Heimlich, still und leise, so könnte man fast sagen, hat sich seit August letzten Jahres ein modernes kleines Restaurant in der Klinkertorstraße niedergelassen. Wir erinnern uns dunkel: Früher war hier mal die „Pele Sportbar“ mit dem sympathischen Ex-Punkrocker und Kneipenwirt Günter Jachmanovsky, danach kam nichts Nennenswertes. Umso erfreulicher, dass mit dem „Untitled“ und dem jungen Team Huy, Pascal, Tristan und „Funki“ nun Gastro-Profis am Werk sind, die uns – das können wir gleich mal vorwegnehmen – sprachlos vor Glück gemacht haben.
Für uns ist das kleine Restaurant „ohne Titel“ der neue Star auf Augsburgs Casual Fine Dining-Bühne. Küchenchef Huy Nguyen hat in Berlin bereits eine beeindruckende Karriere in der gehobenen und Sterne-Gastronomie zurückgelegt – und entschied sich nun aber dafür, näher bei seiner Familie in Augsburg zu sein. Was für ein Glück! Unsere Prognose: Ein weiterer Michelin-Stern stände Augsburg gut und allzu lange dauern wird das sicher nicht!
Ambiente ★ ★ ★ ★
Nur ein paar wenige Tische in einem stylish-schlichten, gemütlichen Gastraum mit Wohnzimmeratmosphäre – das wirkt sofort entspannend und entschleunigend!
Essen im „Untitled“ ★ ★ ★ ★ ★
Das Sharing Konzept der Karte macht großen Genuss ganz unkompliziert. Es darf nach Herzenslust aus den verschiedenen Gängen gewählt, gerne auch geteilt werden. Ein strenges Menükorsett wird hier keinem Gast aufgezwängt. Los ging´s mit diversen Gruß-Botschaften aus der Küche – etwa einer Enten-Consommée, Tartelette mit Kürbismousse und Schnittlauchcreme, Miso-Tofu-Butter – die das Geschmacksfeuerwerk zündeten. Schon einer der ersten Gänge – Bachsaibling in drei Variationen mit fermentierter Steckrübenvinaigrette (19,- €) – ließ ahnen, mit wie viel Hingabe, Experimentierfreudigkeit und Präzision Huy Nguyen hier ein Aromenpuzzle zusammensetzt, das ein verblüffendes Gesamtbild ergibt.
Seine Gäste zu überraschen ist vielleicht die übergeordnete Devise, nach der er gehobene, technisch aufwendige europäische Küche mit einem Twist vietnamesischen Funk kombiniert. Voller Finesse war auch der „simple Brotgang“ zwischendurch: das auf dem Holzkohlegrill geflammte Pita-Brot – sensationell! Weitere spektakuläre Kostproben seines Könnens lieferten unter anderem die Kombinationen „Löwenmähne, Kräutersaitling, Shiitake, Szechuanpfeffer“ (26,- €) oder „Carnaroli, Porree, Chinakohl, Champignon“ (20,- €). Die zarten Entenfilets (34,- €) mit rehydrierten Cranberries, Rotkohl Mousse und Umami versprühender Hoisin-Sauce zeigten nochmals, wie viele Geschmacksnuancen harmonisch und ästhetisch perfekt angerichtet auf einen Teller passen.
Das Brät dazu wurde übrigens aus den Entenschenkeln gemacht – verwertet werden soll schließlich alles vom Tier. Das Dessert „Apfel, Apfel, Apfel, Apfel“ (16,- €) machte mit dem Mix aus crunchy und cremig und nochmals Überraschungen am Gaumen ebenso glücklich wie die ungewöhnliche süße Kombi „Rote Beete und Cashew“ (9,- €). Am Ende dieses fröhlichen Abends mussten wir fast an die Schlusssequenz von Süskinds „Das Parfum“ denken – am liebsten wären wir auf den Schöpfer der köstlichen Aromen zugestürmt, um ihn „aufzufressen“ 🙂 daher gibt´s – das hatten wir erst einmal – sechs von fünf Zirbelnüssen!
Trinken ★ ★ ★ ★ ★
Ganz klar: auch die Weinkarte verblüfft mit Liebe zum Besonderen und Kreativen! Der württembergische Rosé non filtré BOOM! von Rainer Schnaitmann (0,75l / 40,- €) war unser unkomplizierter Begleiter für den Großteil des Abends.
Service ★ ★ ★ ★ ★
Auch wenn die minutiöse Erläuterung zu den einzelnen Gerichten volle Aufmerksamkeit verlangt – wir fühlten uns entspannt wie bei „family & friends“: wirklich willkommen und die Freude, mit der der Service in allen Bereichen agierte, packte auch uns – Chapeau!

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