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Dienstag, 23. Juni 2026

Prof. Claudia Traidl-Hoffmann: Mörder-Hitze zu den Sommernächten

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Drückende Hitze bis in die Nacht, Augsburg stöhnt über Temperaturen von 30 Grad und mehr. Nun stehen die Sommernächte bevor, die Fußball-WM geht mit Public Viewing in die entscheidende Phase. Millionen Menschen in deutschen Städten sind schon jetzt von gefährlicher Hitze betroffen und es wird noch schlimmer. „Wir müssen mit deutlich mehr Hitzetagen über 30 Grad, mehr Tropennächten mit 24 Grad und längeren Hitzeperioden am Stück rechnen“, erklärt Prof. Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin des Instituts für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit am Universitätsklinikum Augsburg.

Eine dramatische Bilanz zieht die AOK Bayern: In den vergangenen heißen Sommern starben in Deutschland jeweils bis zu 10.000 Menschen an den Folgen extremer Hitze. Traidl-Hoffmann weist darauf hin, dass besonders ältere Menschen, Kinder sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen oder psychischen Leiden gefährdet sind.

Prof. Claudia Traidl-Hoffmann: „Deutschland altert und erwärmt sich gleichzeitig“

Die Umweltmedizinerin warnt: Deutschland altert und erwärmt sich gleichzeitig. Ältere Menschen gehören zu den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen. Die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels treffen damit auf ein Gesundheitssystem, das bereits durch den demografischen Wandel, Fachkräftemangel und steigende Versorgungskosten unter Druck stehe. „Anhaltende Hitze ist eine enorme Zusatzbelastung. Je länger sie andauert, desto schwieriger wird es, sie Tag für Tag zu kompensieren. Dehydrierung summiert sich schleichend, und Medikamente können ihre Wirkung verändern oder müssen angepasst werden.“

Laut der Professorin zeigen sich die Folgen des Klimawandels „in unseren Ambulanzen, Notaufnahmen und Pflegeeinrichtungen. Und zunehmend auch in den Bilanzen von Unternehmen.“

„Besonders betroffen sind ausgerechnet jene Bereiche, auf die unsere Gesellschaft besonders angewiesen ist: das verarbeitende Gewerbe und der Gesundheitssektor“, so Traidl-Hoffmann. Mit steigenden Temperaturen nehme der Versorgungsbedarf durch hitzebedingte Erkrankungen zu, während gleichzeitig die Belastung für Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie Rettungsdienste wächst. Gerade dann, wenn höchste Konzentration und Stress-Resilienz gefragt sind, beeinträchtigt Hitze menschliche Leistung, mental wie körperlich, so die Professorin.

„Ein einzelner Hitzetag die deutsche Wirtschaft rund 431 Millionen Euro kostet“

„Eine aktuelle Prognos-Analyse zeigt, dass ein einzelner Hitzetag die deutsche Wirtschaft rund 431 Millionen Euro kostet. Bemerkenswert ist dabei, dass knapp 97 Prozent dieser Kosten durch sinkende Produktivität entstehen.“ Neben der Hitze nehme auch die Belastung durch Allergien zu. Bereits heute sind mehr als 30 Prozent der Bevölkerung allergisch – Tendenz steigend. Allergische Erkrankungen verursachen in Europa jährliche Kosten von rund 151 Milliarden Euro.

Der Klimawandel und die Luftverschmutzung verschärfen diese Entwicklung. Die Pollensaison beginnt früher, dauert länger, und viele Pflanzen produzieren mehr und aggressivere Pollen. Die Folge sind Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme und weitere Leistungseinbußen. In ihrem neuen Buch „Die Medizin der Zukunft“ thematisiert die Umweltmedizinerin Allergien, Asthma, Hauterkrankungen und den Zusammenhang von Umwelt und Gesundheit.

An heißen Sommertagen empfehlen Ernährungsexperten der AOK Augsburg, auf leichte Kost wie Obst und Gemüse, die den Körper nicht zusätzlich belasten, zu setzen. Durch starkes Schwitzen verliert man täglich bis zu drei Liter Flüssigkeit und viele Mineralstoffe. Leitungs- und Mineralwasser sind die besten Durstlöscher, die in regelmäßigen Abständen eingenommen werden sollten. Alkohol und zuckerhaltige Limonaden sollten gemieden werden. Ältere Menschen, Kinder und chronisch Kranke verspüren oft kein Durstgefühl, daher müssen sie ihre Getränke über den Tag verteilen und eventuell Erinnerungshilfen nutzen. Um den Körper zusätzlich zu entlasten, sollte man sich leicht, hell und luftig kleiden sowie auf Sonnenschutz und Kopfbedeckung achten. Die Chefärztin am Uniklinikum Augsburg (UKA) rät zudem: „Hitze möglichst meiden, Wohnräume kühl halten, die frühen und späten Tageszeiten nutzen und aufeinander achten – niemand sollte in einer Hitzewelle allein gelassen werden.“

Hitzeaktionsplan der Stadt Augsburg

Im letzten Jahr beschloss die Stadt Augsburg ihren Hitzeaktionsplan und schaltete unter augsburg.de/hitze das Hitze-Portal frei. Dort finden sich nicht nur Informationen über Orte zur Abkühlung wie Parks, Kirchen, Museen und Bibliotheken, die man an heißen Tagen besuchen kann, sondern auch viele weitere Hinweise sowie die offiziellen Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes. Beton und Asphalt in der Innenstadt verstärken die städtische Wärmeinsel deutlich, betont die Umweltmedizinerin.

„Deshalb ist es so wichtig, bei der Umgestaltung zentraler Plätze wie des Rathausplatzes jetzt schon an die Zukunft zu denken: mehr Grün, mehr Schatten, Wasserflächen – damit der Platz ein Aufenthaltsort bleibt, auch im Sommer.“

Auf die REPORTER-Frage, ob auch in Deutschland demnächst eine längere Mittagspause sinnvoll sein könnte, antwortet die Expertin eindeutig mit „Ja“: Deutschland muss flexibler werden.

Eine längere Pause in den heißen Mittagsstunden, vor allem für draußen Arbeitende, sei sinnvoll, da sie die Gesundheit schützt. Auch Arbeits- und Öffnungszeiten, Sport- oder Kulturveranstaltungen sollten entsprechend angepasst werden.

Bei den Sommernächten wird den Gästen nicht nur beim Tanzen war. Foto: Julia Greif

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