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Donnerstag, 20. Juni 2024

Stephan Schwarz im AJ-Interview: “Einen Verein, den man selbst geprägt hat, verfolgt man natürlich”

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Über sechs Jahre war Stephan Schwarz beim FC Augsburg. Nachdem er den Verein 2019 verließ, wurde es ruhig um den ehemaligen Chefscout und technischen Direktor. Seit Ende März hat sich der 53-Jährige einer neuen Aufgabe zugewandt. In Diensten des Grasshopper Club Zürich ist Schwarz nun als Sportdirektor tätig und steht dabei vor der Herausforderung, den drohenden Abstieg abzuwenden. Mit dem AUGSBURG JOURNAL sprach er ausführlich über den neuen Job, seine Zeit beim FCA und vieles mehr.


AUGSBURG JOURNAL: Herr Schwarz, wie ist es Ihnen in den letzten Jahren ergangen, warum haben Sie sich entschlossen, eine neue Herausforderung bei den Grasshoppers Zürich anzunehmen?
Stephan Schwarz: Im Nachhinein muss man sagen, für mich war die Beurlaubung beim FC Augsburg eine göttliche Fügung. Ich konnte noch meine Eltern pflegen, die beide in den darauffolgenden zehn Monaten gestorben sind. Danach kam Corona, da ging erst einmal nicht so viel. Zwischenzeitlich habe ich mir überlegt, meine Karriere ganz an den Nagel zu hängen, aber sich auf Dauer immer nur fit zu halten und Golfen zu gehen, ist für mich auch nichts. Zwischenzeitlich war ich in den USA, der dortige Nationaltrainer Gregg Ber-halter war früher einmal mein Spieler. Ich habe etwas gesucht, das menschlich passt. Und mit den Grasshoppers ist jetzt etwas Neues aufgekommen, wo ich gesagt habe, das reizt mich.


AJ: Wie haben Sie sich in der Schweiz eingelebt, welche der kulinarische Klassiker aus Fondue, Cordon-Bleu etc. haben Sie schon probiert?
Schwarz: Ich sehe mich zwar aktuell noch nach einer Wohnung um, fühle mich aber schon wie zu Hause. Der Züricher Dialekt hat etwas vom Schwäbischen, deshalb verstehe ich die Leute sehr gut. Und Zürich ist einfach eine Traumstadt mit einer ganz hohen Lebensqualität. Cordon Bleu und Züricher Geschnetzeltes habe ich schon gegessen, für den Rest hat es leider noch nicht gereicht.


AJ: Sportlich könnte die Herausforderung derzeit kaum größer sein. Der GC Zürich steckt tief im Abstiegskampf, kürzlich haben Sie Trainer Bruno Berner entlassen.
Schwarz: Ja, das war keine einfache Entscheidung, aber eine notwendige. Die Ergebnisse sind nicht so gewesen, wie wir uns erhofft haben, dann muss man irgendwann den letzten Strohhalm ziehen. Unter dem neuen Trainer Marco Schällibaum erhält nun jeder Spieler eine neue Ansprache und hat die Chance, sich neu zu beweisen.


AJ: Was sind die kurzfristigen und langfristigen Ziele?
Schwarz: Erst einmal geht es darum, den Klassenerhalt zu schaffen, das ist klar. Ich bin hier, um den Verein zu stabilisieren. Da ging es die letzten 20 Jahre eher rückwärts, natürlich auch bedingt durch viele Eigentümerwechsel. Jetzt geht es darum, dem Verein einfach mal wieder ein Gesicht und eine Philosophie zu geben. Früher war hier die beste Jugendakademie in der Schweiz, dahin wollen wir auch wieder zurück. Am Ende des Tages möchte ich dem Verein dabei helfen, ein neues, erfolgreicheres Kapitel zu schreiben.


AJ: Im Januar wurde der Los Angeles Football Club (LAFC) Mehrheitsaktionär bei den Grasshoppers. Wie wirkt sich diese strategische Partnerschaft auf ihre Arbeit aus?
Schwarz: Ich empfinde es als sehr positiv, weil einfach viel Know-how zusammenkommt und man sich auch immer wieder mit den Leuten austauschen kann. Zusätzlich profitieren wir vom großen Netzwerk, zu dem auch der FC Bayern gehört. Konkret könnte das so aussehen, dass wir einen Spieler aus Los Angeles, der vielleicht für die erste Mannschaft in den USA bisher nicht gut genug ist, bekommen. Der hätte hier die Chance, sich zu entwickeln. Oder umgekehrt, dass Spieler hier vom Grasshopper Club irgendwann mal reif und gut genug sind, um den Weg nach LA zu gehen.

Stephan Schwarz: Ich blicke nur mit einem lachenden Auge auf die Zeit beim FCA zurück

AJ: Oder in die Bundesliga …
Schwarz: Genau, allgemein ist einfach die Kommunikation untereinander wichtig. Erst kürzlich habe ich beispielsweise mit Daniel Baier telefoniert, der aktuell ja Scout beim FC Bayern ist. Da spricht man natürlich viel über einzelne Spieler und was für Bayern München vielleicht nicht gut genug ist, kann ja für den Grasshopper Club Zürich gut sein. Es ist aber nicht so, dass durch die neue Struktur hier jemand reinkommt und sagt „So, ihr habt hier 20 Millionen, schmeißt mit dem Geld um euch“, sondern man hat hier ein ganz normales Budget, das zur Schweiz passt und muss im Rahmen dieser Möglichkeiten versuchen, das Beste daraus zu machen. Und das wollen wir jetzt auf die Beine stellen.


AJ: Ein Club, bei dem sie in der Vergangenheit viel auf die Beine gestellt haben, ist der FC Augsburg. Schauen Sie heute noch die Spiele des FCA?
Schwarz: Klar, nicht mehr alle Spiele, aber wenn ich die Zeit habe, sicher. Einen Verein, den man selbst geprägt hat, verfolgt man natürlich mehr.


AJ: Wie blicken Sie auf Ihre Zeit dort zurück, eher mit einem lachenden oder weinenden Auge?
Schwarz: Mit dem Weinenden gar nicht, sondern nur mit dem Lachenden. Weil es einfach solch eine tolle Zeit war, gemeinsam das zu entwickeln und mit anzusehen, wie es sich dann verwirklicht hat. Ich weiß noch, wie es am ersten Tag war, da gab es zwei Trainingsplätze ohne Flutlicht, ohne Rasenheizung, noch keine Geschäftsstelle und kein Gebäude für die Jugendakademie. Und wenn man jetzt sieht, was entstanden ist, muss man sagen: Hut ab, was man da hinbekommen hat. Das macht einen auch stolz.

Enttäuschung bei Chef-Scout Stephan Schwarz (FC Augsburg) nach dem Spiel, FC Augsburg vs. Borussia Mönchengladbach.


AJ: Trotzdem gab es in Ihrer Zeit im Verein auch ein paar kuriose Geschichten wie in der Zeit, als Caiuby zum Kader gehörte.
Schwarz: Ja, ich erinnere mich noch gut, der kam einmal in der Winterpause bis Mitte Februar oder sogar März nicht aus Brasilien zurück. Wir haben dann immer gesagt, der absolviert dort eine Reha, aber es waren private Sachen, die er zu regeln hatte und bei denen wir ihm geholfen haben. Und dann, als er wieder zurückkam, hat er überhaupt kein schlechtes Gewissen gehabt, sondern hat Hallo gesagt, als wäre nie etwas gewesen. Fußballerisch war er die ersten zwei Jahre aber natürlich top. Als wir mit ihm, Daniel Baier, Halil Altıntop und Raul Bobadilla gespielt haben, das hat anderen Trainern richtig Kopfzerbrechen bereitet.


AJ: Auf welchen Transfer damals sind Sie besonders stolz?
Schwarz: Es gibt viele, die da in Frage kommen. Ideal gelaufen ist es zum Beispiel bei Abdul Rahman Baba. Er hat sich menschlich und sportlich super eingebracht, wurde dann von vielen Mannschaften in Europa angeschaut und am Ende hat tatsächlich Chelsea Interesse bekundet. Da sind wir damals nach London geflogen, um mit Marina Granovskaia, der dortigen Transferchefin und Vertrauten von Roman Abramowitsch, zu verhandeln. Dort kam ein Angebot, aber das war nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Deshalb haben wir höflich abgelehnt und sind am Abend wieder nach Hause. Und dann, zwei Tage später, kamen sie zu uns und man hat es zu Ende verhandelt. Es war klar, die wollten den Spieler unbedingt, aber sie mussten dann auch den Wert des Spielers zahlen (26 Millionen Euro Ablöse Anm. d. Red.). Zu Baba habe ich im Übrigen noch bis heute Kontakt.

Stephan Schwarz: Welcher Transfer beim FCA so gar nicht geklappt hat

AJ: Und welcher Transfer hat so gar nicht geklappt?
Schwarz: Tim Matavz zum Beispiel hat sicher nicht so funktioniert, wie wir uns das damals erhofft haben. Hat mit seinem wichtigen Tor gegen Gladbach damals aber alles wieder zurückgezahlt und uns den Einzug in die Europa League gesichert.


AJ: In Ihrer Karriere haben Sie nicht nur als technischer Direktor, sondern auch als Scout, Jugendtrainer und jetzt als Sportdirektor gearbeitet. Wie hat sich der Job in der ganzen Zeit verändert?
Schwarz: Es ist insgesamt alles viel schneller geworden. Ich werde nie vergessen, früher habe ich Spielvorbereitungen mit zwei VHS Kassetten und dem Video Rekorder gemacht. Da hat man noch Timecodes aufschreiben müssen und vier Stunden gebraucht, um ein achtminütiges Video zu schneiden. Heute drückst du im System auf „Alle Ecken des FC Bayern, die von rechts in den ersten Quadranten geschlagen wurden“, und hast, ohne zu warten, alle Ausschnitte vorliegen.

Stephan Schwarz mit seinem langjährigen Weggefährten Stefan Reuter (Mi.). Foto: Kolbert-press


AJ: Sie gelten als großer Verfechter und Förderer des Jugendfußballs. Wie beurteilen Sie die Änderungen in Deutschland, dass die Vereine mit Nachwuchsleistungszentren künftig nicht mehr absteigen können?
Schwarz: Das ist Wahnsinn. Wie kann man im deutschen Fußball das Gewinnen nicht mehr honorieren? Es muss im ganzen Leben immer um Gewinnen und Verlieren gehen. Wenn du einen Job hast oder eine Ausbildung machst, da geht es auch ums Gewinnen. Du willst eine Ausbildung oder deinen Beruf so gut wie möglich machen. Im Fußball willst du ein Trainingsspiel, einen Zweikampf oder ein Kopfballduell gewinnen, aber anscheinend ist es nicht mehr so entscheidend. Klar eifert man da anderen Nationen nach, aber ich bin der Ansicht, jeder Verein und jedes Land braucht seine eigene Identität. Und wenn wir die verlieren, weiß ich nicht, ob wir noch richtig unterwegs sind.


AJ: Abschlussfrage. Sie haben einige Jahre unter Ralf Rangnick gearbeitet. Aktuell geht der Name als potenzieller Trainerkandidat beim FC Bayern durch die Medien. Halten Sie ihn für einen geeigneten Kandidaten?
Schwarz: Ja absolut, der weiß ganz genau, welche Spieler man holen muss, obwohl das bei Bayern ja eher ein Players Picking ist und nicht mehr allzu viel mit klassischer Kaderplanung zu tun hat.

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