Der doppelte Dietz

Dietz_Header

ZWISCHEN Gastro und Politik

Ein Mann, zwei Welten. Mal kurz für die Sommernächte den Peaches-Stand aufbauen, danach die CSU-Liste für die Stadtratswahl 2020 vorbereiten, dann wieder aufs Festival, dann erneut Politik, vom Sommer-Outfit zum Anzug wechseln und zurück – mehrfach am Tag versteht sich. Kultwirt Leo Dietz (52) hat es in kürzester Zeit geschafft, zu einem der bekanntesten Politiker der Fuggerstadt zu avancieren (siehe auch Politumfrage Seite 14) und den Balance-Akt zwischen Gastronom und Volksvertreter immer aufs Neue zu bewerkstelligen.
Auch im Gespräch mit dem AUGSBURG JOURNAL springt „der doppelte Dietz“ immer wieder zwischen seinen Hauptrollen. Zunächst schwelgt er in den noch frischen Sommernächte-Erinnerungen: „Es war eine unglaublich entspannte Atmosphäre, man konnte sie geradezu greifen.“ Es sei eine bemerkenswerte Gesamtleistung aller Akteure gewesen, die bei der Hitze geradezu übermenschliches geleistet hätten. Im nächsten Atemzug ist wieder Polit-Karriere angesagt. In absehbarer Zeit wird die CSU einen neuen Fraktionsvorsitzenden und einen neuen Landtagsabgeordneten suchen. „Natürlich werde ich in beiden Fällen meinen Hut in den Ring werfen“, lässt Dietz keine Zweifel an seinen Ambitionen.

Seine vielen Gesichter polarisieren

Auch wenn er schon längst ein fester Bestandteil der Augsburger Politik ist, die vielen Gesichter des Leo Dietz polarisieren. Und so stößt er weiterhin auf Ressentiments: „Für einige bin ich noch immer nur der Kfz-Mechaniker, nur der Türsteher, nur der Wirt, nur der Typ von der Cityinitaitive, nur der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes. Es ist manchmal schon interessant, was ich so alles nur bin“, bemerkt Dietz sichtlich amüsiert. Doch wie kam es dazu, dass der Mann mit den meist zum Dutt gebundenen langen Haaren und seiner für einen CSUler teils unorthodoxen Art zu einem Hoffnungsträger seiner Partei wurde?

Rückblende: Nach einer Kfz-Mechaniker-Lehre arbeitet Dietz bei der Baustofffirma PCI, nimmt einen Nebenjob im „Morning Star“ als Kellner an. Seit 1992 arbeitet er im „Peaches“. Er macht eine zweite Ausbildung zum Datenverarbeitungs-Kaufmann. 1993 wird er im „Peaches“ zum Geschäftsführer befördert: „Ich war schlicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Im Jahr 2000 übernimmt er das „Peaches“ als Mitinhaber, weitere Bars und Cafés folgen.

2005 wird Leo Dietz Mitglied des CSU-Ortsverbandes Bergheim: „Ich habe mich zwar schon damals für Politik interessiert, hatte aber noch überhaupt keine Ambitionen auf ein Mandat.“ Sein damaliger Vorsitzender überzeugt ihn dennoch, für den Stadtrat zu kandidieren. Als Gastronom sei er ein wunderbarer „Quoten-Fänger.“ Auf der CSU-Stadtratsliste landet der Polit-Neuling allerdings auf dem weithin aussichtslosen Platz 40. „Das war für mich völlig in Ordnung, schließlich war mein Ehrgeiz noch nicht geweckt.“

Doch das ändert sich kurz darauf: „2007 habe ich meinen 40. Geburtstag im ,La Bomba‘ gefeiert, als ich erstmals einige Vertreter der Stadtrats-CSU kennenlernte.“ Doch dieses erste Aufeinandertreffen fällt keinesfalls nur erfreulich aus. „Ein altgedienter Stadtrat hatte an meinem eigenen Geburtstag nichts besseres zu tun gehabt, als immer und immer wieder zu betonen, dass ich ja eh keine Chance hätte, in den Stadtrat zu kommen“, berichtet Dietz. So provoziert wollte „ich es jetzt wissen.“ Bereits am nächsten Tag ruft Dietz sein Peaches-Team zusammen, um einen Schlachtplan zu entwerfen. „Zu diesem Zeitpunkt beschlossen wir, all in zu gehen“. Es folgt eine beispiellose, private Wahlkampf-Kampagne. Dietz lässt überall in der Fuggerstadt plakatieren, ein Affront, schließlich gibt es ungeschriebene Gesetze, über die sich der Quereinsteiger einfach hinwegsetzt. Dazu ein vollbedrucktes Auto mit Fähnchen: „Immer wenn ich auftauchte hieß es, schau her, der Zirkus kommt.“ Der Plan des „charmanten Wahlkampfs“, den Dietz dennoch mit aller Härte führt, geht auf. Er wird so weit nach vorne gewählt, dass er einen Platz im Stadtrat erringt. „Ich hatte damals absolut keine Ahnung, was nun passiert, ich wusste nicht mal, wo ich im Rathaus hin musste“, resümiert Dietz. Er habe sich erst alles in Ruhe angeschaut und sich von den Polit-Veteranen führen lassen.

Auch wenn er damals zu den „jungen Wilden“ der CSU gerechnet wurde, habe er vor allem erst einmal zugehört und versucht, zu lernen. Doch dann fand die Karriere als ruhiger Hinterbänkler ein jähes Ende. In einer schicksalhaften Auseinandersetzung mit dem damaligen Ordnungsreferenten Walter Böhm geht es zur Sache. Böhm will den Ausschank von alkoholischen Getränken in Sektkühlern, den sogenannten Kübeln, verbieten. Dietz hält dagegen, seine erste Rede im Stadtrat. „Ich wurde dafür beglückwünscht und zugleich wurde mir klar gemacht, dass das sehr unangenehme Folgen für mich haben werde. Plötzlich war ich der Kübelwirt, ich wurde gemieden und das Ordnungsamt hatte mich und meine Läden auf dem Kieker“. Dann der nächste Nackenschlag, sein Maxstraßen-Club „Deeds“ muss wegen Mängeln im Brandschutz schließen. Leo Dietz und sein Team renovieren: „Ohne schweres Gerät, ohne Bagger, teilweise mit bloßen Händen haben wir uns durchgegraben.“ Es sei ein brutaler Kraftakt gewesen.

Damals, als er schwitzend, Meter tief unter der Erde im Dreck stand, folgte die nächste Erkenntnis. Im Schweiße seines Angesichts habe er angefangen, politisch selbstständig zu denken. Und so ging er übergangslos vom Einreißen der Deeds-Mauern dazu über, die Strukturen in der eigenen Partei umzubauen. „Mir wurde klar, dass jeder, der Verantwortung fordert, auch selbst bereit sein muss, diese zu übernehmen.“ 2015 wurde Dietz CSU-Kreisvorsitzender im Augsburger Westen, 2017 folgte der Umbruch auch in Bergheim, wo Dietz mit nur einer Stimme Vorsprung überraschend zum Ortsvorsitzenden gekürt wurde. „Erst war ich ein Unfall, dann haben sie mich unterschätzt, jetzt sehen viele mir nur noch hinterher“, spricht Dietz über den Verbleib seiner politischen Widersacher.

Was ist das Geheimrezept des Leo Dietz, das ihn immer wieder siegreich aus den Querelen hervorgehen lässt? „Hochmut kommt vor dem Fall. Meine Stärke ist es, dass ich meine Grenzen und meine Defizite kenne. Ich unterschätze nie jemanden und gehe immer von einer Niederlage aus“, erklärt Dietz seine Herangehensweise. Er sei niemand, der von sich aus Konflikte suche, aber, „wenn meine Leidenschaft für etwas geweckt wird, beiße ich mich da rein“. Dennoch sieht sich Dietz nicht als politischen Vordenker, sondern eher als Strategen: „Ich bin der, der das Team formt, der für den Zusammenhalt sorgt, das ist es, was ich in den Jahren in der Gastronomie gelernt habe. Ohne Team bin ich gar nichts und mein Team ist für mich alles. Alleine wäre ich nicht handlungsfähig“. Ein neues, vor allem verjüngtes Team, für die CSU zu schaffen, sei auch sein Anspruch bei der Aufstellung der Stadtratsliste für 2020 gewesen.

Seine Doppelrolle fasst der „Gastro-Politiker“ übrigens so zusammen: „Ich bin immer Peaches, ich bin immer CSU!“

Die vielen Gesichter des Leo Dietz.

Artikel: Marc Kampmann
Bilder: Marc Kampmann/Leo Dietz