AJ-Reporterin Annabell Hörner traf Schauspieler Sebastian Müller Stahl.

Von Annabell Hörner

Ein sichtbar in die Jahre gekommener Wohnwagen, eine von Müll übersäte Waldlichtung, Schnapsflaschen, Zigarettenstummel und herumlungernde Menschen. Gleich zu Beginn des Stücks Jerusalem sollte dank dem Bühnenbild jedem Zuschauer schnell bewusst sein, welcher gesellschaftlichen Schicht die Hauptcharaktere von André Bückers Inszenierung angehören. Doch Ex-Stuntman Johnny „Rooster“ Byron, gespielt von Sebastian Müller-Stahl, und seine jugendlichen Begleiter, die er gerne als „Ratten“ bezeichnet, schaffen es, der tristen Kulisse zu trotzen und geben dem Zuschauer trotzdem immer wieder das Gefühl von Lebensfreude.

Dabei handelt es sich bei Johnny Byron eigentlich um einen einsamen, arbeitslosen Mann, der in seiner Jugend hängen geblieben scheint und nun mit seinem Wohnwagen einen Ort für die Teenager des fiktiven Dorfes „Flintock“ bietet, wo diese ungestört diverse Drogen und Alkohol konsumieren können.

Im ersten Moment klingt das ganz und gar nicht nach einer Vorbildperson, im Laufe des Stücks kommt Rooster dem Zuschauer aber immer näher. So empfindet das auch Sebastian Müller-Stahl. „Ich muss das Positive an der Figur sehen, ich muss ihn lieben“, so der Schauspieler. „Im Grunde kümmert sich Johnny um die Jugendlichen“. Das wird auch im Gespräch zwischen Johnny Byron und einem Kneipenbesitzer Flintocks während des Stücks klar. Denn hier sagt Byron selbst: „Die meisten dieser Kids sind hier sicherer als Zuhause“.

„Jerusalem“ im Staatstheater Augsburg: Rooster ist sehr speziell

Auch ansonsten handelt es sich bei Rooster um eine ganz spezielle Persönlichkeit. „Ich habe mich sehr gefreut als André Bücker mich gefragt hat, ob ich diese Rolle spielen möchte. Zum einen freue ich mich über die Zusammenarbeit mit André, zum Anderen steht mir der Charakter Johnny Byron sehr nahe“, so Müller-Stahl.

Jerusalem
Der lebenspralle Johnny „Rooster“ Byron haust im Wohnwagen und verführt die lokale Jugend. Sebastian Müller-Stahl spielt die Hauptrolle in „Jerusalem“. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Er selbst komme aus einer Gegend, in der Orte und Menschen wie in Flintock durchaus realistisch seien. „Es ist unsere Aufgabe als Künstler, den Riss in der Gesellschaft zu zeigen“, so der gebürtige Berliner.

Dass das vierstündige Stück mit zwei Pausen alles andere als einfach darzustellen war, merkt man bereits von den Publikumsplätzen aus. Denn nicht nur die vulgäre Sprache und absichtlich eingebaute Sprach- und Grammatikfehler von Byron und seinen Gefährten wollen gekonnt sein.

Auch fast akrobatische Leistungen von Byron stechen hervor. „Als ehemaliger Stuntman muss er früher mal sehr sportlich gewesen sein, das wollte ich dann auch in meiner Inszenierung zeigen“, so Müller-Stahl. „Ich wollte, dass dem Publikum klar wird: Der konnte vielleicht mal was“. Sicherlich half dabei, dass der Schauspieler selbst sportlich sehr aktiv ist. „Ich nutze eben die Fähigkeiten, die ich habe, auch für meine Rolle“, sagt er.

Anders ist es natürlich mit dem exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum der Figuren. Dass es sich dabei nicht um echten hochprozentigen Alkohol handeln kann, sollte schnell jedem klar sein, so würden sich die Schauspielleistungen der Darsteller sich ansonsten im Laufe des Stücks rapide verändern.

Andere eher ungewöhnliche Lebensmittel, wie zum Beispiel ein rohes Ei, welches Byron gleich zu Beginn – gemixt mit Milch, einem guten Schuss „Alkohol“ und einem dubiosen Pulver – in einem Zug als Frühstück trinkt, nimmt Müller-Stahl aber tatsächlich zu sich. Dies sei aber wohl keine große Überwindung gewesen.

„So ein rohes Ei gehört für mich auch hin und wieder zum Ernährungsplan. Dann aber eher im Smoothie“, sagt er. Außerdem handele es sich bei dem Ei um ein frisches Bio-Ei, welches erst zwei Minuten vor der Szene aus dem Kühlschrank genommen werde, um auf der Bühne drapiert zu werden. Gesundheitliche Gefahren blei- ben da also immerhin aus.
Alles in allem schaffen Müller-Stahl und seine Kollegen es, mit Jerusalem ein ganz besonderes Theatererlebnis zu bieten, was sicherlich auch den ein oder anderen Theater-Neuling begeistert.

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