Wenn die Gegner von unten und oben kommen – Jakob Gerstmayer vom TSC Neptun: Wie funktioniert eigentlich Unterwasser-Rugby?
Von oben betrachtet sieht man fast nichts: Ein Becken, sprudelndes Wasser, gelegentlich durchbricht eine Flosse oder ein Schnorchel die Oberfläche. Doch wer wie die Spieler eine Taucherbrille aufsetzt und den Kopf unter die Wasseroberfläche steckt, dem offenbart sich auf bis zu 3,85 Metern Tiefe eine faszinierende Welt. Unterwasser-Rugby ist der wohl einzige echte dreidimensionale Mannschaftssport der Welt – und in Augsburg fest verwurzelt. Hier trainieren 25-Jährige gemeinsam mit 86-jährigen Routiniers.
Wer an Rugby denkt, hat Bilder von körperbetonten Zweikämpfen auf schlammigem Rasen im Kopf. In Augsburg findet dieser Kampf gefliest und gechlort statt. Unterwasser-Rugby (UWR) ist eine Nischensportart, die körperlich extrem fordernd ist, taktisch komplex und gleichzeitig überraschend inklusiv.
Im Verein TSC Neptun Augsburg, der etwa 200 Mitglieder zählt, treffen sich regelmäßig 10 bis 15 Spieler, um dem mit Salzwasser gefüllten Ball hinterherzujagen. Einer von ihnen ist Jakob Gerstmayer. Der 25-jährige Jugendleiter ist seit 17 Jahren dabei. „Meine Eltern sind schuld“, erzählt er lachend. Sein Vater war aktiver Taucher, die Familie ist fest im Verein integriert. Für Jakob ist es der ideale Sport: „Ich bin einfach gern im Wasser. Und ehrlich gesagt: Ich bin nicht sonderlich gut im Werfen und Fangen an Land. Der Ball im Wasser ist langsamer, das kommt mir entgegen.“
Das Spielfeld unterscheidet sich drastisch von jeder Turnhalle. Gespielt wird quer zur Bahnenrichtung auf etwa der halben Länge einer Schwimmbahn. Entscheidend ist jedoch die Tiefe: 3,85 Meter geht es hinab bis zum Grund. Dort stehen die „Tore“ – massive Edelstahlkörbe, die optisch ein wenig an Basketballkörbe erinnern, aber fest auf dem Boden verankert sind.
Der Spielablauf ist wie folgt: Zu Beginn jeder Partie liegt der Ball einsam in der Mitte des Beckenbodens. Auf ein Signal hin tauchen die Spieler von beiden Seiten los, und versuchen, den Ball zu erobern. Fällt ein Tor, wechselt das Spielrecht: Die Mannschaft, die den Treffer kassiert hat, erhält den Ball, und beide Teams ziehen sich wieder auf ihre Seiten zurück.
Man kann beim Unterwasser-Rugby auch unter seinem Gegner sein
„Es ist komplizierter als Fußball“, erklärt Gerstmayer die Faszination. „Dort hast du zwei Dimensionen. Hier gibt es drei. Der Gegner kann nicht nur von links oder rechts kommen, sondern plötzlich unter dir durchtauchen oder sich von oben auf dich herabsenken.“ Auch das Verteidigen funktioniert anders: „Man kann auch unter seinem Gegner sein.“
Die Regeln sind simpel, aber strikt: Wer den Ball hat, darf angegriffen werden. Wer ihn nicht hat, ist tabu. Das Ziel ist es, den schweren Ball in den Korb des Gegners zu drücken. Dabei darf man sich als Torwart zwar nicht in den Korb legen, aber mit dem Rücken oben darauf, um die Öffnung zu versperren. „Man muss manchmal Gegner regelrecht vom Korb weghebeln“, beschreibt Gerstmayer das körperbetonte Ringen in der Tiefe.
Sechs Spieler pro Team sind gleichzeitig im Wasser, sechs weitere warten am Rand. Gewechselt wird fliegend und oft. „Im Schnitt spielt man zwei Minuten und wechselt dann“, erklärt Gerstmayer. Der limitierende Faktor ist die Lunge. „Entweder die Luft geht dir aus, oder ein Gegner packt dich, dann musst du passen.“
Damit es fair zugeht, ist der Aufwand für den Ligabetrieb – die Augsburger spielen in der Landesliga – enorm. Drei Schiedsrichter leiten eine Partie: Einer steht am Beckenrand, zwei befinden sich mit Pressluftflaschen und Hupen permanent unter Wasser, um Fouls zu ahnden und Tore zu bestätigen.
Sport fürs ganze Leben
Dass Unterwasser-Rugby ein Sport für das ganze Leben sein kann, beweist Manfred Braun, auch genannt „Manny“. Der 86-Jährige ist eine Legende im Becken. Seit über 50 Jahren betreibt er den Sport, der 1967 erfunden wurde. Wenn er seine Flossen anzieht und abtaucht, spielt das Alter keine Rolle mehr. Er mischt im Getümmel mit, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Überhaupt ist die Diversität im Becken bemerkenswert: Männer und Frauen spielen in gemischten Teams zusammen, Kraft ist nicht alles, Wassergefühl und Taktik entscheiden oft über den Ballbesitz.
Der Verein TSC Neptun bietet neben dem Ligabetrieb auch Ausbildungen im Geräte- und Apnoetauchen an. Gerade Letzteres – das Tauchen mit nur einem Atemzug – erlebt derzeit einen Boom. „Schwer zu sagen, ob Rugby selbst eine wachsende Sportart ist“, sagt Gerstmayer, „aber beim Apnoe-Training gibt es immer wieder Anfragen.“ Er vermutet medialen Einfluss, etwa durch Netflix-Dokumentationen über das Freitauchen. „Es ist eine persönliche Herausforderung“, sagt er. Ob man nun im Meer tief taucht oder im Augsburger Hallenbad, der Reiz liegt in der Beherrschung des eigenen Körpers unter Wasser.
Unterwasser-Rugby mag exotisch klingen und beim Erzählen oft ungläubige Blicke ernten („Die meisten Leute schauen mich blöd an, wenn ich davon erzähle“, gibt Gerstmayer zu). Doch wer einmal mit der Taucherbrille zugesehen hat, wie auf fast vier Metern Tiefe um jeden Zentimeter und jeden Atemzug gekämpft wird, versteht die Faszination: Es ist wohl der einzige Sport, bei dem die Welt wirklich Kopf steht. jk
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