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Dienstag, 27. Januar 2026

Almut Kühne: Schrille Klänge wie aus einer anderen Welt

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Gurren, pfeifen, trällern, quietschen: etwas zwischen zwitscherndem Vogelhaus, Gackern, Keas, die flöten und Dschungelklängen: So klang die Performance von Almut Kühne in der Galerie Noah. Sie begleitete die Ausstellungseröffnung mit Bildern und Bronzeplastiken von Helge Leiberg, der auch für seine Performances bekannt ist. „Das ist etwas ganz Besonderes“, freute sich Leiberg im Vorfeld.

Aber was der Augsburger nicht kennt… Der Auftritt der gebürtigen Dresdnerin, die in Berlin lebt, stieß bei den Gästen auf Interesse und Irritation gleichermaßen, blickte man in die Gesichter.

Zahlreiche der Anwesenden filmten den Auftritt, der eine Premiere in der Fuggerstadt darstellte. Was aber auch das AJ REPORTER-Team überraschte: Ein gerade mal 26 Sekunden langes Video des Auftritts in der Galerie Noah auf unseren Instagram– und Facebook-Accounts ging regelrecht viral:

Zu Redaktionsschluss hatte der kurze Clip bereits über 420.000 Aufrufe auf Facebook, 6.400 Interaktionen und 3.200 Kommentare. Fast 2.500 Menschen gefiel der Clip, der zeigt, wie Kühne gekonnt mit ihrem Gesang etwa Urwaldsound erzeugt – ganz ohne Mikrofon. Auf Instagram waren es immerhin über 83.000 Aufrufe, 5.510 Interaktionen und 269 Kommentare. 594 Menschen gefiel der Clip, 4.394 hatten ihn geteilt.

Hunderttausende „Lauschen“

Die Kommentare blieben nicht bei sachlicher Kritik. Teilweise gingen sie massiv unter die Gürtellinie.
Viele der Kommentierenden, die das Video aus dem gesamten deutschsprachigen Raum ansahen, zeigten völliges Unverständnis für die Künstlerin. Es gab aber auch einige Kommentatoren, die die Performance feierten und sie vor den Kritikern ohne Kunstverständnis verteidigten.

Kühne ist bekannt als Jazzsängerin, Komponistin und Interpretin Neuer Musik. Wir haben die Sängerin hinter den wilden Geräuschen gefragt, ob sie solche Reaktionen öfter erlebt, und wie sie damit umgeht. Almut Kühne erklärt, wie wichtig das Zusammenspiel aller Komponenten bei ihrer Performance ist: „Der Moment, wenn wir uns gemeinsam in einem Raum befinden, um die Kunst von Helge Leiberg zu betrachten, dann die Resonanz des Raumes, seiner Kunstwerke und meiner Stimme, aber auch die jedes einzelnen Besuchers gemeinsam erfahren, kann besonders wertvoll sein, wenn wir uns dafür öffnen können und wollen.“ Sie selbst würde singen, ohne zu werten, und rät ihrem Publikum ebenfalls zu dieser Offenheit. Die Rolle des Internets bewertet sie kritisch: „Eine Grundlage von Social Media ist das Zustimmen und Ablehnen. Man spürt, wie sich diese Gepflogenheit schon außerhalb des Internets in unseren Köpfen manifestiert hat.“ Es vereinfache die Fähigkeit zur komplexen Reflexion und verhindere das gemeinschaftliche Erleben.

„Das Feedback, das ich bekomme, fällt oft sehr aufrichtig und natürlich individuell aus.“

„Ich bin nicht bei Instagram und nur noch geringfügig auf Facebook aktiv, weil ich sehe, wie diese Entwicklung für uns als Menschen und für unsere Gesellschaft nicht gesund ist.“ Auch beobachte sie ein Schwinden der Fähigkeit, sich auf Kunst und Musik wirklich einlassen zu können, nur Kinder und Teenager nimmt sie ausdrücklich aus. „Das Feedback, das ich bekomme, ist also die verbale Resonanz von Zuhörern nach einem Konzert oder wie am Freitag dem Gesang zu Kunstwerken. Diese fällt oft sehr aufrichtig und natürlich individuell aus.“ Glücklich seien meist diejenigen, die sich dafür öffnen könnten, enttäuscht die, die eine Erwartungshaltung mitgebracht hätten. „Manche haben richtig Freude daran, was ich mache, es passieren ja durchaus auch komische Dinge, und viele werden zu Hause unter der Dusche ihre Stimmbänder in Schwingung versetzen, weil sie heimlich ausprobieren wollen, ob sie das ein oder andere auch hinbekommen.“

Sie betont: „Ich habe mir ein Instrument erarbeitet, mit dem ich sehr räumlich singen kann. Diese Räumlichkeit überträgt sich dann auch auf die Zuhörer. Es ist eine andere Art, die Stimme zu benutzen, was viele beeindruckt.“ Stimme könne schnell emotionale Reaktionen hervorrufen, folglich könnten manche Laute, auch eigenartige Emotionen bei den Zuhörern hervorrufen: „Das gehört dazu. Einige werden sich daher auch verschließen müssen, es ablehnen müssen, weil es einen Punkt berührt, der nicht berührt werden soll“, verweist sie auf die Komplexität. „Einem Like und einem Dislike liegen oft ganz nachvollziehbare Vorgänge zugrunde“, erklärt sie. Eine Frau habe sich beispielsweise begeistert gezeigt, ihr hätte nur „das Erdige“ gefehlt. Dann habe die Künstlerin auf die Figuren von Helge Leiberg verwiesen, die tanzen und ständig in Bewegung sind. Dann habe sie es verstanden.

Eins kann man aus den hitzigen Debatten sicher mitnehmen: Kunst bewegt nach wie vor die Gemüter – das sieht man an den bewegten Leiberg Figuren wie an den Reaktionen auf Kühnes Gesang.

Mit der Ausstellung „Move!“ zeigt die Galerie Noah bis 10. Mai neue Malerei, Zeichnung und Plastik von Helge Leiberg.

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