Zwischen Leben und Tod

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Neun Minuten ohnmächtig Nach Ullmann-Horror: Jetzt spricht Lebensretter Dr. Ulf Blecker

Als die neue SonntagsPresse Dr. Ulf Blecker am Samstagabend ans Telefon bekommt, ist der Mannschaftsarzt der Düsseldorfer EG gerade irgendwo in den Katakomben der Merkur Spiel-Arena. Denn neben der DEG betreut Blecker auch die Fußballer der Fortuna.

Die Verbindung ist schlecht, bricht immer wieder ab. Im Hintergrund sind vereinzelte Stimmen zu hören, die den 3:1-Sieg des Bundesligisten gegen Mönchengladbach besingen. Auch Blecker freut sich über den wichtigen Sieg gegen die Borussia, aber in seinem Kopf, da dreht sich zu diesem Zeitpunkt immer noch vieles um den Vorabend:

Es ist die 34. Minute im Spiel der Augsburger Panther gegen die Düsseldorfer EG, als der Sport an diesem Freitagabend plötzlich in den Hintergrund rückt. Nach einem harten Check von John Henrion gegen Christoph Ullmann sackt der Augsburger Stürmer bewusstlos aufs Eis. Als der Panther-Physio zu dem reglos daliegenden Stürmer eilt, ahnt Blecker bereits Schlimmes: „Ich habe sofort gesehen, dass das ein wirklich gefährlicher Check war und habe gar nicht gewartet, bis ich gerufen werde, sondern bin auch sofort aufs Eis. Im Eishockey ist der Teamarzt der Heimmannschaft immer auch für die Gäste zuständig“, so der Sportmediziner. Was er sieht, als er bei dem Spieler ankommt, bestätigt seine Befürchtungen: „Das war wirklich ein schlimmer Anblick. Ich habe gesehen, dass er seine Zunge verschluckt hat. Er hat also keine Luft mehr bekommen, seine Lippen sind bereits blau angelaufen und er war nicht ansprechbar.“

Der Experte erkennt, dass die Situation extrem kritisch ist und muss schnell handeln: „Da musste ich mich in Sekundenschnelle entscheiden. Es war klar, dass die Zunge raus muss. Aber nach so einem katastrophalen Check weiß man natürlich nicht, ob er vielleicht auch noch eine Wirbelsäulenverletzung hat. Dann hätte die Gefahr bestanden, dass er eine Querschnittslähmung erleidet. Trotzdem gab es keine andere Alternative. Ohne das Eingreifen wäre der Spieler in kürzester Zeit erstickt.“ Während sich diese dramatischen Szenen abspielen und Blecker auf dem Eis um Ullmanns Leben kämpft, bekommen auch die Fans im Stadion mit, wie brenzlig die Situation ist. „Ich habe gemerkt, dass es auf einmal ganz ruhig im Stadion geworden ist. Aber ansonsten war ich total fokussiert. Da ist man einfach im Tunnel und blendet das Geschehen um einen herum komplett aus. Das muss man auch! Es gab im Sport schon öfter Todesfälle. Und natürlich hat man selbst Angst, in so einer Situation einen Fehler zu machen und muss unter diesem Druck eine Entscheidung fällen und reagieren.“

Auch die TV-Reporter merken, dass etwas nicht stimmt, dass es keine normale Verletzung ist. „Die sind dann auf mich zugekommen und haben gefragt, was los ist. Ich habe dann gesagt, dass wir zuerst sicher sein müssen, dass er stabil ist, weil ja auch seine ganze Familie vor dem Fernseher gesessen ist. Deshalb wurde es in der Live-Übertragung nicht weiter thematisiert.“

Blecker macht alles richtig: Er holt Ullmanns Zunge aus dessen Rachen und legt so die Atemwege wieder frei. „Das hat alles gut funktioniert, aber da bin ich ja nicht allein beteiligt gewesen. Die Malteser und der Augsburger Physio haben auch einen guten Job gemacht. Es haben einfach alle kleinen Rädchen gegriffen zum Wohle des Spielers.“

Als Ullmann wieder zu sich kommt, weiß er noch nicht, dass er in die Augen seines Lebensretters blickt. „Er wusste am Anfang gar nicht, wo er ist. Das ist auch nachvollziehbar, schließlich war er insgesamt neun Minuten bewusstlos. Als er dann die Augen aufgemacht hat, habe ich ihm zuerst gesagt, er solle seinen linken Arm bewegen, danach das rechte Bein. Nachdem das beides funktioniert hat, habe ich gewusst, dass alles gut gegangen ist und mir ist ein großer Stein vom Herzen gefallen. Nach und nach hat er auch realisiert, was passiert ist.“ Auf einer Trage wird der Mann mit der Rückennummer 47 vom Eis gebracht und in ein Krankenhaus gefahren. Dort verbringt er die Nacht.

Am nächsten Morgen klingelt Bleckers Telefon: „Er hat sich mehrmals bei mir bedankt. Es ging ihm den Umständen entsprechend recht gut. Nur ordentlich geschockt war er noch. Erst durch Gespräche mit seinen Teamkollegen und Betreuern ist ihm klar geworden, wie knapp er mit dem Leben davon gekommen ist.“ Und wie hat Blecker selbst den Einsatz verarbeitet? „Das ging mir schon nahe. Ich bin jetzt 27 Jahre bei der DEG als Arzt im Einsatz, aber so etwas ist auch für mich nicht alltäglich. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Und wenn ich doch mal kurz die Augen geschlossen habe, dann hatte ich sofort wieder die Bilder im Kopf.“

Weil am Ende alles gut gegangen ist, werde sich das bestimmt wieder geben und Blecker kann auf das Spiel am heutigen Sonntag hinfiebern. Dann ist er in Augsburg im Stadion. Auf einen Einsatz wie am Freitagabend würde der Lebensretter dann gerne verzichten.

Text: Maximilian James
Foto: Birgit Häfner