Noch vor wenigen Monaten standen bei Tina Rupprecht alle Zeichen auf Angriff. Wenn sie ihre Sporttasche packte, ging es um WM-Gürtel, Schweiß und das absolute Limit. Heute packt sie Wickeltasche statt Boxhandschuhe. Vor wenigen Wochen hat der kleine Theo das Leben der unumstrittenen Weltmeisterin und ihres Mannes Markus Fritschi komplett auf den Kopf gestellt, und doch strahlt das Paar in seinem neuen Zuhause in Friedberg eine beneidenswerte Ruhe aus.
Es war ein Gedanke, der Tina Rupprecht kurz vor der Geburt ihres Sohnes besonders faszinierte. „Wenn ich früher meine Tasche gepackt habe, dachte ich immer: Krass, wenn ich das nächste Mal zur Tür hereinkomme, bin ich Weltmeisterin“, erzählt die ehemalige Leistungssportlerin. Diesmal war alles anders, aber nicht weniger emotional: „Jetzt dachte ich mir: Wenn ich mit der Tasche wieder heimkomme, dann ist er da.“ Er, das ist Theo. Bei seiner Geburt wog er 2840 Gramm und war 49 Zentimeter groß. „Eher ein Atomgewicht als Schwergewicht“, lacht Tina. Und den wichtigsten „Titel“ im Hause Fritschi (so Rupprechts bürgerlicher Name) trägt jetzt ohnehin der Nachwuchs.
Dass sich zwei Menschen, die den extremen Druck des Profisports gewohnt sind, auch einer Geburt mit einer gewissen Taktik nähern, überrascht kaum. Markus Fritschi, selbst Lehrer an einer Mittelschule, sah seine Rolle im Kreißsaal ähnlich wie die in der Vorbereitung auf Tinas große Kämpfe. „Ich dachte mir im Vorfeld: Ich fahre sie hin, ich gehe mit rein, bleibe in der Kabine und sorge dafür, dass alles läuft“, erinnert er sich schmunzelnd. „Ich versuche, alle negativen Einflüsse abzublocken, um sie bei ihrem Auftrag zu unterstützen.“
Tina Rupprecht: Mit spezieller Taktik in den Kreißsaal
Heute hat sich das Duo perfekt im neuen Familienalltag eingespielt. Das gefürchtete Chaos der ersten schlaflosen Nächte blieb bei den beiden bislang aus. Theo sei super entspannt, verrät Tina. Höchstens dreimal pro Nacht müsse sie kurz wach werden. Ansonsten prägen ausgiebiges Kuscheln, Spaziergänge, Besuche von Freunden und gemeinsames Kochen den neuen Rhythmus. Markus, der aktuell in Elternzeit ist, nimmt seiner Frau dabei so viel ab wie nur möglich. Seine pragmatische Devise lautet: „Ich kann alles außer stillen. Und das mache ich auch mit vollem Herzen.“
Für den Moment genießt die junge Familie die ländlichere Ruhe in ihrer neuen Wohnung in Friedberg, ein bewusster Kontrast zur alten Bleibe direkt an der lauten Straßenbahnlinie. Diese Ruhe bietet auch den perfekten Rahmen, um die nächsten beruflichen Schritte zu planen. Denn stillstehen wollen Tina und Markus nicht. Den Schulalltag als Lehrerin hat Tina vorerst an den Nagel gehängt, um sich voll auf ihre Selbstständigkeit zu konzentrieren.
Ihre neue Bühne ist nicht mehr der Boxring, sondern das Rednerpult. Ihr enormes Wissen aus dem Leistungssport wird sie künftig als Speakerin und in Workshops an Unternehmen und Schulen weitergeben. „Sie wird all das vermitteln, was man aus dem Boxen fürs Leben lernen kann“, erklärt Markus. Besonders im Fokus: der Umgang mit extremen Drucksituationen. „Zu sagen ‚Bleib mal cool‘ ist einfach. Aber wie man das wirklich schafft und lernt, das ist in vielen Lebenslagen unglaublich viel wert, und darin ist sie mit Abstand die Beste.“ Boxen sei schließlich nur bis zu einem gewissen Punkt auf diesem Niveau machbar, doch das eigene Wissen, die unbestrittene Authentizität und die mentale Stärke weiterzugeben, habe kein Ablaufdatum. Unterstützt wird sie dabei auch von starken lokalen Sponsoren wie Maxenergy oder Ford Sigg & Still.
Neuer Fokus: Vom Boxring als Speakerin auf die Bühne
Die frischgebackenen Eltern planen, Theo von Anfang an in ihr aktives Leben zu integrieren. Egal ob bei den anstehenden Speaker-Workshops im nahen Österreich oder dem ersten größeren Familienurlaub, bei dem Theo entspannt die Welt entdecken soll: Der Kleine wird immer dabei sein. Flexibilität ist das neue Credo, und so geht es künftig für die Familie samt Baby-Gepäck ganz entspannt im verlässlichen Familien-Ford auf Tour, wenn der nächste Workshop oder Ausflug ansteht.
Dass es sie irgendwann noch einmal als Kämpferin in den Ring zieht, schließt Tina übrigens aus. Sie verfolgt das Geschehen in ihrer Gewichtsklasse zwar noch mit Interesse und freut sich für alte Weggefährtinnen, spürt aber kein Kribbeln mehr in den Fäusten. Der wichtigste Kampf ist ohnehin längst gewonnen. Was sie ihrem Sohn Theo für die Zukunft mitgeben möchte? Da sind sich beide sofort einig: „Vertrauen, Mut, Disziplin, aber vor allem eine tiefe innere Ruhe.“ Eine Eigenschaft, die der kleine Theo ganz offensichtlich schon jetzt von seiner Mutter geerbt hat.
Das Zimmer von Sohn Theo ist schon teilweise eingerichtet, am wichtigsten ist aktuell aber noch der Wickeltisch, passend mit Boxhandschuh (2). Die beeindruckende Titelsammlung bekommt der Kleine jeden Tag im Wohnzimmer zu sehen (4). Die junge Familie verbringt aber auch gerne viel Zeit in ihrem Garten auf der Terrasse (Fotos oben).
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