen, Anerkennung und Neid zusammentreffen. Wenn so manches klar und doch undurchsichtig scheint. Und wenn nicht alle, um die es geht, bereit sind, gemeinsam Auskunft zu geben.

So ist das beim Seferi-Clan, wobei hier der vielseitig verwendete Begriff „Clan“ ausdrücklich im positiven Sinne von Familienverbund gemeint ist. In der Fuggerstadt ist die Großfamilie mit Ursprung mitten im Kosovo, genauer in der Stadt Skenderaj (rund 50.000 Einwohner) im Bezirk Mitrovica vor allem durch die drei Brüder Ilir, Fatmir und Faton bekannt – allesamt Gastronomen, die durch die rasche Ausweitung ihres Wirtshaus-Imperiums in Augsburg und darüber hinaus immer wieder für Gesprächsstoff sorgen.

Zuletzt fand zudem ein Prozess vor dem Augsburger Amtsgericht viel Beachtung, bei dem man dem Seferi-Trio Betrug bei der Trinkgeld-Verrechnung vorgeworfen hat. Fatmir und Faton Seferi räumten Fehler ein und wurden zu Geldstrafen in Höhe von 15.000 und 9000 Euro verurteilt. Ilir Seferi wurde, wie sogar vom Staatsanwalt vorgeschlagen, freigesprochen.
Er ist es auch, der „jederzeit“ für Auskünfte und zu einem Gespräch bereit ist, während sich seine Brüder davor scheuen. So sagte Ilir Seferi gleich nach dem Prozess erleichtert, es sei bereits eine Strafe für ihn gewesen, überhaupt auf der Anklagebank zu sitzen.
Weshalb er vor den Kadi zitiert wurde, kann er sich nicht so recht erklären. Aber offenbar werden die drei Seferis noch immer in einen Topf geworfen, obwohl sie sich nachweislich Anfang 2014 geschäftlich getrennt haben. „Ich mach´ mein Ding und die Brüder sollen ihre Sache machen“, sagt Ilir. Und weiter: „Da fragen sie mich auch nicht mehr.“ Geschäftlich gehe man völlig getrennte Wege.

Der Prozess war eine neue Erfahrung im abwechslungsreichen Leben des Ilir Seferi, das von Hochs und Tiefs geprägt war und das oft auch zufallsbedingt seinen Lauf nahm. Der heute 47-jährige Familienvater von vier Kindern hat inzwischen sein Ziel erreicht. Mit zwei Objekten – dem Gasthaus „Zum Ochsen“ in Göggingen und dem neu gebauten „Haunstetter Hof“ (Hotel und Lokal im Wienerwald Stil) – sei er ausgelastet. Darauf konzentriere er sich, weitere Objekte kommen für ihn nicht mehr in Frage, weshalb er auch den Auer Hof in München 2017 nach einem „Probejahr“ vor allem wegen des Neubaus in Haunstetten wieder aufgegeben hat.

Es steht außer Frage, dass Ilir mehrere Jahre der Kopf des Trios war, das bald vier Lokale, also auch die Zeughausstuben und den Weißen Hasen in der Annastraße führte. Weil sich die jüngeren Brüder – Fatmir kam acht Jahre nach Ilir zur Welt, Faton ist zwölf Jahre jünger – zu oft bevormundet fühlten, kam es zur Trennung. „Sie wollten auch Chef sein“, sagt Ilir und meint: „Wenn die Kleinen groß werden, wollen sie fliegen.“ Mit „Zeughaus“ und „Weißer Hase“ starteten die Jungen durch und erweiterten die Zahl ihrer Betriebe in Windeseile: „König von Flandern“ in der City und die riesige „Kälberhalle“ kamen dazu, ebenso das „Capitol“, das, nachdem der „Weiße Hase“ ausgebrannt war, diesen Namen als Zusatz bekam. Schließlich übernahm das Duo die Aktienmehrheit für drei „Henry´s Coffee“ (am Rathausplatz sowie zwei in Ulm). Und ab August wollen sie auch noch das Augsburg-Hotel „Sonnenhof“ (95 Zimmer) mit Sky-Panorama-Restaurant in Gersthofen betreiben.

Kein Wunder, dass bei dieser Expansion so mancher fragt, wie das funktionieren kann, zumal es zum Seferi-Marketing gehört, immer wieder Aktionspreise, Happy Hour und Gutscheine anzubieten. Ilir Seferi will nicht viel über die Brüder sagen, versichert aber, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Bei amtlichen Kontrollen sei dies immer wieder bestätigt worden, zudem müsse jeder regelmäßig seine Steuererklärung abgeben, so Ilir, der seinen Brüdern einen immensen Fleiß und Ehrgeiz attestiert. Das liege in der Familie, sagt der 47-Jährige und berichtet, dass er selbst schon Monate hatte, in den er 450 Stunden, sieben Tage die Woche, also nahezu rund um die Uhr gearbeitet habe. Freie Tage sind eine Ausnahme – auch heute noch.

Ilir Seferi sagt aber auch, dass vieles nur geht, weil die Banken die entsprechenden Darlehen bereitstellen. Weil mit Gewinnen aus dem einen Gasthaus Verluste eines anderen ausgeglichen würden. Auch weil man, etwa bei der Übernahme von Objekten, gut mit Vorbesitzern und Brauereien verhandelt habe. Und: Die Seferis haben sich an so manches Problem-Gasthaus – der Ochse war vor der Übernahme ein Jahr geschlossen – gewagt und mussten dafür keine Ablöse bezahlen. Oder die Brauereien verzichten eine Zeit lang auf Pacht, um einen Neustart zu unterstützen.

Jede Ausweitung bringt Chancen und birgt Risiken, zieht Seferi ganz allgemein ein Fazit. Er selbst habe mit dem Haunstetter Hof sein Lebenswerk geschafft, das seine Zukunft sichert. „Ich bin über´n Berg …“

Ilir Seferi betreibt den neu erbauten Haunstetter Hof und den Gögginger Gasthof „Zum Ochsen“.

Zu den sieben Lokalen von Fatmir und Faton Seferi -Zeughaus, Weißer Hase, Kälberhalle, König von Flandern, und drei mal Henry´s Coffee- kommt im August auch noch das Hotel Sonnenhof.

Vom Tellerwäscher zum Erfolgs-Gastronom

Der beschwerliche Weg des Ilir Seferis

Exklusiv erzählt Ilir Seferi von seinem weiten, beschwerlichen Weg der letzten fast 30 Jahre, wobei er sich über Informationen zu den beiden Gastro-Brüdern zurückhält und auch nichts zum vierten Bruder sagt, der – nach AJ-Recherchen – bisweilen in Augsburg arbeitet. Er ist 18 Jahre jünger als Ilir und soll, so viel sagt Seferi als Ältester von insgesamt acht Geschwistern, seinen eigenen Weg gehen. Acht Geschwister? Neben den drei Brüdern hat Ilir Seferi auch noch vier jüngere Schwestern – allesamt verheiratet und mit Kindern gesegnet. Ein großer Familienverbund also. Ilirs Vater, ein Gymnasialprofessor, war es anno 1993, der ihn angesichts der Balkankriege unterstützt hatte auf dem Weg in ein sicheres Land – nämlich Deutschland. Davor hatte sich Ilir zwei Jahre versteckt, nachdem er bereits 1991 auf dem Rückweg von Zagreb, wo er als guter Rechner mit Mathe-Bestnoten Elektrotechnik studieren wollte, von Serben attackiert worden war. „Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich von damals erzähle,“ sagt Ilir, der sich schließlich – auch, um einer Einberufung zu entgehen – auf den weiten Weg machte.

Nach nur sechs Tagen ohne Verpflegung kam Ilir 1993, als u. a. in Bosnien und Kroatien heftig gekämpft wurde, über Mazedonien, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und die Slowakei nach Amberg in der Oberpfalz. Dort wurde er mit einem Essenspaket und 80 D-Mark „Begrüßungsgeld“ empfangen, dessen Annahme er – nach amtlichen Vorgaben – nicht verweigern konnte. „Ich wollte kein Geld, ich wollte nie vom Staat leben, ich wollte arbeiten, egal was.“ Doch eine Arbeitsgenehmigung wurde dem damals 20-Jährigen, wie er erzählt, zunächst verweigert.
Wochenlang machte sich Ilir folglich mit einem Radl, das er als zweitwichtigste Anschaffung nach einem Deutsch-albanischen Wörterbuch vom letzten Geld aus der Heimat gekauft hatte, auf Job-Suche „in alle Himmelsrichtungen“. Mit 70 Angeboten – immer, wenn ihm jemand eine Beschäftigung versprochen hatte, ließ er sich dies schriftlich bestätigen – sprach er dann beim Amt vor. Ergebnis nach längerem Hickhack: Ilir Seferi bekam eine „Duldung“ und durfte nur Arbeit annehmen, wenn sich kein deutscher Bewerber findet.

Der junge Mann aus dem Kosovo schlug sich so mit verschiedensten Hilfstätigkeiten durch. Und sein Mangel an Erfahrung wurde auch ausgenutzt. Als er bei einem Arbeitsunfall in einer Fliesenfirma einen Teil des linken Daumens verlor, stellte sich heraus, dass ihn sein Chef nicht angemeldet hatte – ein Trauma, das Ilir beschäftigte, bis der Firmeninhaber Jahre später dafür verurteilt wurde. Und eine Lehre, künftig peinlichst genau darauf zu achten, dass bei weiteren Anstellungen alles korrekt läuft. So war es dann ab 1994 bei den ersten „Einsätzen“ in der Gastronomie. Beim Besuch eines Cousins in Friedberg lernte Ilir nicht nur die Herzogstadt, sondern vor allem auch Augsburg kennen und, wie er sagt, „lieben.“ Als Tellerwäscher bzw. Spüler, Pizzamann, Hilfskoch und Servicekraft war er in den folgenden Jahren im Einsatz. Längere Stationen waren der Gambrinuskeller in Friedberg, das Restaurant „Seeblick“ in Kissing und ab 1999 (bis 2003) das Hofbräuhaus in München.

Der junge Mann aus dem Kosovo lernte dort die bayerische Lebensart, „die der unsrigen ähnlich ist“ kennen und traf als Kellner auch immer wieder hohe Politiker von Kohl über Kinkel bis zu Stoiber und Beckstein. Das weckte auch das politische Interesse von Ilir Seferi, der inzwischen ein CSU-Parteibuch besitzt und es immer verstanden hat, auch später als Gastwirt mit der Politprominenz ins Gespräch zu kommen oder diese sogar ins eigene Lokal zu holen. Großformatige Fotos im Haunstetter Hof zeigen ihn z.B. mit Horst Seehofer und Markus Söder. Und stolz präsentiert Seferi eine Hauspostille, die Kurt Gribl noch als OB-Kandidat 2006 abbildet bei dessen allererstem Fassanstich im alten Haunstetter Hof. Den hatte Seferi damals gerade übernommen. Der Einstieg in die Selbstständigkeit war bereits 2003 erfolgt mit der kleinen Pizzeria „Adria“ nahe Hessing. Wie es dazu kam? „Ich war risikobereit, wollte was eigenes machen“, sagt Seferi und verweist darauf, dass er sich stets weitergebildet hat bis hin zum Gastronomie-Betriebswirt.

Dass er und seine Brüder, die nach und nach dazukamen – Fatmir hatte zunächst u.a. in den Zeughausstuben gekellnert – trotz Pizzeria nicht aus Italien, sondern aus dem Kosovo stammen, wurde nie verheimlicht. Weil, so Ilir Seferi: „Michael Schumacher war auch kein Italiener und dennoch der Beste im Ferrari.“ Im „Adria“ bekam Seferi eines Tages Besuch vom damaligen Hasenbräu-Chef Eberhard Schaub. Und der überzeugte ihn davon, das „Blaue Krügle“ („für uns Adria II“) bei der Komödie zu übernehmen. Dort war dann an einem Stammtisch der damalige OB Paul Wengert ein häufiger Gast und letztendlich, laut Ilir, wegweisend für die schwäbisch-bajuwarische Neuausrichtung der Seferis. Wengert bat die Seferis nämlich, für den Ratskeller ein bayerisch-schwäbisches Konzept zu erarbeiten. Ilir tat dies, indem er Erfahrungen aus dem Hofbräuhaus einbrachte. Doch die Bemühungen um die Rathaus-Gastronomie waren umsonst, der Stadtrat entschied sich damals knapp für die Enchilada-Gruppe als neuen Betreiber.

Im Nachhinein war das gut so, denkt Seferi heute. Doch es dauerte nicht lange, bis dennoch ein größeres Objekt auf ihn und seine Brüder zukam – „Zum Ochsen“ in Göggingen. Wieder war es Schaub, der den Seferis das Traditionsgasthaus, das damals bereits ein Jahr geschlossen war, ans Herz legte. Und so wurden aus den Kosovo-Italienern Kosovo-Bajuwaren. Ilir zog sein bayerisch-schwäbisches Konzept aus der Schublade und setzte es um. Die Neueröffnung 2006 erfolge mit Bayern-Hymne, Fahnen-Aufzug und Fassanstich im Biergarten – zünftig bayerisch eben. Fast ähnlich lief es noch im selben Jahr beim Haunstetter Hof, damals ebenfalls ein Problem-Gasthaus. „Adria“ und „Blaues Krügle“ wurden im Gegenzug abgegeben. 2008 kamen die „Zeughausstuben“ dazu, 2011 der „Weiße Hase“ in der Annastraße. Die drei Seferi-Brüder setzten da übrigens auf den Markennamen „Dreischwabenküche“, den Ilir Seferi weiterführt trotz der geschäftlichen Trennung von den Brüdern Fatmir und Faton, die übrigens seither die Chefs der „Zwei Bayern Küche“ sind.

Was Ilir Seferi wichtig ist, betont er mehrfach: „Ich bin sehr gerne Augsburger!“ Diese Stadt und ihre Menschen hätten ihm viel geholfen, das könne er gar nicht zurückgeben. Aber er versuche es, indem er sich für Vereine und gute Zwecke einsetzt. Und als Zeichen ihrer Dankbarkeit hatten die Seferis bereits 2011 eine Skulptur von Mutter Teresa gespendet, die im Garten des Uniklinikums steht.

Um die Jahrtausendwende hat Ilir seine Frau Merita beim Heimaturlaub im Kosovo kennengelernt, 2002 wurde geheiratet. Inzwischen hat das Paar vier Kinder (mit eingängigen Geburtsdaten), nämlich Sohn Eros (3.3.03), der Koch wird, und die Töchter Erona (31.12.04), Erita (6.6.06) sowie Edita (7.7.10).
Politprominenz begrüßt Ilir Seferi gerne in seinen Gasthäusern. Hier kam Staatssekretärin Carolina Trautner zum Fassanstich.

Text: Wolfgang Bublies