Schwindel erregend!

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DIE HÖHENRETTER der Berufsfeuerwehr

Die Rettungsaktion am Schwaben Center (vorherige Seite) war Aufsehen erregend. Doch wer sind die Männer und Frauen, die in solch gefährlichen Situationen wortwörtlich in den Seilen hängen, um Schlimmeres zu verhindern? Wir sprachen mit Anselm Brieger, dem Chef der Höhenretter bei der Augsburger Berufsfeuerwehr. „Zum aktuellen Zeitpunkt sind wir die einzige Höhenrettungsgruppe in Schwaben“, erklärt Brieger. Somit liegen ihre Einsatzorte teils weit außerhalb der Fuggerstadt.
Aktuell kann die Gruppe auf 38 ausgebildete und aktive Feuerwehr-Kletterer zurückgreifen. Bei der Berufsfeuerwehr sind zu jedem Zeitpunkt immer mindestens vier Höhenretter im Dienst. „Sie gehen anderen Tätigkeiten nach und werden im Notfall abgezogen“, so Brieger. Insgesamt würden die Höhenretter rund 50 Mal im Jahr angefordert.

Und wie wird man Höhenretter? Die ausgebildeten Feuerwehrleute müssen einen 14-tägigen Lehrgang absolvieren, der Theorie, Praxis und eine abschließende Prüfung beinhaltet. Geübt wird unter anderen im leer stehenden Weltbild-Hochlager, am Augsburger Studenten-Wohnheim oder bei der Baumaschinen-Firma Nagel in Gersthofen.

Bei letzterer Adresse treffen wir den aktuellen Lehrgang, der sich bereits in Woche zwei der Ausbildung befindet. Hier wird auf einem Gerüst, sowie an einem Kran das Sichern und Abseilen von Patienten trainiert.

Außerhalb der Berufsfeuerwehren sind Höhenretter übrigens selten. Im Jahr müssten mindestens 70 Stunden Praxis nachgewiesen werden, das sei für Angehörige der Freiwilligen Feuerwehren so gut wie nicht darstellbar. Zum Einsatz kommen die Höhenretter immer dann, wenn Hilfeleistungen in großer Höhe oder schwer erreichbaren Tiefen von Nöten sind. „Unser Leistungsspektrum beginnt da, wo herkömmliche Rettungsmittel oder -techniken an Grenzen stoßen“, so Brieger.

Die Seile, die sie mit sich führen, haben eine maximale Länge von 200 Metern, doch diese Höhe wird selten erreicht. Gelegentlich trainiere man auf den Windrädern in der Nähe von Jettingen-Scheppach, die stellen mit ihren 140 Höhe das Maximum in der Region dar. Von den Techniken setzen die Höhenretter eine Mischung aus Bergsteigen und Industrieklettern ein.

Doch so intensiv die Theorie auch ist, wie Brieger betont ist jeder Einsatz einzigartig. „Wir haben hier Szenarien zu lösen die einem Puzzle gleichkommen.“ Als Beispiel schildert er den Unfall eines Kleinbagger-Fahrers: In einem Abbruchhaus geriet dieser beim Rückwärtsfahren in einen stillgelegten Aufzugschacht und stürzte mit dem Fahrzeug mehrer Stockwerke in die Tiefe. „In einer solchen Situation müssen viele Eventualitäten berücksichtigt werden“, erklärt Brieger. So sei beispielsweise die Sicherung der Aufzugskabine, die wie ein Damoklesschwert über dem Verunglückten schwebte, eine massive Herausforderung gewesen.

Er berichtet auch von einem Unfall im Glockenturm einer Kirche in der Region. „Uns blieb nichts anderes übrig, als eine Loch in das historische Mauerwerk zu schlagen, um den Patienten dann über die Außenwand in Sicherheit zu bringen. Manchmal sei hingegen psychologisches Fingerspitzengefühl gefragt. Man habe häufig mit Suizid-Gefährdeten zu tun. In solchen Fällen werde alles unternommen, um den Patienten von seinem Vorhaben abzubringen und einen Bezug zu ihm zu bekommen. „Da kann es auch einmal passieren, dass man auf einem Sims im fünften Stock mit dem Hilfsbedürftigen erst einmal eine selbstgedrehte Zigarette raucht“, beschreibt Brieger einen weiteren Einsatz und ergänzt „der betroffene Kollege war und ist übrigens Nichtraucher“.

Text: Marc Kampmann