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Dreifach Mord in Langweid – So geht eine Mutter mit dem Tod ihres erschossenen Sohnes um

Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich ihn an diesem Abend nicht von mir zu Hause weggehen lassen“, sagt Eveline Haltmayr leise. An diesen Moment denke sie immer und immer wieder. „Wolfgang ging zum Aufzug, wir haben Tschüss gesagt. Und das war das letzte Tschüss.“ Eveline Haltmayr schaut während des Gesprächs zur Wand. Jetzt ist eben alles anders. Einfach alles! Noch am späten Abend des selben Tages kamen die Polizeibeamten und brachten die erschütternde Nachricht: Ihr Sohn und dessen Frau seien bei einem Dreifach Mord in Langweid am Lech erschossen worden. Wolfgang war Stunden vor der schrecklichen Tat noch bei ihr zu Besuch. „Das machte er öfters, um zu fragen, ob alles okay ist und ob er helfen kann“, so die 75-Jährige.

Mit einem Schlag ist jetzt nichts mehr so, wie es vorher war. Die Mutter des Mordopfers stellt sich der grausamen Wahrheit: Der Prozess um den Dreifach-Mord hat begonnen. Eveline Haltmayr ist im Gerichtssaal – zusammen mit dem mutmaßlichen Mörder. Sie ist Nebenklägerin, Angehörige, und eben Mutter eines Opfers. Ihr bleibt nicht viel, als über ihre Geschichte zu sprechen und damit Menschen mit ähnlichen Schicksalen vielleicht das Gefühl zu geben: Ihr seid nicht allein. Seit Jahren ist die Augsburgerin mit ihrem Stand – der „Haltmayr‘s Nikolaus-Schänke“ – ein fester Bestandteil auf dem Christkindlesmarkt. Schon 50 Jahre lang. Im vergangenen Jahr das erste Mal seit langem ohne ihren Sohn, der sich vorher um alles kümmerte. Eveline Haltmayr sitzt während des Gesprächs mit dem Augsburg Journal REPORTER am Esstisch ihrer Wohnung. Es ist eine schöne Wohnung, in hellen Tönen eingerichtet und mit Blick auf die Stadt. Der Stuhl, auf dem sie sitzt, das sei immer der Platz ihres Sohnes gewesen. „Auf diesem Stuhl darf niemand anderes sitzen. Nur ich“.

Dreifach Mord in Langweid: “Innerlich hat es mich gefroren”

Sie kommt wieder auf den ersten Gerichtstag zu sprechen. „Fragen Sie nicht, mit was für einem Gefühl man da reingeht“, beschreibt sie den Prozesstag im Augsburger Landgericht. Es war das erste Mal, dass sie Gerhard B., den mutmaßlichen Mörder ihres Sohnes, sah. „Innerlich hat es mich gefroren“, erinnert sie sich. „Ich habe mir gedacht: Weiß der eigentlich, was er uns angetan hat? Der hat zwei Familien für immer unglücklich gemacht.“ Bisher zeigt sich B. während des Prozesses regungslos und vor allem emotionslos. Der Tag, an dem ihr Sohn, dessen Frau und noch eine weitere Nachbarin starben, das ist für Eveline Haltmayr der „schwarze Tag“. „An diesen Tag darf ich nicht denken“, erklärt sie und stockt zunächst. Dann erzählt sie doch: Von dem Moment, als die Polizei bei ihr klingelte. Zuerst dachte sie, es seien Betrüger, von denen man aktuell so viel in den Nachrichten hört. Aber als Anrufe von nahen Verwandten kamen, ließ sie die Beamten doch rein. „Sie waren alle hier gesessen“, erinnert sie sich und deutet auf ihren großen Esstisch. „Da waren Polizisten, jemand vom Roten Kreuz, viele auf jeden Fall. Alle haben sich um mich gekümmert.“ Auch ihre Anwältin Isabel Kratzer-Ceylan, die beim Weißen Ring Augsburg tätig ist. Der bietet Kriminalitätsopfern Hilfe an, egal ob seelischer oder auch gesundheitlicher Natur. Bis heute nimmt Haltmayr gerne Unterstützung in Form einer Psychotherapie an. Denn der Prozess und der Anblick des Angeklagten Gerhard B. setzen ihr dramatisch zu: Sie erzählt von schlimmen Albträumen. Von Prozesstagen, die sie psychisch belasten. Von Momenten, in welchen sie das Gericht verlässt, weil Notrufe abgespielt werden oder Zeugen detailliert die Tat schildern. Sie erzählt aber auch von dem starken Gefühl, ihr Sohn wäre noch bei ihr, würde ihr zur Seite stehen, sie in den Arm nehmen.

Wie sie in Zukunft über ihren Verlust hinwegkommen soll, das weiß Eveline Haltmayr nicht. „Das kann man nicht aufwiegen, das war doch einfach mein Bua!“ Aber weitermachen müsse man. „Ich habe drei Leute einstellen müssen, um die Arbeit zu übernehmen, die mein Sohn auf dem Weihnachtsmarkt gemacht hat“, sagt sie. Aufhören wolle sie eben trotzdem nicht. Auch von anderen wünscht sie sich: „Geht normal mit mir um. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg, das Thema anzusprechen. Reden, das hilft schon.“

Hilfe für Kriminalitätsopfer

Opfer von Straftaten leiden oft noch lange Zeit nach der Tat unter psychischen oder auch physischen Folgen. Isabel Kratzer-Ceylan ist Fachanwältin für Strafrecht und als Traumaberaterin beim Weißen Ring Augsburg tätig. Menschen, die traumatische und schmerzhafte Erfahrungen machen mussten, können sich unverbindlich beim Weißen Ring erkundigen. Dort wird beraten, Kontakt zu Spezialisten hergestellt oder in finanzieller Form unterstützt. Nähere Infos unter www.weisser-ring.de

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