Die Freilichtbühne wird zur Frei-nicht-Bühne: Bereits in dieser Saison ist Schluss mit Theater am Roten Tor. Diese Entscheidung der Stadt – begründet mit der gefährdeten Standsicherheit der Tribüne – rief nicht nur Reaktionen aus der Politik hervor.
Was Theater-Granden wie Wolfgang Buchner, der mit mehr als 120 eigenen Bühnen- und Kostümausstattungen dem Theater und auch „seiner“ Freilichtbühne Leben einhauchte, zu den bisherigen Alternativ-Vorschlägen sagen.
Drama um die Freilichtbühne: Die Stadt teilte vergangene Woche mit, dass sich das Bauwerk in keinem guten baulichen Zustand befände und deshalb saniert werden müsse. Der Hammer: Aus Sicherheitsgründen stehe „die Freilichtbühne für die Spielzeit 2026 und darüber hinaus nicht mehr zur Verfügung“.
Schon 2025 wusste Bücker, dass es mit der Freilichtbühne eng wird
Neu ist das alles nicht, liest man die September-Ausgabe 2025 des Augsburg Journals, konkret unseren Ferien-Plausch mit dem Staatsintendanten André Bücker: „Bücker hätte mit seinem Team bereits einen Ausweichort gefunden, weil die Stadt sie ursprünglich 2027 sanieren wollte. ‚Wir hatten eine konkrete Idee: das Gaswerk. Aber es wäre ein ganz anderes Konzept geworden. Keine Imitation der Freilichtbühne‘, sagte er dem Augsburg Journal damals. Und weiter fragten wir: „Jetzt wurde die Sanierung auf 2029 verschoben. Wie kann man sich denn da sicher sein, dass die Freilichtbühne nächstes Jahr hält? ‚Kann man gar nicht‘, sagt Bücker frei heraus. ‚Und ich hoffe jetzt, dass uns nicht dasselbe passiert wie beim Großen Haus. Da wusste man auch, dass der Sanierungsbedarf Fakt ist, hat es ewig rausgezögert und dann wurde das Haus von einem Tag auf den anderen geschlossen. Ich hoffe, dass uns das bei der Freilichtbühne nicht passiert, aber sicher sein kann ich da überhaupt nicht.‘ Mit einem mulmigen Gefühl gehe er aber nicht auf die Bühne, vertraue den Begehungen und statischen Prüfungen.“
Seit der Schließung jetzt wurde viel kommentiert. Doch was sagen eigentlich altgediente Freilichtbühnen-Experten wie Bühnenbild-Koryphäe Wolfgang Buchner? Der langjährige Bühnen- und Kostümbildner am Staatstheater Augsburg (über 40 Jahre war er dort tätig, zuletzt als Vorstand des Malsaals und Leiter der Kascheur- und Tapezierwerkstatt) betont im Gespräch mit dem Augsburg Journal Reporter die Einzigartigkeit der Freilichtbühne, auf der er auch mehrere Stücke verantwortete: „Was wir auf der Freilichtbühne erlebt haben, war unglaublich: diese Festivität.“ Und ergänzt: „Auf anderen Geländen kann man das nicht machen: Die Atmosphäre auf der Freilichtbühne ist andernorts nicht herstellbar, und schon gar nicht im Gaswerk. Ich habe dort drei Jahre lang gearbeitet. Das ist ein Terrain, das ist außerhalb der Stadtgrenze und man kann dort nicht die Atmosphäre erzwingen, die unsere Freilichtbühne mit der Mauer hatte.“ Denn, betont der 70-Jährige: „Die Atmosphäre der Freilichtbühne ist einzigartig im süddeutschen Raum und ich als Salzburger kann mich nicht erinnern, dass ich in Salzburg eine Freilichtaufführung in dieser Art gesehen hätte.“ Dass man im Rathaus nicht früher erkannt hätte, dass man sanieren muss, sei für ihn unverständlich.
Der Rathausplatz als Alternative zur Freilichtbühne?
Das Gaswerkgelände sei für ihn keine Alternative: „Beim Gaswerkgelände kenn ich nur den Blick aus dem Turm: Da ist eine Wiese, da kann man Bühne und Tribüne hinstellen, aber da ist keine Atmosphäre vorhanden. Diese Anlage am Roten Tor ist ja Jahrhunderte vorher entstanden.“
Er verstehe auch den Baureferenten nicht: „Ich kann nicht verstehen, warum die Freilichtbühne so derart schnell geschlossen werden musste. Den Bühnenboden kann man doch behelfsmäßig so gestalten, dass nichts passieren kann. Man kann Bretter austauschen, unten Stabilisatoren einsetzen. Das kann man reparieren. Man kann durch Stützen eine Stabilität einsetzen!“
Was wären seine Alternativen? „Ich betrachte das nicht als Bühnenbildner: Aber ich höre vom Rathausplatz, das würde ich für die Stadt empfehlen: Das ist ein großer Platz, dort kann man eine Tribüne für 1500 Leute und eine Bühne hinstellen und den Hintergrund, das
Rathaus, in das Stück einwirken lassen. Ich würde nicht aus dem Zentrum der Stadt rausgehen. Es kommen auch Besucher von außerhalb, die wollen auch die Stadt erleben.“
Wir haben uns weiter umgehört, welche Einschätzungen andere Augsburger abgeben:
Jürgen Enninger, Kulturreferent: Die Haltung des Kulturreferats ist es, Kunst und Kultur als Teil der Stadtentwicklung zu denken und dabei auch unkonventionelle Wege zu gehen. Was uns jetzt passiert ist, haben wir uns nicht ausgesucht. Aber dadurch entsteht die Chance, diese Haltung gemeinsam in die Tat umzusetzen, neu zu denken, Kräfte zu bündeln und pragmatische Lösungen zu entwickeln, damit Kunst und Kultur in Augsburg in diesem Sommer noch vielfältiger ihre Plätze finden und so Motor einer lebendigen Innenstadtentwicklung werden. Die Kulturverwaltung steht derzeit noch mit weiteren Veranstaltern im Austausch, sodass davon ausgegangen werden kann, dass es noch weitere Konzerte am Gaswerksommer geben wird. Aufgrund des engen zeitlichen Korsetts zwischen der Sperrung der Freilichtbühne und den ersten Veranstaltungen auf dem Gaswerk, liegt der Fokus der Verwaltung derzeit auf der Realisierung der Spielzeit für 2026. Dennoch wurden parallel weitere Orte dahingehend untersucht, ob diese für die Stadtsommerkonzerte in Frage kommen können. Mit Blick auf die Spielzeit 2027 sollen diese Untersuchungen fortgeführt werden, um dann idealerweise auch in der Innenstadt Flächen zu schaffen, die Veranstaltungen in dieser Größenordnung ermöglichen.
Eva Weber, Oberbürgermeisterin:
Die Schließung der Freilichtbühne braucht jetzt kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander. Jetzt besteht die Chance, Sommer-Kultur dezentral an überraschende Orte zu bringen und unserer Stadt einen frischen Impuls zu geben.
Iris Steiner, FDP-OB-Kandidatin:
Ich habe am 10. Dezember 2025 auf meinem Instagram-Kanal deutlich gemacht, dass eine weitere Verschiebung der Sanierung ein akutes Sicherheitsrisiko darstellt. Die jetzige Schließung zeigt: Die Stadtregierung hat diese Warnungen ignoriert. Das wäre vermeidbar gewesen.
Florian Freund: „Die Freilichtbühne ist die Cash-Cow des Staatstheaters“
Florian Freund, SPD-OB-Kandidat: Was für ein Theater – jetzt auch an der Freilichtbühne. Wieder einmal muss eine Augsburger Institution kurzfristig geschlossen werden, weil die Stadtregierung sie nicht in Ordnung gehalten hat. Das ist schade für die Besucher, die Künstler aber auch für das Leben in der Innenstadt. Die Freilichtbühne bringt Frequenz und Kundschaft in den Handel und die Gastronomie. Deswegen brauchen wir jetzt zwei Dinge: erstens eine Alternative für die Freilichtbühne in der Innenstadt und nicht viele kleine Alternativchen. Zweitens so schnell wie möglich eine Sanierung der Freilichtbühne. Die Freilichtbühne ist die Cash-Cow des Staatstheaters. Da wird Umsatz gemacht und Geld verdient, das fürs Wirtschaftsergebnis des Staatstheaters wichtig ist. Augsburg ist leider keine gesunde Stadt mehr – unsere geliebte Heimat ist wegen politischem Miss-Management ein kranker Patient. Aber die gute Nachricht ist: Wir bringen das wieder in Ordnung!
Götz Beck, Tourismusdirektor: Die Freilichtbühne Augsburg ist von den Sitzplätzen eine der größten Bühnen in Süddeutschland. Mit der langen Tradition und wunderbaren Atmosphäre zählt sie zu den bedeutendsten Open-Air-Spielstätten in Deutschland. Die Bedeutung im Tourismus hängt sehr stark vom Programm ab. Musicals wie z.B. zum Thema Fugger „Herz aus Gold“ haben eine hohe touristische Relevanz – auch für die Bustouristik – während zwar bekannte aber allgemeinere Produktionen eher lokalen und regionalen Charakter haben. Grundsätzlich ist es immer wichtig für die Innenstädte, dass die Veranstaltungen im Zentrum zur Belebung der Frequentierung beitragen. Allerdings müssen die Umsetzbarkeit und die Kosten berücksichtigt werden. Hier sollte eine sinnvolle Abwägung erfolgen.
Raphael Brandmiller: „Jetzt müssen wir erneut improvisieren und eine Lösung finden“
Raphael Brandmiller, Generation Aux: Man wusste, dass die Freilichtbühne ein Sanierungsfall ist. Bereits im August 2025 wusste der Intendant Bescheid. Warum wurde damals, als vollkommen klar war, dass es einer Sanierung bedarf, nicht offen darüber gesprochen? Die Stadt, das Staatstheater und Konzertveranstalter hätten einen ganz anderen Vorlauf gehabt und man hätte sich Gedanken über Alternativen machen können. Wenn wir die Freilichtbühne schließen, dann brauchen wir einen Alternativstandort in der Innenstadt. Jetzt tut man wieder überrascht, weil man sich irgendwie da durch lavieren wollte. Das ist nicht gelungen, es ist aufgeflogen. Wieder einmal wird nicht ehrlich mit der Stadt und der Stadtgesellschaft umgegangen. Jetzt müssen wir erneut improvisieren und eine Lösung finden, mit der keiner wirklich glücklich ist.
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