800 Euro im Monat für zwei Kinder und trotzdem immer wieder Notbetreuung. Steigende Gebühren und verkürzte Öffnungszeiten in den Kindertageseinrichtungen in Augsburg bringen viele Eltern an ihre Grenzen.
„Es kann nicht sein, dass ich im Grunde nur arbeite, um die Fremdbetreuung meiner Kinder zu finanzieren, meinen Lebenslauf nicht abreißen zu lassen und zumindest etwas in die Rente einzuzahlen. Das hat für mich mit Gleichberechtigung wenig zu tun“, sagt die dreifache Mutter Bernadette Allweyer. „Wenn zusätzlich noch das Familiengeld in Bayern wegfällt, lohnt sich Teilzeitarbeit – insbesondere für Mütter – faktisch kaum noch.“
Bernadette Allweyer gehört zur Gruppe betroffener Eltern des katholischen Reggio-Kindergartens im St.-Thaddäus-Zentrum, die eine Online-Petition mit dem Titel „Augsburg muss handeln – bezahlbare, verlässliche Kinderbetreuung in unserer Stadt“ ins Leben gerufen hat. Diese richtet sich an die Kommunalpolitik in Augsburg. Gefordert wird unter anderem, dass die Stadt Augsburg den Defizitausgleich für nicht städtische Träger in deutlich größerem Umfang übernimmt.
Zahlreiche Kommentare enttäuschter und verzweifelter Eltern zur Kita-Förderung
In kurzer Zeit haben mehr als 700 Betroffene die Petition der Elterninitiative „Taskforce Kinderbetreuung“ unterzeichnet. Unter ihnen ist auch Claudia Thumm, Mutter von zwei Kindern, die ihre Situation als belastend beschreibt. „Mein Sohn geht in den Kindergarten. Meine Tochter ist behindert und pflegebedürftig. Wenn Öffnungszeiten eingeschränkt werden oder Notbetreuung stattfindet, bringt die zusätzlichen Herausforderungen in unseren Alltag. Es ist schwer, beiden Kindern gerecht zu werden.“
Unterstützerin Marina Doll berichtet von ähnlichen Erfahrungen: „Nach der Elternzeit bin ich in meinen Beruf zurückgekehrt und habe eine verantwortungsvolle Stelle übernommen. Dann wurden überraschend die Öffnungszeiten von 16 Uhr auf 14 Uhr gekürzt. Mein Mann arbeitet im Schichtdienst. Für uns war das kaum planbar.“ Besonders belastend war die fehlende Perspektive. „Wir hätten zumindest gerne gewusst, wie lange die Einschränkungen dauern.“
Unter der Petition finden sich zahlreiche Kommentare enttäuschter und verzweifelter Eltern. Mitinitiatorin und die dreifache Mutter Franziska Brehm betont, betroffene Eltern müssten ihre Stimmen bündeln, um Entscheidungsträger direkt anzusprechen. „Als Wirtschaftsstandort braucht Augsburg eine solide Kinderbetreuung. Deshalb haben auch lokale Unternehmen ein großes Interesse an einem verlässlichen System, auf das man bauen kann“, sagt Brehm. „Wir als Taskforce-Gruppe haben außerdem offene Briefe mit einer Zusammenfassung der Problemlage an die Stadtratsfraktionen von SPD, Grünen und CSU geschickt. Wir erhoffen uns eine baldige Rückmeldung.“
Kita-Personal braucht nachhaltige und gute Bedingungen
Doch nicht nur Eltern sehen die Situation kritisch. Auch Kita-Personal braucht nachhaltige und gute Bedingungen, um gut mit den Kindern arbeiten zu können.
Pfarrer Gerhard Groll, Träger des katholischen Reggio-Kindergartens im St.-Thaddäus-Zentrum, betreibt seit vielen Jahren seine Einrichtung. „Die Kinder sind unsere Zukunft, deshalb darf man bei frühkindlicher Bildung nicht sparen“, sagt er. Doch die aktuelle Situation stellt ihn vor besondere Herausforderungen.
„Ich bin ehrlich gesagt ratlos, wie es langfristig weitergehen soll.“ Während in vielen Kommunen 80 bis 100 Prozent des Defizits freier Träger übernommen würden, sei das in Augsburg nicht der Fall. „Andere Städte unterstützen ihre Einrichtungen deutlich stärker“, sagt Groll.
Die Personalsituation ist nicht nur in Augsburg, sondern deutschlandweit angespannt. „Rein betriebswirtschaftlich müsste ich verlangen, dass meine Teilzeitkräfte verpflichtend am Nachmittag arbeiten. Das würde aber nicht funktionieren, weil viele unserer Mitarbeiterinnen selbst Mütter sind“, so Groll. Deshalb seien verkürzte Betreuungszeiten eine notwendige Maßnahme.
Kritik, die Kirche soll die Defizite vollständig selbst tragen, weist Groll zurück. „Durch sinkende Kirchensteuereinnahmen stehen auch wir unter Druck.“ Er könnte keine Garantie geben, möchte die Einrichtung jedoch unbedingt weiter betreiben.
Kita-Förderung: Seit 2020 rund 270 Millionen Euro in freie Träger investiert
Die Stadt Augsburg verweist auf ihre umfangreichen Unterstützungsmaßnahmen. „Eine gute frühkindliche Bildung und Betreuung ist eine Grundvoraussetzung für Chancengerechtigkeit“, betont Martina Wild, Zweite Bürgermeisterin und Bildungsreferentin. „Wir stehen im engen Austausch mit Trägern und Elternvertretungen, um tragfähige und bezahlbare Lösungen zu finden“.
Nach Angaben der Stadt wurden seit 2020 rund 270 Millionen Euro in freie Träger investiert. Die freiwilligen Zuschüsse wurden zuletzt auf zwei Millionen Euro jährlich erhöht. Auch die jüngste Entscheidung des Freistaats Bayern, die Betriebskostenförderung deutlich anzuheben, wird die Einrichtungen entlasten. Für Augsburg bedeutet das eine Steigerung der Förderung um rund 6,3 Millionen Euro im Jahr 2026.
Auf die Frage nach steigenden Elternbeiträgen verweist die Stadt darauf, dass freie (5296 Kinder) und kirchliche (4205 Kinder) Träger ihre Gebühren eigenverantwortlich festlegen. Eine kommunale Obergrenze gibt es nicht.
„Bei den 57 städtischen Einrichtungen (3508 Kinder) hingegen würden nur drei Prozent der gestiegenen Personalkosten an Eltern weitergegeben. Der tatsächliche Betreuungskostenanteil pro Platz liegt bei rund 1300 Euro monatlich, wovon Eltern nur einen Bruchteil zahlen“, so Wild. Beim Thema Fachkräftemangel sieht sich die Stadt auf einem guten Weg. Von rund 850 pädagogischen Stellen seien derzeit 15 unbesetzt. Durch den Ausbau der Ausbildungskapazitäten und gezielte Personalgewinnung hat sich die Situation deutlich entspannt.
„Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in Augsburg die Vielzahl an pädagogischen Konzepten ebenso benötigen wie die Trägervielfalt. Nur mit dem praktizierten guten Miteinander können wir gemeinsame eine gute Betreuungslandschaft in unserer Stadt gestalten.
Die Kita Stadt Augsburg hat in den letzten Jahren das eigene Angebot stetig ausbauen können. Ebenso unterstützt unser Amt für Bildungsimmobilienmanagement die freien Träger bei Antrags- und Förderverfahren bei Sanierungen und Neubauten“, betont Wild.
Wirtschaftlich angespannte Lage
Das Kita-Zentrum St. Simpert, das neun von 29 katholischen Einrichtungen im Stadtgebiet verwaltet, bestätigt die wirtschaftlich angespannte Lage. Durchschnittlich entstehe pro Einrichtung ein Defizit von rund 85.000 Euro. Mit der Stadt Augsburg besteht keine Defizitvereinbarung. Die Stadt leistet freiwillige Zuschüsse, die etwa 0,93 Prozent der Gesamtausgaben ausmachen.
„Das jeweils verbleibende Defizit wird aus Kirchensteuermitteln beglichen. In den vergangenen Jahren bewegte sich diese Summe zwischen 400.000 Euro (2025) und 622.000 Euro (2024)“, berichtet Sonja Tretter, Sprecherin des Kita-Zentrums.
Sparmaßnahmen im Kita-Betrieb seien unausweichlich, da solche Defizite langfristig nicht getragen werden könnten. Dazu gehört auch die Anpassung des Anstellungsschlüssels. Bei krankheitsbedingten Ausfällen könne es zur Reduzierung von Betreuungszeiten oder zur vorübergehenden Schließung von Gruppen kommen. „In drei- bis viergruppigen Einrichtungen ist derzeit im Durchschnitt mit etwa zwei Tagen pro Monat zu rechnen, an denen die Betreuung einzelner Gruppen eingeschränkt ist, wobei die aktuell typische Krankheitswelle hierbei zu berücksichtigen ist“, so Tretter. Durch fehlende Finanzierungsmöglichkeiten können zudem notwendige Umbau- und Sanierungsmaßnahmen in den Kindertageseinrichtungen nicht realisiert werden. Als zentrale Maßnahme fordert das Kita-Zentrum den Abschluss einer langfristigen Defizitvereinbarung mit der Stadt Augsburg.
Die Petition ist noch online zu finden auf der Seite www.openpetition.de




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