Von Marion Buk-Kluger

Ganna Semenova wacht auf. Ohren betäubender Lärm hat sie geweckt. Am Fenster sieht sie, wie auch in den Nachbarhäusern die Lichter angehen. Sie und die Menschen im Kiewer Stadtteil Obolon hören die russischen Raketen, die im 60 Kilometer entfernten Flughafen Boryspil einschlagen.

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Es ist der frühe Morgen des 24. Februar, an dem sich die Welt für die Ukraine und somit auch für sie von einer Sekunde auf die andere verändert. „Ich hatte ein Leben vor dem Krieg und nun eines nach dem Krieg!“

Davor war die 35-Jährige selbstständig als Innenarchitektin, stand mitten in einem Projekt für eine Zahnklinik, die übrigens inzwischen durch einen der Raketenangriffe auf die ukrainische Hauptstadt zerstört wurde. „Ich weiß gar nicht, was ich zu Hause jetzt arbeiten soll, aber ich will sobald als möglich wieder zurück“, sagt sie.

Ganna Semenova ist nach ihrer Flucht vor Putins Krieg in Augsburg, bzw. in Neusäß gelandet: Davor musste sie miterleben, wie russische Soldaten ihren Wohnort besetzten, in dem sie mit ihrem Freund unweit ihrer Eltern lebte. Einige Tage versteckte sie sich mit ihren Angehörigen in einer Schule und in der U-Bahn, dann ergriff sie die Gelegenheit, mit einer Freundin das Land zu verlassen. Sieben Tage dauert die Flucht über Lwiw in der Westukraine und über Polen nach Deutschland.

Ihre Familie und ihr Freund, alle sind in der Ukraine geblieben – nur ihr zwölf Jahre alter Vogel Yurchik begleitete sie, weicht nicht von ihrer Seite. „Er war schon vorher depressiv, aber auch er spürte die veränderte Situation, suchte immer meine Nähe und schlief unter meinem Pulli, das macht er heute noch.“ Nach einem Zwischenstopp in Dresden ging es für Ganna Semenova weiter nach Augsburg, da sie hier einen Bekannten hat.

Im Haus von Mediziner Jan Köllner (50) und seiner Familie – Ehefrau Yvonne (46), Tochter Charlotte (16) und Sohn Tillmann (11) – sowie Familienhund Lenny in Neusäß fand sie schließlich eine neue Bleibe. Die Ukrainerin ist dankbar, doch jeden Tag träumt sie davon, bessere Nachrichten aus ihrer Heimat zu erhalten: „Ich hoffe, dass ich zurück kann. Es ist schwierig, ohne meine Familie zu sein.“

Ganna Semenova im Kreise ihrer Gastfamilie Köllner.

Um sich ein wenig von den traurigen Gedanken abzulenken und zu beschäftigen, begann die junge Frau Gebäude aus der Umgebung, der Nachbarschaft, zu zeichnen. Auch markante Punkte aus Augsburg bringt sie mit Stiften aufs Papier. Ganna Semenova „ermalt“ sich sozusagen ihre neue, wie sie hofft, nur vorübergehende Heimat. Dabei verwendet sie Fotos von Bauwerken, die sie selbst macht und anschließend in Ruhe malerisch umsetzt. Immer wieder sind ihre Motive aber auch Plätze und Häuser in Kiew, die entstehen, wenn Ganna versucht, ihre momentane Situation zu verarbeiten.

Mit ihren Gastgebern in Neusäß war der Kontakt über eine Plattform zustande gekommen, auf der sich Unterkunftsgeber und -suchende finden können. Die zwei freien Zimmer im Haus bewohnen eben nun die Innenarchitektin aus Kiew sowie die 20-jährige Kateryna Stekhina, die ebenfalls aus der Ukraine stammt und jetzt ein Medizinpraktikum am Universitätsklinikum absolviert.

„Wir mussten etwas tun“, war Jan Köllner schon bald nach Kriegsausbruch klar. Den Ausschlag gab, als es vor Wochen hieß, Deutschland liefert 5000 Helme. „Da dachten wir, das kann es doch jetzt nicht gewesen sein an Hilfe“, so Köllner.

Ganna Semenova würde gerne auch hier wieder in ihrem Metier arbeiten. In Kiew hat sie zudem Bettwäsche designed. „Die ersten beiden Monate konnte ich gar nicht an Arbeit denken. Aber zum Glück ist es so ruhig hier, die Menschen sind freundlich, helfen mir sehr“, ist die 35-Jährige dankbar, die versucht, in Neusäß zur Ruhe zu kommen. Die Köllners sind mittlerweile wie ihre zweite Familie. Andererseits hofft sie, bald wieder zurückkehren zu können in die Millionenstadt Kiew mit ihrem hektischen Treiben. „Ich wollte früher immer ins Ausland, doch dieser Krieg zeigt mir und meinen Landsleuten, wie sehr wir unser Land lieben und wie gut wir es hatten!“

Erstaunt ist Ganna Semenova übrigens über die geringe Digitalisierung in Deutschland, vor allem bei bürokratischen Belangen, „hier kommen offizielle Briefe noch mit der Post, wir haben für viele Dinge in der Ukraine Apps.“

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