Die Augsburger Rennrodlerin Dajana Eitberger darf zum Abschluss ihrer Karriere noch mal zu den Olympischen Spielen. Dort hat sie die Chance mit ihrer Partnerin Magdalena Matschina Historisches zu erreichen.

Langsam wird es ernst für Dajana Eitberger. Die Anzüge sind schon da, viele Einzelheiten sind schon besprochen, die Einkleidung erfolgt. Alles ist angerichtet für das letzte große Event ihrer Karriere, die Olympischen Spiele in Mailand Cortina. Am 5. Februar beginnt das Mega-Event, sechs Tage später stehen die zwei Läufe im Doppelsitzer beim Rennrodeln auf dem Plan. Die Disziplin ist zum ersten Mal olympisch, nur ein Team darf pro Nation antreten. Die Erwartungshaltung vom Verband ist daher entsprechend hoch, wie die 35-Jährige im Gespräch mit dem Augsburg Journal erzählt.

Draußen ist es kalt, die Temperaturen liegen um oder unterhalb des Gefrierpunkts. Während andere frieren, sind es für Eitberger „ideale Bedingungen“ für das, was auf sie in wenigen Tagen in Italien erwartet. Dort möchte die Wahl-Augsburgerin Geschichte schreiben, der Weg dorthin war allerdings alles andere als ein Selbstläufer, um ihre Olympianominierung gab es Diskussionen.

Dajana Eitberger: „Wir wollen den Moment genießen“

Einige Fans hätten es lieber gesehen, wenn Jessica Degenhardt und Cheyenne Rosenthal bei Olympia an den Start gegangen wären. Das Duo wurde kürzlich Europameister, Eitberger und Magdalena Matschina dort „nur“ Dritte. „Mit dieser Kritik können wir leben, aber das ist nur die halbe Wahrheit“, sagt Eitberger. Ein Titel an einem Wochenende sei das eine, die konstante Performance auf der spezifischen Olympiabahn das andere. „Wir haben beim internen Wettkampf auf der Olympiabahn und auch beim Testevent mit internationaler und nationaler Konkurrenz dort die Nase vorn gehabt. Dafür haben wir im Sommer alles gegeben und jetzt das goldene Ticket von Willy Wonka in der Tasche“, sagt sie selbstbewusst. „Jetzt versuchen wir uns nicht davon beeinflussen zu lassen, sondern wollen den Moment genießen.“

Mit über 120 km/h durch den Eiskanal: Für die 35-Jährige Eitberger stehen die letzten Rennen ihrer Karriere an.  Foto: Michael Kristen
Mit über 120 km/h durch den Eiskanal: Für die 35-Jährige Eitberger stehen die letzten Rennen ihrer Karriere an. Foto: Michael Kristen

Dass Eitberger überhaupt im Doppelsitzer angreift, liegt auch an einem personellen Wechsel. Als sie vor ein paar Jahren die Disziplin vom Einsitzer in den Doppelsitzer vollzog, fuhr sie zunächst mit Saskia Schirmer. Mittlerweile aber mit der erst 20-jährigen Magdalena Matschina. 15 Jahre Altersunterschied trennen die beiden – sportlich aber sind sie eine Einheit. „Wenn ich jemanden adoptieren wollen würde, dann sie“, sagt Eitberger lachend über das Verhältnis zu ihrer jungen Partnerin. Matschina bringe das „Quirlige“ zurück in den Alltag, hole Eitberger aus dem manchmal monotonen Profi-Tunnel heraus und passe mit ihrem athletischen Potenzial auch sportlich besser zur ambitionierten Athletin. Die Beziehung erinnere sie an ihre Freundschaft zur Rodel-Legende Natalie Geisenberger, nur dass Eitberger nun die Mentorin ist. „Wir begegnen uns brutal auf Augenhöhe. Es macht einfach Spaß, sich gemeinsam aus kniffligen Situationen rauszuquälen.“

Mentale Probleme: „Mir ist teilweise übel geworden“

Trotz ihrer 25 Jahre im Leistungssport betont Eitberger im Gespräch, dass nichts selbstverständlich ist, auch nicht das Bewältigen der inneren Anspannung vor den Wettkämpfen. Im Gegenteil: Sie musste im letzten Jahr lernen, neu mit Nervosität umzugehen. „Mir ist teilweise übel geworden vor dem Start, das kannte ich so von mir nicht“, gibt sie offen zu. Der Grat zwischen Panik und Angriffslust sei schmal geworden. Geholfen haben Yoga, Atemtechniken und Musik, um die Balance wiederzufinden.

Einen Ruhepol bildet dabei auch die Familie, auch wenn diese während der Spiele größtenteils auf Distanz bleibt. Ihr fünfjähriger Sohn Levi, mittlerweile ihr „größter Kritiker“ vor dem Fernseher, wird nicht mit nach Cortina reisen. „Er ist bei Oma und Opa im sicheren Hafen gut aufgehoben“, so Eitberger. Ihr Lebensgefährte wird ihr jedoch vor Ort den Rücken freihalten. „Er hat gesagt, ‚Wenn die da hinfährt, dann möchte ich an ihrer Seite stehen und sie unterstützen.‘ Das hat er sich auch voll verdient, weil er mein größter Supporter in den letzten sechs Jahren war.“

Nach der Saison beendet Eitberger ihre Karriere

Aktuell richtet sich der Blick der Augsburgerin nach dem letzten Weltcup voll auf die Olympischen Spiele am 11. Februar, doch sie weiß auch: Es ist das letzte große Highlight, wenige Wochen vor dem Karriereende. Nach den Spielen und zwei abschließenden Weltcups in St. Moritz und Altenberg hört die Silbermedaillenträgerin von Pyeongchang endgültig auf. „Ich habe 25 Jahre lang viel aufgegeben und viel erlebt. Jetzt freue ich mich auf das, was danach kommt.“

Doch bevor der Vorhang fällt, will sie den Moment genießen. Bloß nicht verkrampfen, bloß nicht die Medaille erzwingen wollen. „Wenn ich es zu sehr wollte, ging es meistens schief“, weiß sie aus Erfahrung. Stattdessen will sie die Atmosphäre voll aufsaugen – und vielleicht, ganz am Ende, doch noch einmal jubelnd ganz oben stehen. Es wäre der perfekte Schlussstrich unter eine große Karriere. jk

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