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Samstag, 07. Februar 2026

Thomas Schröder: Ornamente statt Akte

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Weihnachtsbesuch aus Java: Thomas Schröder kommt einmal im Jahr nach Augsburg, diesmal führen ihn zudem gleich mehrere besondere Anlässe aus seiner Wahlheimat in die Fuggerstadt zurück: Weihnachten, der 85. Geburtstag der Mutter, sein eigener 60. Geburtstag Ende Januar 2026 – und die diamantene Hochzeit konnten seine Eltern im vergangenen Jahr auch noch feiern. Für Vater Gottfried Schröder, 86, ist das keine Selbstverständlichkeit. „60 Jahre ist schon eine lange Zeit. Das muss erst einmal einer nachmachen“, sagt er – und ergänzt nicht ohne Stolz, dass er und seine Frau Waltraud Schröder sich immer noch etwas zu sagen haben.

Auch zwischen Vater und Sohn stimmt die Verbindung, obwohl sie geografisch kaum weiter auseinanderliegen könnten. Thomas lebt seit 27 Jahren auf Java, im Ort Borobudur, fernab der großen Städte und des Expat-Trubels von Bali. „Ich habe das Gefühl, ich bin angekommen“, sagt er. Er spricht Indonesisch im Alltag, ist zuhause in einem Haus mit Atelier, das er selbst Raum für Raum nach den Souvenirs seiner Reisen gestaltet hat: afrikanisch, vietnamesisch, chinesisch. Aber man sieht beim AJ-Interview: Zwei Nashörner aus Kenia sind im Elternhaus in Augsburg geblieben – sie gefallen der Mutter zu gut, um sie herzugeben.

Warum Java? „Ich bin da so langsam reingerutscht und habe mich dort wohlgefühlt“, erzählt er. Vorher arbeitete er auch schon in Singapur und Brunei. Bis zur Corona-Pandemie war Thomas Schröder lange Chief Housekeeper auf Kreuzfahrtschiffen, verantwortlich für bis zu 150 Mitarbeiter, unter Vertrag bei Firmen wie TUI, AIDA oder Royal Caribbean.

Die Kunst begleitete ihn schon seit der Kindheit

Doch die Kunst begleitete ihn schon seit der Kindheit. Seit Corona widmet er sich ihr ausschließlich – unter dem Namen Léo Ornatus, der Nachname lateinisch für „Muster“. Und Léo? „Weil ich etwas Französisches wollte und mir der Name gut gefallen hat“, erklärt der Künstler.
Am Anfang ließ er sich vor allem von islamischen Mustern und Ornamenten inspirieren. „Ich wollte sie neu interpretieren – frischer, moderner – und gleichzeitig ihre Herkunft respektieren“, erklärt er auch auf seiner Instagram-Seite.

Mit der Zeit kamen aber neue Einflüsse dazu: Moderne arabische Kalligrafie, besonders die Arbeiten zeitgenössischer iranischer Künstler. „Ich wollte die Kalligrafie nicht nachahmen, sondern ihren Geist in Geometrie übersetzen“, erklärt er dort weiter.
Später entdeckte er die abstrakte Malerei und bewegt sich im Spannungsfeld dieser beiden Pole.

Seine neueren Arbeiten sehen zwar aus wie Kalligraphie, sind aber kein lesbarer Text: „Ich bin des Arabischen nicht mächtig und möchte nicht aus Versehen Wörter erschaffen“, erklärt er. Auf Instagram, wo er unter @artebyleo_ornatus seine Werke zeigt, komme besonders viel Resonanz aus dem Iran – ein Feedback, das ihn bestätigt.

Kurven statt Ornamente

Vater Gottfried ist Architekt und Künstler, seine Galerie und Weinbar mit Kulturclub sowie die Kleinkunstbühne waren in Augsburg wohlbekannt. Im Gegensatz zu seinem Sohn hat er konkrete Bildmotive: Vor allem für seine Aktzeichnungen ist er bekannt. Kurven statt Ornamente. Der Vater sagt zum Werdegang seines Künstlersohns: „Es ist ja gut so, er folgt mir nach, sozusagen“ – betont aber zugleich, dass er ihm nie geraten hätte, Künstler zu werden. „Das muss man selber wissen. Entweder man macht’s oder man lässt es.“ Heute ist die Weinbar im Erdgeschoss Geschichte, die Einrichtung verschenkt, die Räume vermietet. Dort findet jetzt Yoga statt Kunst statt. Vermisst er den Trubel nicht? „Es ist eine Umstellung“, sagt Gottfried Schröder, „aber mit 85, 86 ist es schon gut, wenn man aufhören kann.“

Ein anderes Leben als in Augsburg lebt Thomas Schröder auf Java. „Es ist ganz anders“, erklärt er. „Es fängt mit dem Essen an: Dreimal Reis am Tag, auch zum Frühstück. Und das Klima ist tropisch warm.“ Der deutsche Winter fehle ihm nicht, sagt er mit einem Lachen.
Überall bieten Garküchen ihre Gerichte an. Und ein Vorteil gegenüber Deutschland sei definitiv: Es gebe keine Ruhetage. Und man kann bis um zehn Uhr nachts einkaufen.

Die Distanz zwischen Augsburg und Java empfinden beide als nicht so schlimm. Man ist ja in Kontakt.
Aber hinfliegen? Gottfried Schröder winkt ab: „Das ist zu weit weg. Ich hatte keine Zeit wegen der Weinbar. Und ich fliege nicht gern.“ Das habe sich nicht geändert. „Aber er schickt mir Bilder übers Handy.“

Trotz Jahrzehnten auf Java: Die Wurzeln bleiben. „Wenn man hierherkommt, fühlt man sich schon als Augsburger“, sagt der Sohn. Sein nächster Familienbesuch, voraussichtlich im April 2027, ist schon geplant.

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