Intendant Bücker platzt wegen Theater-Umbau der Kragen

Ärger über „Baugrubentristesse“ Am Montag wird es spannend

Das hatte Andre Bücker sich anders vorgestellt, als er 2017 nach Augsburg kam. Auch fünf Jahre nach seinem Antritt als Intendant ist das Ende der Theatersanierung nicht absehbar. Im Theaterviertel ist kein größerer Baufortschritt sichtbar.
Deshalb platzte dem 53-jährigen Intendanten des Staatstheaters Augsburg jetzt in den sozialen Medien der Kragen. Bücker zitierte bei Facebook das Motto seiner neuen Spielzeit 22/23 „Aufbruch!“ – und schrieb: „Diesen Aufbruch vollziehen wir schon seit einigen Jahren, sowohl inhaltlich als auch räumlich. Wir entdecken neue künstlerische Ausdrucksformen in allen Sparten, erforschen digitale Welten und öffnen uns in den Stadtraum hinein mit partizipativen Formaten.“
Und dann fragte der Künstler-Chef: „Doch wie sieht es mit dem Aufbruch am sanierungsbedürftigen, seit langem geschlossenen Großen Haus aus? Wann steht der notwendige Neubau der Betriebsgebäude? Wann öffnet endlich das lang ersehnte Kleine Haus, das der gesamten Stadtgesellschaft offen stehen soll, seine Pforten? Wie man auf den Fotos von letzter Woche sehen kann, sieht es so aus, als täte sich nicht allzu viel.“
Das harsche Urteil des Intendanten: „Seit 2016 ist das traditionsreiche Haus am Kennedyplatz schon geschlossen. Das Theater ist über zahlreiche provisorische Spielorte im Stadtgebiet verteilt, während Leerstand und Baugrubentristesse dem einst so attraktiven und lebendigen Theaterviertel schwer zu schaffen machen. Also eher Abbruch als Aufbruch. Wie lange noch?“
Bückers Ärger über die „Baugrubentristesse“ hat bei der Stadt Augsburg keine Begeisterung ausgelöst. Die städtische Pressestelle ließ einen Fragenkatalog der neuen SonntagsPresse unbeantwortet. Dabei sind die Fragen angesichts des ungewöhnlichen Facebook-Posts durchaus berechtigt:
Ist der Theaterumbau im Zeitplan? Bleibt es dabei, dass das Große Haus im Jahr 2027 wieder eröffnet? Wann soll das Kleine Haus öffnen? Wann wird das Betriebsgebäude fertiggestellt sein? Wie reagiert Oberbürgermeisterin Eva Weber auf die Kritik des Staatstheaterintendanten?
Offenbar hat der Bücker-Vorstoß bei der Stadt aber doch Betriebsamkeit ausgelöst. Nur sechs Tage nach der Facebook-Veröffentlichung lud die städtische Pressestelle zu einer Informationsveranstaltung des Kulturreferats ein.
Am Montag, 30. Mai. (morgen) will die Verwaltung nun Journalisten und den Stadtrat im Oberen Fletz des Rathauses informieren. Thema: Generalsanierung und Neubau Staatstheater Augsburg. Es geht um die Baumaßnahmen im Großen Haus (Bauteil I) und einen Projektbeschluss zur Entwurfsplanung für den Neubau des Betriebsgebäudes und des Kleines Hauses (Bauteil II). Beobachter zweifeln, dass die Theaterbauten wie geplant bis 2026 fertiggestellt sein werden. Der Kostenrahmen hatte sich 2019 bereits von 190 auf etwa 320 Millionen Euro erhöht. „Wir befürchten weitere massive Kostensteigerungen und schauen gespannt auf den Montag“, sagt Oppositionschef Florian Freund (SPD).
Ob der Intendant auch zu der Infoveranstaltung eingeladen ist? Davon ist auszugehen. Künstlerisch hat Bücker in den vergangenen Jahren Ausrufezeichen gesetzt. Die von ihm entwickelte neue Sparte Digitaltheater wird bundesweit in den Medien gelobt. Hier gehört das Theater zu den führenden Spielstätten. Auch werden seine mutigen Inszenierungen regelmäßig in großen Zeitungen positiv besprochen. Wie zuletzt die Uraufführung „Das Ende der Schöpfung“, in der Bücker Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ fulminant bis zur menschgemachten Apokalypse weitererzählt.
Dass der Theatermacher kein pflegeleichter Intendant sein wird, war schon vor seinem Antritt klar. An seiner vorherigen Wirkungsstätte, dem Anhaltischen Theater in Dessau (Sachsen-Anhalt) wehrte sich Bücker mit einem Theater-Protestcamp vor dem Kultusministerium in der Landeshauptstadt Magdeburg. Der Grund: Das Ministerium wollte ihm 205.000 Euro aus dem Budget streichen. Im Rahmen der damaligen Sparpläne stand auch die Schließung von zwei der vier Sparten im Raum.
Der Mitteldeutschen Zeitung erklärte Bücker im Jahr 2014 im Zusammenhang mit den Protesten: „Liebsein ist nicht die Aufgabe als Theater. Es gibt die Ansicht, dass wir unpolitische Amüsierbuden zu sein haben. Das sind wir nicht, wir mischen uns auch ein.“ Er hat es wieder getan.

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