Jede Rolle hinterlässt Spuren, sagt sie. Jede geht durch ihren ganzen Körper. Bei „Gesänge vom Überleben“ blieben ihr die Sätze im Hals stecken, später musste sie sogar weinen. Während der Proben zu „Nora oder Ein Puppenheim“ fühlte sie plötzlich gar nichts mehr, als wäre sie eine Maschine. Doch genau aus diesem Krisenmoment ist sie in die Protagonistin hineingewachsen.
„Ich vergesse nie, dass ich Schauspielerin bin. Ich bleibe nie in einer Rolle hängen. Ich nähere mich einer Figur und nehme wieder Abstand“, sagt Jenny Langner (37), die Schauspielerin am Staatstheater Augsburg. In ihrer hellen Küche steht sie vom Stuhl auf und macht es mit einer Bewegung sichtbar. Vor Emotionen schützen will sie sich nicht. Wenn sie etwas berührt, spricht sie darüber oder lässt es einfach zu.
Auch im Alltag stellt sie sich täglich neuen Herausforderungen. Sie hat einen siebenjährigen Sohn Enno, den sie in den ersten drei Jahren allein großgezogen hat. Zwischen Proben und Aufführungen muss sie für ihn da sein. „Als mein Kind noch sehr klein war, dachte ich manchmal, dass ich das nicht schaffe. Aber heute würde ich sagen: doch. Wenn ich körperlich und geistig gesund bleibe, kann ich mir gut vorstellen, diesen Beruf weiterhin auszuüben.“
Jenny Langner zeigt ihre große, lichtdurchflutete Wohnung mit den hohen Decken. In ihrem Zimmer steht eine gemütliche Couch, auf der sie ihre Texte lernt. Gleich daneben das Kinderzimmer mit einem Hochbett, Klettermöglichkeiten und viel Platz zum Spielen. Ein weiteres Zimmer dient als Gästezimmer, hier wohnen zeitweise die Au-pairs, die sie im Alltag unterstützen. Ohne diese Hilfe, ohne Familie und Freunde, die einspringen, wenn es nötig ist, hätte sie keine Chance. Ihr Partner, ebenfalls Schauspieler, arbeitet freiberuflich und ist oft wochenlang auf Tournee. Umso wichtiger sind ihr feste Routinen. Am Nachmittag bringt sie ihren Sohn selbst zu seinen Hobbys und nutzt die gemeinsame Zeit bewusst für Gespräche.
Jennys Alltag
Jennys Tag fängt schon um 6.15 Uhr an, sie bereitet eine Brotzeitdose für ihren Sohn vor, verabschiedet ihn in die Schule und lernt Texte. Danach folgen mehrere Stunden Proben. Abends, meistens von 18.30 bis circa 22 Uhr, stehen Vorstellungen an. „Vor drei Jahren habe ich mir ein E-Bike gekauft, damit flitze ich durch die Stadt und das rettet mich“, sagt sie lachend.
Besonders schätzt sie das Leben mit Enno in Augsburg. Hier liebt sie die Nähe zur Natur. „Ich muss nur ein paar Minuten laufen, und ich bin an der Wertach. Der Siebentischwald ist ganz nah, dort gehe ich spazieren oder fahre Fahrrad mit meinem Kind.“ Oft sind sie im Reesepark beim Kulturhaus Abraxas oder am Hochablass. „Neulich saßen wir einfach da und haben den Kanuten beim Training zugeschaut“, erzählt Langner. Auch das vielfältige kulturelle Angebot der Stadt, wie La Strada, das Water & Sound Festival oder das Friedensfest, findet sie einmalig.
Bevor Langner nach Augsburg kam, sammelte sie Erfahrungen an verschiedenen Bühnen in Stuttgart, Freiburg, Dessau und Magdeburg. Erste Bühnenerfahrungen machte sie schon in einer Tanzgruppe und im Kinderchor der Grundschule. Ihre Mutter, die sie allein großzog, förderte ihre Interessen früh. „Sie war immer froh, wenn ich mich mit vielen sinnvollen Hobbys beschäftigte“, erinnert sich Langner. Ihre Mutter interessierte sich sehr für Theater und Konzerte und nahm Jenny von klein auf mit. „Für mich war das ganz normal. Erst später habe ich gemerkt, dass das nicht in allen Familien so ist.“
Jenny Langner: „Es gibt immer neue Geschichten, neue perspektiven“
Ihre Leidenschaft für die Theaterwelt entflammte endgültig, als sie acht Jahre lang im Kinderchor der Staatsoper Stuttgart sang. „Manchmal standen wir hinter der Bühne, oft aber auch bei Opernproduktionen wie „La Bohème“, „Turandot“ oder „Hänsel und Gretel“ mitten im Geschehen.“ Später übernahm sie erste Statistenrollen, ohne zu wissen, dass man Schauspiel studieren kann. Als sie sich für Vorsprechen bewarb, wurde sie überraschend schnell angenommen. Ihr Studium absolvierte sie in Stuttgart, obwohl sie lieber nach Hamburg, Berlin oder Leipzig wollte. Nach dem Abschluss ging sie für zwei Jahre nach Dessau, wo sie ihre heutige Theaterleitung kennenlernte. In Augsburg fühlt sie sich inzwischen fest im Ensemble verankert. Das Arbeitsklima schätzt sie ebenso wie die Stabilität, die ihr der feste Standort als Mutter bietet.
Neben ihrer Arbeit am Theater wirkt sie auch in Film- und Fernsehproduktionen mit, zum Beispiel in „Die Rosenheim-Cops“, „Die Chefin“ oder „Sturm der Liebe“. „Beim Theater hat man Zeit, um lange zu proben und langsam in eine Rolle hineinzuwachsen. Beim Film muss man oft sehr schnell liefern. Der Text kann sich sogar noch am Set ändern, man muss flexibel sein,“ sagt Langner.
Zusätzlich moderiert sie Filmfestivals, Preisverleihungen, Kulturveranstaltungen und arbeitet als Synchronsprecherin. In ihrer Freizeit hört sie gerne Krimis oder häkelt, um abzuschalten. Inspiration findet sie in Texten sowie in der Zusammenarbeit mit Regisseurinnen und Kolleginnen. „Es gibt immer neue Geschichten, neue Perspektiven und genau diese Vielfalt macht meinen Beruf so lebendig und so spannend“, sagt sie.
Fotos: Jan-Pieter Fuhr
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