Armin Veh wird 65. Im großen Geburtstags-Interview mit dem AUGSBURG JOURNAL spricht der Meistertrainer von 2007 über sein Leben als Privatier, wie er Walther Seinsch zum FCA lotste, warum er Harry Kane bewundert – und warum er an der Seitenlinie lieber Anzug als Trainingshose trug.
Augsburg Journal: Herr Veh, am 1. Februar hatten Sie Ihren 65. Geburtstag. Für viele Menschen markiert dieses Datum die Schwelle zum Rentenalter. Fühlt sich dieser Geburtstag anders an als die runden Jubiläen davor?
Armin Veh: Nein, die 65 eigentlich nicht. Das Alter, bei dem ich wirklich mal geschluckt habe, war die 50. Man liest ja als Trainer ständig seinen Namen in der Zeitung, und plötzlich stand da nicht mehr „der 49-Jährige“, sondern da stand die Fünf davor. Das war komisch. Aber die 60 habe ich nicht so gespürt, und die 65 jetzt erst recht nicht.
Früher habe ich immer gesagt: Golf ist kein Sport
AJ: Sie sind seit Ihrem Ausscheiden als Geschäftsführer beim 1. FC Köln im Jahr 2019 nicht mehr in offizieller Funktion tätig. Wie sieht Ihr Alltag als „Privatier“ heute aus?
Veh: Ich habe mir eine feste Struktur gebaut, das brauche ich. Ich liege nicht bis zehn Uhr im Bett, sondern bin meistens um halb acht raus. Dann geht es oft ins Fitnessstudio, mittags treffe ich Kumpels zum Essen. Und ich habe eine Leidenschaft entdeckt, über die ich mich früher immer lustig gemacht habe: Golf. Früher habe ich immer gesagt: „Golf ist kein Sport.“ Heute spiele ich leidenschaftlich gerne. Und ich reise viel. Der Vorteil ist: Ich muss nicht mehr in den Ferien fahren. Ich sage immer: In dem Alter habe ich eigentlich gar keine Zeit mehr, es mir schlecht gehen zu lassen.
AJ: Juckt es Sie manchmal noch in den Fingern, in den Bundesliga-Zirkus zurückzukehren?
Veh: Als Trainer: Ganz klar nein. Das habe ich über 30 Jahre gemacht. Diese tägliche Arbeit mit 25 Spielern und dem Staff, das jeden Tag neu zu motivieren – das möchte ich nicht mehr. In einer anderen Funktion, etwa in der Geschäftsführung oder beratend, sage ich „Sag niemals nie“. Aber es müsste schon sehr gut passen, auch räumlich. Ich habe keine Lust mehr, ständig umzuziehen.
Rückkehr zum FCA? „Sag niemals nie“
AJ: Viele Fans in der Stadt träumen immer noch von einer Rückkehr zum FCA. Ist das für Sie komplett ausgeschlossen?
Veh: Wie gesagt, als Trainer ist es ausgeschlossen. Aber der FCA ist mein Heimatverein. Ich habe mich hier immer wohlgefühlt. Nach jeder Entlassung oder jedem Abschied woanders bin ich sofort wieder nach Augsburg zurückgekehrt. Das ist meine Heimat. Wenn ich dem Verein in einer anderen Funktion helfen könnte… man soll niemals nie sagen. Aber aktiv plane ich da nichts.
AJ: Der FCA spielt mittlerweile im 15. Jahr Bundesliga. Hätten Sie das für möglich gehalten, als Sie den Verein damals in der dritten Liga übernommen haben?
Veh: Damals war das schwer vorstellbar, weil die Möglichkeiten fehlten – bis Walther Seinsch kam. Man kann klipp und klar sagen: Er ist der Vater des Erfolgs. Die Geschichte ist ja interessant: Seinsch wollte eigentlich beim SSV Reutlingen einsteigen, wo ich damals Trainer war. Aber die Stadt Reutlingen wollte kein neues Stadion bauen. Ich habe ihm dann gesagt: „Gehen Sie in meine Heimatstadt Augsburg. Das ist eine Fußballstadt, die liegt brach, da haben Sie viel mehr Möglichkeiten.“ So habe ich ihn damals mit Peter Bircks zusammengebracht.
AJ: Viele kennen Sie nur als Trainer, aber Sie waren auch ein technisch feiner Mittelfeldspieler. Würden Sie als Spieler heute noch in den modernen Hochgeschwindigkeitsfußball passen?
Veh: Von der Technik her: auf jeden Fall. Mein Problem war früher nicht das Können, sondern dass ich zu wenig trainiert habe. Ich hatte großes Talent, habe aber damals einfach nicht kapiert, dass man auch mehr tun muss, um noch besser zu werden. Das war mein größtes Versäumnis. Das habe ich später als Trainer natürlich eingesehen. Deshalb hatten es Spieler, die ähnlich veranlagt waren wie ich früher, bei mir oft schwerer. Ich wollte einfach verhindern, dass sie denselben Fehler machen. Und zur Physis: Natürlich ist das Spiel heute schneller. Aber Typen wie Helmut Haller oder Franz Beckenbauer würden auch heute spielen – sie hätten mit den heutigen Methoden ja auch ganz anders trainiert. Geniale Spieler setzen sich zu jeder Zeit durch.
Armin Veh über seine Anfangszeit als Trainer
AJ: Sie haben bei Ihrer ersten Station als Trainer und Manager in Personalunion übernommen, wie war das?
Veh: (lacht) Das war verrückt. Als ich anfing, hatten wir genau drei Spieler. Der Verein war eigentlich am Ende. Ich habe innerhalb von fünf Wochen 16 neue Spieler geholt – aus der Bezirksliga, aus Nördlingen, aus der eigenen Jugend. Wir hatten kein Geld, aber wir hatten Leidenschaft. Im vierten Jahr sind wir dann Erster geworden. Das war meine erste Station und sie war extrem prägend.
AJ: Wenn wir auf Ihre große Karriere zurückblicken – Augsburg, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Wolfsburg. Wann waren Sie am glücklichsten?
Veh: Ich bin ein positiver Mensch, ich habe mich eigentlich fast überall wohlgefühlt. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass ich zu drei Clubs ein zweites Mal zurückgekehrt bin. Wenn ich ein „Riesenarschloch“ gewesen wäre, hätten die mich sicher kein zweites Mal geholt (lacht). Aber emotional war meine Zeit in Reutlingen etwas ganz Besonderes. Wir haben dort in der Regionalliga einen Fußball gespielt, der war sensationell. Wir haben die Gegner reihenweise an die Wand gespielt.
AJ: Nicht zu vergessen die Meisterschaft 2007 mit dem VfB Stuttgart.
Veh: Das war natürlich der öffentliche Höhepunkt, eine andere Dimension mit 300.000 Menschen auf dem Schlossplatz. Das hatte uns ja niemand zugetraut. Wir hatten einen Umbruch eingeleitet, junge Spieler geholt, dazu die zwei Mexikaner Pável Pardo und Ricardo Osorio, die keiner auf dem Zettel hatte. Dass diese junge Truppe Meister wird, war einfach geil.
AJ: Gab es auch ein Spiel, das Sie heute noch im Albtraum verfolgt?
Veh: Das Pokalfinale 2007 gegen Nürnberg. Das war für mich das schlimmste Spiel. Wir hätten das Double holen können – das wäre historisch gewesen. Wir haben fast 90 Minuten in Unterzahl gespielt, waren trotzdem die bessere Mannschaft und verlieren durch so einen Sonntagsschuss in der Verlängerung. Das tut heute noch weh.
AJ: Ihnen haftete in der Branche oft das Image des „Lebemanns“ an. Hat Sie dieses Etikett geärgert?
Veh: Vielleicht habe ich ab und zu mal einen lockeren Spruch gemacht, weil mir das ewige Gerede über „gewonnene Zweikämpfe“ zu langweilig war. Ich gehe gern essen, ich trinke gern mal einen Wein, ja. Aber um in dem Geschäft über 30 Jahre zu bestehen, müssen Sie hart arbeiten und immer funktionieren. Als „Lebemann“ haben Sie eigentlich gar keine Zeit. Aber ich habe mich nie gegen das Image gewehrt. Jeder soll denken, was er will.
„Ich bin waschechter Augsburger, aber kein Grantler“
AJ: Apropos Image: Den Augsburgern sagt man eine gewisse Grantigkeit nach. Wie viel Augsburger steckt in Ihnen?
Veh: Ich bin waschechter Augsburger, aber kein Grantler. Ich kann unangenehm werden, wenn ich etwas ungerecht finde – ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Aber grundsätzlich bin ich ein positiver Typ. Ich liebe diese Stadt, die westlichen Wälder und die Ruhe dort.
AJ: Zum aktuellen Fußball: Welchen Spieler von heute hätten Sie gerne trainiert?
Veh: Harry Kane. Das ist für mich ein außergewöhnlicher Spieler. Nicht nur, weil er Tore macht, sondern wie er mitspielt, wie er Bälle verteilt, teilweise wie ein Spielmacher agiert. Dazu wirkt er hochprofessionell und sympathisch. Den hätte ich gerne in meiner Mannschaft gehabt.
AJ: Was wünschen Sie sich für das kommende Lebensjahr?
Veh: Dass die Welt wieder in geordnete Bahnen kommt. Wenn man sieht, was politisch passiert, wie viel Dummheit und Hass unterwegs sind, das macht mir Sorgen. Ich wünsche mir, dass sich die Vernunft durchsetzt. Und persönlich? Gesundheit – und dass ich mein Handicap beim Golfen verbessere!
Entweder oder?
Schwerer Rotwein oder kühles Helles?
Im Sommer Weißwein, im Winter Rotwein. Ich passe mich der Jahreszeit an.
Berge oder Meer?
Ich liebe beides, aber wenn ich mich entscheiden muss: Die Berge. Die strahlen eine Demut aus.
Selber kochen oder Essen gehen?
Essen gehen! Ich habe in meinem Leben noch nie gekocht. In meinem Kühlschrank waren früher nur Getränke.
An der Seitenlinie: Anzug oder Trainingsanzug?
Anzug. Ich bin ja kein Spieler mehr, das fand ich immer passender.
Dreckiges 1:0 oder spektakuläres 4:3?
Absolut das spektakuläre 4:3. Ich war immer ein Verfechter des Offensivfußballs.
Augsburger Plärrer oder Cannstatter Wasen?
(grinst) Da muss ich als Augsburger sagen: Plärrer!
FCA oder AEV?
Beides! Ich bin froh, dass wir zwei Bundesligisten in der Stadt haben. Ich habe früher selbst Eishockey gespielt beim AEV, daher schlägt mein Herz für beide Vereine.
Interview: Johannes Kaiser
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