Ohnmächtig zusehen zu müssen, wie die Bevölkerung in der Ukraine leidet, war für eine Initiative aus dem Landkreis keine Option. „Auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein war, so konnten wir doch für fast 150 Flüchtlinge eine Alternative und ein Leben in Sicherheit bieten“, berichten die Organisatoren Stephan Kramer, Stefan Wörle und Helmuth Dollinger. Doch neben den humanitären Touren weiß das Trio auch von „beschämenden“ Szenen in Augsburgs Ankerzentrum (zuständig ist die Regierung von Schwaben) und „haarsträubenden“ Verpflegungs-Pannen der Stadt zu berichten – dazu später mehr.
Der Start der Aktion, die mittlerweile in zwei Touren dringend benötigte Güter an die polnisch-ukrainische Grenze gebracht und auf dem Rückweg notleidende Ukrainer in Sicherheit gebracht hat, fand ihren Anfang am Faschingsdienstag. Nach Abstimmung mit örtlichen Politikern und dem Landratsamt wurden u.a. in Langweid und Biberbach für Flüchtlinge gesammelt. „Wir waren beeindruckt von der riesigen Hilfs- und Spendenbereitschaft der Bevölkerung, welche uns mit Sachspenden und Hilfsgütern versorgt haben“, so Kramer. Mit einem Reisebus und einem 12-Tonner ging dann nach Lancut in Polen. Nach dem Abladen nahmen die Helfer 50 Flüchtlingen (21 Frauen, 22 Kinder, sieben Männer) aus dem Auffanglager „Hala Kijowska“ auf und machten sich auf den Rückweg.

Flüchtlings-Hilfe in der Fuggerstadt: Teilweise Pannen und fehlende Empathie

Nach 14 Stunden Fahrt sein der Bus in Augsburg angekommen. Trotz vorheriger Absprache mit der Stadt sei im Ankerzentrum jedoch niemand auf die Flüchtlinge vorbereitet gewesen. Sie seien vom Sicherheitspersonal in Empfang genommen worden. „Was dort geschah, kann ich nur beschämend nennen“, so Wörle. Die traumatisierten Kriegsflüchtlinge seien von der Security „wie Tiere über den Hof getrieben“ worden, mussten ihre wenigen Sachen stehen lassen. „Die Bitte nach warmen bzw. heißem Wasser für Babynahrung oder die Frage nach einer Toilette wurden nicht beantwortet und zuerst ein Corona-Test verlangt.
Den eingeschüchterten Leuten wurde nachdrücklich klar gemacht, dass sie jetzt Masken aufzusetzen hätten“, so Wörle. Unter Äußerungen wie „hop hop hop“ seien die Menschen aufgefordert worden, das Gebäude zu betreten.
Wörle habe gegen den Umgang protestiert, worauf ein Sicherheitsmitarbeiter wortwörtlich zu ihm gesagt habe: „Bruder, ich weiß schon wie das hier läuft, mach Dir da mal keine Gedanken“.
„Wenn ich mir vorstelle, dass die Flüchtlinge tagelang unterwegs zur Grenze waren, dort stunden- oder tagelang auf die Einreise nach Polen ausharren mussten, schließlich in einem Auffanglager landen und dann dort von uns überzeugt wurden, mit im Bus nach Augsburg zu kommen, über 1000 Kilometer weg von ihrer Heimat, find ich die Behandlung vor Ort abscheulich“, ist Wörle noch immer fassungslos. „Ich hab mich geschämt dafür, dass wir die Leute dort hin gebracht hatten“. Auf private Initiative und wegen der Umstände im Ankerzentrum wurden die 50 Flüchtlinge schnell auf private Unterkünfte und gastfreundliche Familien verteilt.
Auch der zweite Trip lief ohne größere Schwierigkeiten ab – die Probleme fingen wieder erst in der Fuggerstadt an. Erneut wurden Fahrzeuge beladen und Hilfsgüter nach Polen verfrachtet. Es sei beeindruckend, wie der polnische Staat die Flüchtlingswelle bewältige; beide Flüchtlings-Auffanglager dort hätten einen sehr aufgeräumten und organisierten Eindruck gemacht.
Diesmal ging es mit 98 Flüchtlingen zurück nach Langweid, wo die ersten 32 Passagiere freundlich empfangen worden seien. Die übrigen Flüchtlinge seien dann in Absprache mit der Stadt ins Hostel „Übernacht“ in Augsburg eingecheckt – dies geschah in der Nacht zum vergangenen Montag gegen 3 Uhr. Kramer berichtet: „Gegen 9.30 Uhr am Morgen erreichte uns dann der Anruf eines Flüchtlings-Helfers vor Ort, dass die Menschen dort weder Essen noch Getränke oder Hygieneartikel bekommen hätten“.
Nachdem bis in den frühen Nachmittag kein Offizieller der Stadt überhaupt nur nach dem Rechten gesehen hätte, machten sich Kramer und Dollinger auf um privat Verpflegung zu besorgen. Vorbereitete Carepakete seien wohl einfach vergessen worden. „Zu alledem mussten die ausgehungerten Flüchtlinge das Essen dann auch noch auf dem Gehsteig zu sich nehmen – neben den Mülltonnen“, ärgert sich Kramer.
Daraufhin haben man erneut in Eigeninitiative die Flüchtlinge ins Landschullandheim Dinkelscherben gebracht. Die Rücksprache mit dem Landratsamt sei hier unkompliziert und zielführend möglich gewesen. Zumindest im Landkreis sei so eine sichere Zuflucht möglich. „Es ist schön zu erleben, wie dankbar insbesondere die Mamas und Kinder sind, wenn sie letztendlich vor Ort herzlich empfangen werden“, so Kramer.
Wörle fasst abschließend zusammen: „Private Helfer stellen innerhalb von drei Tagen einen Hilfstransport mit zwei Fahrzeugen voll Waren zusammen und professionelle staatliche Stellen schaffen es innerhalb fünf Tagen offensichtlich nicht, auch nur jemanden abzustellen, der 50, beziehungsweise 66 Flüchtlinge vor Ort in Empfang nimmt.“ Das sei allerunterste Schublade und zeige offensichtlich einmal mehr, wie handlungsunfähig oder -unwillig einschlägige Behörden seien.
Die kritisierten Stellen konnten am Wochenende nicht mehr konkret zu den Vorwürfen befragt werden. Am Freitagvormittag hatte sich Augsburgs Sozialreferent Martin Schenkelberg im SoPress-Gespräch grundsätzlich zur Flüchtlingsproblematik geäußert.
Die Flüchtlinge würden in der Regel empfangen, wenn man wisse, wann und wo sie ankommen. Oft hapere es an der Kommunikation. So würden manche Busse mehrfach angekündigt und oft stimmten die genannten Zahlen nicht. So berichtet Schenkelberg von einem Bus, in dem 50 Personen gemeldet waren. Bei Ankunft saßen noch 13 drin. Die anderen seien wohl vorher ausgestiegen. Für die Menschen aus der Ukraine gebe es zur Begrüßung gewöhnlich Hygiene- und Lunchpakete von Hilfsorganisationen.
Der Referent kann auch nicht genau sagen, wie viele Ukrainer*innen bereits in der Stadt sind, da etliche privat unterkommen. Offiziell liegt die registrierte Zahl bei 700, etwa 1000 weitere Plätze hält die Stadt derzeit vor, die auch mit Personalmangel – Stichwort: Corona wie auch durch einen Unfall eines Leistungsträgers – zu kämpfen hat. Rund 40 Mitarbeiter des Sozialreferates und weitere 20 aus anderen städtischen Behörden seien derzeit nur mit der Flüchtlingsankunft beschäftigt. Man sei stetig dran, die Organisation zu verbessern und zu beschleunigen, etwa auch mit Hilfe einer digitalen Wohnraum-Übersicht.
Zu den Aufgaben gehöre auch, sich möglichst unbürokratisch um die Kinder zu kümmern, etwa wenn der Wunsch nach Schulunterricht besteht. Eine Schulpflicht gibt es erst nach drei Monaten. Und man helfe bei der Vermittlung von Arbeitsstellen – insgesamt ein breites Feld, in dem nicht alles reibungslos läuft. mk/bub

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