Bei der Vorstellung der OB-Kandidaten darf natürlich auch der Fraktionsvorsitzende der SPD, Dr. Florian Freund, nicht fehlen. Marc Kampmann sprach mit ihm im Rahmen unseres „Talk im Park“-Podcasts. Da sich die beiden seit etlichen Jahren kennen, unterhielten sie sich im vertrauten „Du“.
Augsburg Journal: Lieber Flo, nicht jeder weiß, dass sich hinter deinem Doktortitel und deinem gut sitzenden Jackett ein echter HipHop- und Gangsta-Rap-Fan versteckt.
Florian Freund: Das stimmt, ja, in meiner Jugend durchaus. Jetzt mit drei Kindern muss ich ein bisschen mehr darauf achten, was zu Hause an Musik läuft. Nicht alles ist jugendfrei, was ich so in meiner Sturm-und-Drang-Phase gehört habe.
AJ: Wie steht es um deine eigenen Rapper-Qualitäten? Würdest du es auf ein Battle mit Eva Weber ankommen lassen?
Freund: Nachdem es ja im Rap, auch bei den amerikanischen Künstlern, um „Real Life“ – das echte Leben, die echten Diskussionen und das Ausdrücken von Alltagserfahrungen – geht, würde ich mir jederzeit zutrauen, Eva Weber herauszufordern.
Der SPD-Chef ließ sich mit „Ledereiern“ bewerfen
AJ: Wer dich auf Social Media verfolgt, der weiß, dass du auch in Footballrüstung eine gute Figur machst. Wie kam es dazu, dass sich der SPD-Chef mit „Ledereiern“ bewerfen ließ?
Freund: Immerhin habe ich so ein Ei auch mal gefangen (lacht). Die Situation im Rosenaustadion ist eines der Beispiele, die dazu geführt haben, dass wir mit dem Slogan „Augsburg wieder in Ordnung bringen“ nach draußen gehen. Die Augsburger Centurions haben sehr erfolgreich in der dritten Liga American Football gespielt. Und es ging um die Playoffs und die Möglichkeiten, die entscheidenden Spiele im großen Stadion austragen zu können. Die Stadtregierung hatte da nicht den nötigen Entscheider-Mut. Deswegen haben wir dann Druck gemacht, am Ende erfolgreich.
AJ: Bleiben wir kurz noch bei der Football Analogie: Die Reihen um Eva Weber sind geschlossen, also die „Defense“ der CSU steht. Was muss alles glatt laufen, damit du auch die „Playoffs“ im Augsburger Wahlkampf gewinnen kannst?
Freund: Also ich glaube nicht, dass die Reihen um Eva Weber geschlossen sind. Wenn ich mir ihr Nominierungssergebnis anschaue mit irgendwas knapp über 70 Prozent. Das ist ja ein Drittel der Mannschaft, der ihr schon zu Beginn die Gefolgschaft verweigert hat. Ich erlebe auch keine besonders ambitionierte CSU in diesem Wahlkampf. Das muss mich aber nicht kümmern. Wir müssen uns auf die eigenen Stärken besinnen. Wir haben ein gutes Programm ausgearbeitet, wir haben viele Ideen für Augsburg, um unsere Stadt auch wieder in Ordnung zu bringen.
Florian Freund: Stinkende Toiletten sind Missmanagement
AJ: Nicht nur die Sportstätten in Augsburg haben ein Problem. Viele Eltern sprechen seit Jahren von unhaltbaren Zuständen an den Schulen. Stichwort: stinkende Schultoiletten. Was sagt dies über die Prioritätensetzung der aktuellen Stadtregierung aus?
Freund: Das sagt vor allen Dingen was über die Managementqualitäten dieser Stadtregierung aus. Ich will ja nicht bestreiten, dass wir viel Geld für Schulsanierungen in die Hand genommen haben. Aber dass wir es nicht schaffen, dann auch die Toiletten mit anzugehen, ist ein Ausdruck von schlechtem Management. Ich habe an verschiedenen Stellen auch durch private Initiative mithelfen dürfen. Beispielsweise haben wir dank der großartigen Unterstützung eines Bauunternehmens die Schultoilette in Göggingen sanieren können. Andere sind dann diesem Beispiel gefolgt. Aber das kann nicht die Regel sein, die Stadt muss ein eigenes Programm auflegen.
AJ: Thema Sanierung. Die Sanierung des Staatstheaters beschäftigt Augsburg seit Jahren finanziell, politisch und emotional. Wer hat hier wann eigentlich was verbockt?
Freund: Also wir sind ja, was die offiziellen Kostenansätze angeht, bei 417 Millionen Euro. Meine Fraktion und ich, wir haben bereits vor vielen Jahren beschlossen, dass wir das nicht mehr mitmachen. Wir hatten einen Kostendeckel durchgesetzt von 187 Millionen. Dann gab es ein paar Funde von römischen Stadtmauerresten. Aber ab diesem Zeitpunkt haben wir gesagt: „Nein, das geht so nicht. Wir müssen ein Theater auch an finanzielle Rahmenbedingungen anpassen können.“
Wir waren auch massiv dagegen, den Architekten auf diese Weise rausschmeißen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Im Juli 2024 beschließt Schwarz-Grün einen Blankoscheck über 77 Millionen an Zusatzkosten, die sie damals gerechtfertigt haben mit angeblichen Baupreissteigerungen. Jetzt bin ich Volkswirt und um Baupreissteigerungen auszurechnen, muss man nur prozentrechnen. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen dem, was sich aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes ergeben hat und dem, was uns vorgelegt worden ist. Und als mir dann ein paar Wochen später der Baureferent mitgeteilt hat, dass sich die Stadt von einem Architekten getrennt hat, war mir klar, wo die 77 Millionen herkommen.
AJ: Also gehst du davon aus, dass es eigentlich von vornherein der Plan war?
Freund: Ja. Aus meiner Sicht deutet alles darauf hin, dass die 77 Millionen schon eingeplant waren, im Vorgriff einer nochmaligen Umplanung und des Architektenwechsels, der zwangsweise auf größere Friktionen hinausläuft.
Florian Freund: „Auch wenn‘s wehtut, arbeite ich und kämpfe weiter“
AJ: Kommen wir noch mal ganz kurz zum Sport. Du bist ja ein begeisterter Rennradfahrer. Würdest du in deinem aktuellen Trainingszustand noch einmal eine Alpenüberquerung schaffen?
Freund: Ich bin im Moment, nach den Weihnachtsfeiertagen, froh, dass mein Jackett zugeht, dass ich noch in etwa so aussehe, wie ich auf den Fotos und Wahlplakaten aussehe. Und in der Tat habe ich mit meinem Bruder bereits eine Alpenüberquerung geschafft. Wir kamen auf die Idee, mit dem Rennrad zu fahren und, ja, es war schmerzhaft. Aber es hat mich auch was gelehrt, nämlich, dass ich mich schon auch reinbeißen kann und auch wenn‘s wehtut, weiterarbeite und weiter kämpfe.
AJ: Also bist du bereit, jetzt die letzten Höhenmeter zu nehmen bis zum Wahlkampf?
Freund: Ich finde es immer spannend, wenn die Leute mich fragen, ob ich es noch aushalte, ob es noch geht. Ehrlich gesagt, das ist mein Element. Mir macht das Spaß. Ich sage immer wieder: Wenn du keine Lust hast, Leute zu treffen, wenn du keine Lust hast, mit Leuten in Austausch zu gehen, wenn du keine Lust hast, Leute davon zu überzeugen, dass du gute Ideen auch für Augsburg hast und auch Ideen aufzugreifen, dann darfst du es nicht machen, dann ist das falsch für dich. Also ich muss mich morgens nicht aus dem Bett quälen, ich schaue mir meinen Kalender am Abend vorher an und denke: Morgen, das wird auch noch mal ein sportlicher Tag. Gut.
Florian Freund: Wegfall von Parkplätzen kein Selbstzweck
AJ: Apropos Fahrrad: Viele Augsburger regen sich sehr leidenschaftlich über die – und ich sage jetzt ganz bewusst – grün-schwarze Verkehrspolitik auf. Tempo-30-Zonen, umstrittene Fahrradwege, der Wegfall von Parkplätzen. Die SPD hat lange vieles davon mitgetragen, unterstützt Teile davon bis heute. Kommt diese teils sehr deutliche Kritik der Bürger bei euch noch an?
Freund: Ja klar, natürlich nehmen wir die Kritik wahr. Was wichtig ist, ist, dass wir die Diskussion ohne ideologische Scheuklappen führen. Der Wegfall von Parkplätzen ist kein Selbstzweck. Die Frage ist: Wie gestalte ich Mobilität so, dass möglichst viele Bevölkerungsgruppen einen möglichst guten und hohen Anteil haben können? Und ich sage das ganz ausdrücklich, da gehören die Fahrradfahrer dazu, da gehören die Fußgänger dazu. Aber da gehört natürlich auch das Auto dazu.
Wir stellen fest, dass die Anbindung der Innenstadt in den letzten Jahren schlechter geworden sind. Irgendwie müssen die Leute ja reinkommen. Das Angebot im ÖPNV muss so gut sein, dass jeder von sich aus sagt, ich steige da ein, aber solange das nicht der Fall ist, muss ich natürlich Möglichkeiten schaffen, dass die Leute auch hier ihr Auto parken können.
Viele Viertel sind mit dem Parkverkehr überlastet. Die Gebäude stammen aus den 50er, 60er Jahren. Damals kam ein Auto auf fünf bis zehn Wohnungen. Heute kommen auf jede Wohnung zwei Autos. Dass der Parkraum nicht reicht, ist klar. Jetzt die Parkplätze wegzunehmen und das Parken ohne Alternativen einzuschränken, macht keinen Sinn.
AJ: Es ist natürlich schwierig, sich beispielsweise bei den Grünen mit solchen Ideen durchzusetzen?
Freund: Ich bin nicht der Meinung, dass wir darüber diskutieren sollten, was mit welchem Koalitionspartner möglicherweise durchzusetzen ist. Es ist in Augsburg so eine Unart geworden, dass wir meinen, wir spielen Bundesebene und machen Koalitionsverträge. Ich habe mein OB-Vorbild Uli Maly mal gefragt wie er das in Nürnberg handhabt. Und er hat gesagt: „Weißt du, Florian, wir machen keine Koalitionsverträge. Die großen Akteure im Stadtrat verständigen sich darauf, dass man zwei Dinge gemeinsam macht. Das erste ist die Wahl der Referentinnen und Referenten, weil das ist so wichtig, das darf man Zufällen nicht überlassen. Und wir verständigen uns darauf, dass wir die Haushalte gemeinsam beschließen. Die anderen Fragen, die Sachfragen, die klären wir im Diskurs im Stadtrat.“ Das ist etwas, was in Augsburg in der GroKo sicherlich zu kurz gekommen ist, aber in den letzten Jahren noch schlimmer geworden ist, weil sich Schwarz und Grün auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen und den dann mit Gewalt durchsetzen müssen, weil jede Abweichung zu möglichen Rissen innerhalb dieser Koalition führen könnte.
Florian Freund: Kritik an Medienmaschine mit 60 Köpfen
AJ: In der Außendarstellung setzt das Rathaus auf Social-Media-Kampagnen, hübsche Videos und ein Heer von Pressesprechern. Wird diese „Zuckerguss-Kommunikation“, wie du sie bezeichnest, den wahren Problemen und Herausforderungen der Stadt gerecht?
Freund: Ich glaube, dass die Realitätsverweigerung bei Schwarz-Grün nicht so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht sehen, dass es Probleme gibt. Deswegen machen sie wie bei einem misslungenen Kuchen Zuckerguss auf alles oben drüber, das irgendwie verbrannt aussehen könnte. Überall, wo es Probleme gibt, wird in einer blumigen Rhetorik und mit knalligen Farben alles überdeckt.
Ich glaube, die Menschen haben ein sehr gutes Gefühl dafür, dass es seit der letzten Stadtregierung schlechter geworden ist. All diese Bemühungen, zu betonen, dass wir ja eine sehr glückliche Großstadt sind und dass die Menschen gerne in Augsburg leben – ja, natürlich tun sie das, jeder von uns lebt ja freiwillig hier. Aber wenn wir uns die harten Zahlen anschauen, auch des Instituts der deutschen Wirtschaft, haben wie beim Standortranking massiv verloren. Seit Kurt Gribl nicht mehr OB ist, geht es auch beim Dynamikranking bergab. Und dass, obwohl wir ja die Uniklinik im Aufbau haben. Dass man sich da aber einer Medienmaschine bedient, die mittlerweile 60 Köpfe zählt – sprich der Hauptabteilung Kommunikation bei der Oberbürgermeisterin – ist aus meiner Sicht wirklich ein Problem. Das sind mehr Mitarbeiter als in München. Und die Stadt ist ja doch ein wenig größer als Augsburg.
AJ: Kommen wir zu einem dieser kuscheligen, flauschigen Themen: Eva Weber will Augsburg ja zu einem Hunde-Paradies machen. Da kann ich mir leider ein paar Wortspiele nicht verkneifen. Die CSU hat sich dem Leitwolf Eva Weber unterworfen. Die Grünen machen mit verliebtem Dackelblick Männchen und selbst die Freien Wähler haben mit Aussicht auf ein paar Leckerlis die Rolle rückwärts gemacht und setzen jetzt auf einen gemäßigten Kuschelkurs. Siehst du nach der Wahl überhaupt Koalitionsoptionen für deine SPD?
Freund: Also ich glaube, die Inhaltsleere der Union wurde da noch mal deutlich, wenn ich sage: Wir haben eigentlich keine Großprojekte für Augsburg, wir wissen eigentlich gar nicht, was wir machen wollen. Das einzige, was uns einfällt, sind Hunde-Leckerlis, dann spricht das Bände.
Die CSU ist letztlich der Ermüdungsbruch in der Augsburger Stadtgeschichte und sie ist personell tatsächlich relativ ausgelaugt. Und wenn die Lage schwierig ist, fast aussichtslos, dann schart man sich halt hinter irgendwem, der sagt: „Wir gehen jetzt da lang, ich gehen voran.“ Das versucht Eva Weber. Was man allerdings ableiten könnte aus dem „Weiter so“ – was das Theater angeht, was die Schulsanierungen angeht, was Großprojekte in Augsburg angeht, was die Stadtentwicklung angeht, was die Gestaltung der Transformation angeht, was die Wirtschaftskraft der Stadt Augsburg angeht – das würde ich schon fast als Drohung sehen und nicht als Versprechen.
Wann entsteht Politikverdrossenheit…
AJ: Immer wieder wird von Politikverdrossenheit geredet, gerade auch auf kommunaler Ebene.
Freund: Politikverdrossenheit entsteht auch dann, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass die politisch Verantwortlichen etwas nicht im Griff haben. Wenn sie das Gefühl haben, die Infrastruktur ist nicht in Ordnung, wenn sie das Gefühl haben, die Schulen sind nicht in Ordnung, wenn sie das Gefühl haben, der Verkehr ist nicht in Ordnung, der öffentliche Nahverkehr ist nicht in Ordnung. Das sehen die Leute. Das können auch 60 Leute in der Kommunikation-Abteilung nicht zudecken. Das kann auch der Zuckerguss von Eva Weber nicht zudecken. Und die Bonbonfarben im Kommunalwahlkampf auch nicht.
Florian Freund: „Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit“
AJ: Ein großes dieser Themen ist natürlich auch mangelnder Wohnraum und teure Mieten.
Florian Freund: Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit. Deswegen ist es natürlich eine Frage, mit der sich die SPD intensiv beschäftigt, und da helfen drei Dinge: Bauen, bauen, bauen. Das ist das Einzige, was gegen Wohnungsmangel hilft. Es gibt viele Vorschriften auf Bundesebene, auf Landesebene, die das Bauen kompliziert machen und die Baupreise steigen lassen. Aber es gibt auch Vorschriften in Augsburg, die Bauen teurer machen. Und wir haben gerade auch in den letzten Jahren immer wieder dafür gekämpft, dass wir solche Vorschriften in Augsburg entrümpeln. Beispielsweise die Stellplatzsatzung, beispielsweise die Spielplatzsatzung, die Schwarz-Grün jetzt erst vor ein paar Monaten wieder neu beschlossen hat.
AJ: Angenommen, du hättest morgen die Verantwortung im Rathaus, quasi jetzt. Welches Thema würdest du zuerst anpacken?
Freund: Wichtig ist, dass wir das Mindset in der Stadt ändern. Ich würde zwei Projekte sehr schnell angehen. Das eine ist die Fuggerpromenade, weil es ein Projekt ist, auf das Augsburg schon sehr, sehr lange wartet. Weil es wichtig ist für die Innenstadt, weil es wichtig ist für den Stadtmarkt. Weil es wichtig ist für die Anbindung des Bahnhofs an die Innenstadt. Die Pläne sind fix und fertig. Das muss sehr, sehr schnell gehen. Und das zweite, was ich angehen würde, sind die Schultoiletten, die wir in den nächsten sechs Jahren in einen Zustand bringen wollen, der in Ordnung ist.
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