Vom Faulpelz zum Star

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INTERVIEW Marco Richter über den EM-Hype, Glückwünsche und seine Zukunft beim FCA

Vom Bolzplatz ins Rampenlicht, Mentalitätsmonster Richter oder Henker Richter – nach dem EM-Auftakt überschlugen sich die Schlagzeilen um Augsburgs Marco Richter. Logisch, denn zum ersten Spiel der U21-Europameisterschaft besiegte der Dänemark quasi im Alleingang: Zwei Tore und eine Vorlage steuerte er beim 3:1-Sieg bei, wurde Man of the Match. Das AUGSBURG JOURNAL traf ihn im Trainingslager vor EM-Start in Natz-Schabs.

AUGSBURG JOURNAL: U21-Nationalspieler Marco Richter – wie hört sich das für Sie an?
Marco Richter: Es ist schon etwas normaler geworden, wobei das Tragen des Trikots mit dem Adler für mich immer noch etwas Besonderes ist. Ich muss mich jetzt aber nicht ständig zwicken, um zu überprüfen, ob ich träume.

AJ: Spätestens mit Ihrem starken Schlussspurt in der Rückrunde (vier Tore/ drei Vorlagen) haben Sie sich das Ticket für die U21-Europameisterschaft verdient.
Richter: In der Rückrunde ist mein Knoten geplatzt. Ich hatte davor diese Statistik mit den meisten Torschüssen ohne Treffer schon im Hinterkopf. Das hat mich beschäftigt, aber jeder Spieler erlebt mal ein Tief. Wichtig ist, wie man wieder da raus kommt.

AJ: Und wie ist Ihnen das gelungen?
Richter: Ich habe gerade in dieser Phase noch intensiver trainiert, mir nach den Einheiten den Ball geschnappt und zwanzig Minuten aus allen Lagen aufs Tor geschossen. Zum einen, um an der Technik zu feilen. Zum anderen aber auch, um mir so Selbstvertrauen durch Treffer zu holen. Ich bin niemand, der aufgibt, wenn es mal holpert. Gerade zeige ich noch mehr Herz.

AJ: Wer hat Ihnen denn aus Augsburg zur EM-Nominierung gratuliert?
Richter: Natürlich mein Trainer Martin Schmidt. Er hat mir nach meinem Treffer beim 12:0 im Vorbereitungsspiel gegen eine Südtirol-Auswahl eine total nette Whatsapp aus den Bergen geschickt und wünscht sich während des Turniers weitere Treffer von mir. Auch einige meiner Mitspieler haben geschrieben. Die haben aber mehr Witze gemacht (grinst). Und auch Stephan Schwarz hat mir viel Erfolg gewünscht.

AJ: Der mittlerweile ehemalige technische Direktor beim FCA?
Richter: Ja genau. Ich war überrascht. Aber es ist schön, dass er an mich gedacht hat.

AJ: Welche Erfahrungen aus dem Turnier können Sie mit nach Augsburg nehmen?
Richter: Ich habe hier einen sehr guten Austausch. Nicht nur mit dem Trainerteam, sondern auch mit den Mitspielern. Wir sind ja alle mehr oder weniger eine Altersklasse. Da stellt sich jeder die gleichen Fragen: Wie geht der eine mit Druck um? Was macht der andere, um aus seinem Tief zu kommen? Wie kommt man an seine Leistungsgrenze? Dieses Feedback von „Gleichaltrigen“ hilft.

AJ: Und welche Erkenntnisse konnten Sie sammeln?
Richter: Dass ich auf einem guten Weg bin. Ich darf mich nicht verrückt machen lassen oder in meiner Entwicklung stehen bleiben. Ich muss weiter an mir arbeiten. Ich habe zum Beispiel meine Ernährung umgestellt, dazu achte ich noch mehr auf meinen Körper, gönne mir – wenn es sein muss – auch mal Pausen. Da bin ich also auf einem guten Weg. Mit dem, was ich bisher geleistet habe, muss ich mich nicht verstecken, aber es ist auch noch nichts erreicht. Ich bin bereit für den nächsten Schritt.

AJ: Was bedeutet es Ihnen, hier bei der Nationalmannschaft zu sein?
Richter: Sehr viel. Als Kind habe ich mit meiner Schwester Panini-Sticker und Match Attax-Karten gesammelt und getauscht. Mein Opa hat immer gleich ganze Pakete gekauft, sodass ich zwei, drei komplette Alben hatte. Und jetzt bin ich auf einer dieser Karten drauf… Das ist schon geil. Ich bin aber nicht nur froh, hier zu sein. Ich will bei der U21 auch spielen. Ob nun von Beginn an oder als Einwechselspieler für ein paar Minuten. Ich werde Gas geben.

AJ: Wenn es mit dem Titel klappen sollte, wären sie nach Dominik Kohr der zweite FCA-Spieler, der U21-Europameister werden würde.
Richter: Da ist viel Theorie dabei. Aber wir haben beim DFB so eine geile Truppe, dass ich daran glaube. Wenn wir Europameister werden sollten, würde ich mir das Finaldatum auf meinen Arm tätowieren.

AJ: Apropos Spaß. Wie viel Spaß wird Ihnen die kommende FCA-Saison bereiten?
Richter: Puh, daran denke ich erst nach der Europameisterschaft, aber ich hoffe, sie macht viel Spaß. Ich habe aktuell nur die U21 im Kopf. Danach habe ich noch ein paar Tage frei. Spätestens mit dem Augsburger Trainingslager in Tirol geht‘s dann wieder los mit der Konzentration auf den FCA.

AJ: Trotzdem dürfte Sie interessieren, was auf dem Transfermarkt passiert. Mit Florian Niederlechner holte Augsburg einen weiteren Angreifer.
Richter: Er ist ja eher ein Strafraumstürmer, ich dagegen werde wohl mehr über links kommen oder auf der Acht spielen. Wir könnten also auch gemeinsam auf dem Feld stehen. Mit Robin Koch und Luca Waldschmidt habe ich schon über Florian gesprochen. Die kennen ihn ja aus Freiburg und meinten, dass er ein guter Typ und sehr umgänglich sei. Letztlich muss natürlich der Trainer entscheiden, wie er aufstellt. Aber bis zum ersten Pflichtspiel ist noch lange hin.

AJ: Das heißt, wir sehen Sie 2019/2020 definitiv im FCA-Trikot?
Richter: Auf diese Frage kann ich keine Antwort geben. Erstens, weil man im Fußball nie etwas ausschließen sollte, aber vor allem deswegen, weil ich mich bis zuletzt voll auf die U21 konzentriere.

AJ-Redakteur Dennis Amedovski (rechts) besuchte Marco Richter während des U21-Trainingslagers in Südtirol.

Text: Dennis Amedovski
Foto: Krieger