Backstage bei Brecht

Hinter den Kulissen beim Augsburger Festival

Zehn Gedichte aus Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“ an zehn verschiedenen Orten inszeniert mit zehn verschiedenen Teams – das ist das Konzept von „Shitty City“ des Ensembles Bluespots Productions. Und ich bin mit dabei. Als Schauspielerin agiere ich nämlich bei der Premiere „Spuren“ am Eröffnungstag des Festivals.

Mein Inszenierungsteam spielt in der alten Plärrerwache, die nach dem nächsten Osterplärrer dann abgerissen und neu gebaut wird. Als wir das erste Mal unseren Spielort betreten ist es eiskalt und verlassen. Wir sind gespannt, wie wir das Gedicht, in dem es um das Spuren verwischen und die eigene Identität geht, hier umsetzen werden. „Es ist nicht einfach, Brechts Lesebuch umzusetzen und auf das Städteleben zu packen“, erklärt Kristina Beck, die zusammen mit Lisa Bühler, Anton Limmer und Johanna Wehle das ganze Projekt koordiniert. „Die Gedichte sind komplex und wir mussten Räume finden, diese zu visualisieren.“

Neben einer Schauspieleinlage von mir und meiner Kollegin Anja Neukamm gibt es außerdem einen VR-Film zu sehen, den wir einige Wochen vorher gedreht haben. Das Bild wird dabei im 360 Grad-Winkel aufgenommen und kann mittels einer VR-Brille dreidimensional angesehen werden. Das Video bildete das Highlight der Inszenierung und begeisterte die Zuschauer, da sie sich unmittelbar im Film befanden. Gedreht haben wir den Kurzfilm in der Localbahn Augsburg, die eine perfekte Kulisse für unser dystopisch angehauchtes Video lieferte. Mit Maske, Kostüm und den vielen abgestellten und alten Zügen konnten wir uns sehr gut in das brechtsche Gedicht einfühlen und hatten alle viel Spaß.

Doch Localbahn und Polizeiwache sind nicht die einzigen Plätze, die vom Ensemble bespielt werden. „Bereits letzten Herbst haben wir angefangen, nach Spielorten in der Augsburger Innenstadt zu suchen. Von Kneipe über Kapelle bis zu Wasserwerk und der Fuggerei ist alles Mögliche dabei“, freut sich Lisa Bühler über die unterschiedlichen Spielräume. Die Zusammenarbeit mit den städtischen Einrichtungen lief sehr gut ab, was für die gesamte Organisation von Vorteil war. Bei einer Probe besuchte uns sogar Robert Kühnel von der Polizeiinspektion Mitte, da er und seine Kollegen neugierig waren, was hier in der Plärrerwache denn so vor sich geht. Dass die Wache vor dem Abriss noch mal genutzt wird und eine künstlerische Konnotation bekommt, findet der Polizeioberrat toll und ist begeistert von unserem Projekt. So schreibt jeder einzelne Ort seine eigene Geschichte und wird für das jeweilige Team und die anwesenden Zuschauer zu etwas besonderem. Mittlerweile ist uns durch die aufgestellten Heizlüfter auch ordentlich warm geworden und einer erfolgreichen Premiere steht nichts mehr im Wege.

Die weiteren Inszenierungen zeigen mit Tanz, Schauspiel, Musik und Kunst-Installation wie Brechts Gedichte in die Gegenwart geholt und individuell umgesetzt werden können. Auf www.bluespotsproductions.de und der offiziellen Brechtfestivalseite finden sich weitere Infos zu Künstlern und Spielorten.

Aber jetzt verziehe ich mich erst einmal auf die Eröffnungsparty ins Rheingold, wo sich alle Beteiligten auf einen gemütlichen Plausch über Brecht und das facettenreiche Festivalprogramm treffen.

Text: Iris Schmidt