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Samstag, 17. Januar 2026

Wo Augsburg glänzt: Ein Tag mit der Gold- und Silberschmiedin Sophia Singer

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Staub kann wertvoll sein – zumindest dann, wenn er aus Gold oder Silber besteht. In der Werkstatt von Sophia Singer – der Marke der Augsburger Gold- und Silberschmiedemeisterin Sophia Knieß – sitze ich hinter einer dicken Lederschürze. Sie schützt nicht nur vor glühend heißen Stücken, sondern fängt auch metallische Partikel auf, die später wieder eingeschmolzen werden. „Früher hat man das mit der Krätzmühle und der Wasserkraft in Augsburg gemacht“, erklärt Knieß und zeigt auf die Schmirgellatten, deren Abrieb gesammelt wird. Einschmelzen oder umarbeiten: Nachhaltigkeit ist fester Bestandteil der traditionellen Handwerkskunst der Goldschmiede, auch in Augsburg.

Im Rahmen unserer Selbstversuchsreihe schlüpfen AJ-Redakteure in fremde Berufe. Heute tauche ich für einen Tag in die Welt der Gold- und Silberschmiedekunst ein – und erfahre zugleich, wie eng dieses Handwerk mit Augsburg verwoben ist. Die Gold- und Silberschmiedemeisterin Sophia Knieß war bis 2019 Kunstvermittlerin im Maximilianmuseum und kennt die „goldenen“ Ecken Augsburgs.

„Unsere Werkstätten sehen genauso aus wie früher“, sagt die Meisterin

Auf dem Martin-Luther-Platz steht der Goldschmiedebrunnen. Seit 2025 gilt das Gold- und Silberschmiedehandwerk als immaterielles Kulturerbe – ein Titel, der laut Knieß maßgeblich den traditionellen Techniken zu verdanken ist: „Unsere Werkstätten sehen genauso aus wie früher.“ Eine alte Tradition, die der Brunnenfigur innewohnt: Der Pokal, den sie in der Hand hält, war einst Prüfstück für angehende Meister.

Ihren eigenen Silberbecher von 2003 hat Knieß mitgebracht. Genau an diesem Brunnen wurde sie einst zur Gesellin getauft. Wie damals trinken wir heute nur Wasser aus dem Silberbecher. Neben dem Brunnen steht die Goldschmiedekapelle, eine Stiftung der Familie Hirn. „Die Stücke meiner Kollegen aus dieser Zeit stehen in Museen“, sagt Knieß. Doch die goldenen Zeiten seien vorbei: „Wir haben noch viele Goldschmiede hier, aber das Handwerk ist vom Aussterben bedroht.“

Sophia Knieß mit dem Silberbecher vor dem Goldschmiedebrunnen.

Im Maximilianmuseum lässt sich ein Blick in die Vergangenheit werfen: Augsburger Familien fertigten einst Aufträge jeder Größe – von filigranen Tafelaufsätzen bis zu monumentalen Kirchenkerzenhaltern. Augsburg war vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert eine der bedeutendsten Gold- und Silberschmiedemetropolen Europas und belieferte Höfe, Kirchen und Bürger mit kunstvoll gearbeiteten Metallarbeiten auf höchstem Niveau. Im Silbergewölbe des Maximilianmuseums macht Knieß deutlich, dass die Zünfte früher nicht nur die handwerkliche Qualität sicherten, sondern auch für den sozialen Schutz der Handwerker sorgten.

In der Werkstatt beginnt mein Tag bescheiden. Ein Ring, sagt Knieß, sei ohne fundierte Ausbildung und jahrelange Erfahrung nicht zu machen. Also wähle ich ein anderes Projekt: einen Anhänger. Mit einem Foto einer Blumenwiese als Inspiration pause ich verschiedene Blüten ab. Was zunächst wie eine Blume aussieht, verwandelt sich auf dem Papier in etwas völlig Anderes. „Muss es aussehen wie eine Blume?“, fragt Singer. „Eine abstrakte Form funktioniert genauso gut – vielleicht mehr im Art Déco-Stil.“ Gestaltung ist ein wichtiger Teil ihres Handwerks.

Unsere AJ-Reporterin im Goldschmiede-Selbstversuch in Augsburg

Mit dieser Idee setze ich mich an den Goldschmiedetisch. Das Silberblech liegt vor mir, die Lederschürze umgebunden. Ich fixiere mein Papiermuster mit Sekundenkleber und spanne das Sägeblatt ein. Hält man das Silberstück mit links und zieht die Säge mit rechts gerade nach unten, sollte die Form langsam entstehen. Einfacher gedacht als getan: Schon nach wenigen Millimetern schmerzen die Hände. Knieß beobachtet mich und lobt: „Sehr gut – Sie haben kein einziges Sägeblatt durchbrochen. Das passiert sonst fast jedem.“ Die Werkstatt ist eng – wie früher im Handwerkerhaus, wo Meister, Geselle und Familie unter einem Dach lebten. Gleich nebenan das Wasser: Löschhilfe im Brandfall.

Die nächste Herausforderung heißt Feilen. „Mit der Seite ohne Hieb anlegen und von unten nach oben feilen“, erklärt Knieß geduldig. Nach zwei Stunden wäre ich mit meinem Rohling zufrieden, doch sie sieht noch Unregelmäßigkeiten. Mit einer Barettfeile mache ich mich erneut ans Werk. Jede Kante, jede Spitze will behutsam bearbeitet werden – eine Aufgabe, die bei Ungeübten wie mir viel Zeit kostet. Knieß hingegen beherrscht Sägen und Feilen nach 20 Jahren Erfahrung wie im Schlaf. Zum Schluss kommt die Schmirgelmatte zum Einsatz. „Man braucht Kraft in den Fingern“, sagt Knieß. Bei ihren voluminösen Arbeiten merke sie das heute noch. Die letzten Schritte – Löten, Polieren, Anbringen der Öse – übernimmt sie. Nach mehreren Stunden Arbeit ist mein silberner Anhänger fertig. Ich bin ziemlich platt, aber begeistert, welche Kunstwerke man mit seinen Händen schaffen kann.

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