Aufgebrochene Türen, herausgerissene Schrankinhalte, Nacktdurchsuchungen von Clubbesuchern – das Ganze noch gefilmt von einem „Galileo“-Team: Die Polizeirazzia im City Club am 31. Januar hatte deutschlandweit Schlagzeilen gemacht. Auch das Theter Ensemble war von der Razzia betroffen. Fast ein Monat ist seitdem vergangen. Wie ist es ihnen seitdem ergangen?

Im City Club ist die Stimmung gemischt. Svenja Tietze, die auch im Sinne von Geschäftsführer Sebastian Demmer mit dem AJ spricht, sagt: „Es hat schon bei einigen der Mitarbeiter:innen und der anwesenden Personen im Haus Spuren hinterlassen.“ Psychologen und Psychotherapeuten hätten ehrenamlich ihre Hilfe angeboten. Auch das Awareness Kollektiv Augsburg. „Der Bedarf war da“, erklärt sie. „Wir haben jetzt verschiedene Methoden, wenn Menschen in der Schicht merken, es wird ihnen zu viel. Ist auch normal nach so einer Situation.“ Aber ganz aufhören mit der Arbeit etwa hinter dem Tresen oder kündigen möchte niemand. Und der Club? „Wir versuchen, in einen normalen Alltag zu kommen und Veranstaltungen zu planen. Auch zukünftige Künstler, etwa DJs, die noch Auftritte haben, hätten nicht abgesagt. Im Gegenteil: „Von der Szene kam nur Solidarität.“

Der City Club am Königsplatz. Foto: bulu

Tietze sagt dem AJ, „Unsere Anwältin Martina Sulzberger hat Beschwerde gegen den Durchsuchungsbeschluss eingereicht. Wir warten noch auf Antwort.“

Lisa McQueen, Stadträtin für Die PARTEI Augsburg, hatte auf GoFundme eine Spendenaktion per Fundraising für den City Club ins Leben gerufen. Auf ihrer Instagram- und Website schlüsseln sie als City Club auf, wofür sie das Geld einsetzen, so Tietze. Das meiste werde für Reparaturkosten eingesetzt. Zum Beispiel wurden kürzlich neue Türen geliefert. Deren Wert liege im unteren vierstelligen Bereich. Auch der aufgebrochene und verbogene Tresor werde ersetzt. Der größere Klotz seien die Anwaltskosten. „Wir haben schon erste Anwaltskosten und an dem Tag ausgefallene Schichten davon bezahlt.“

Spendenkampagne eingestellt: Der City Club braucht das Fundraising-Geld etwa für Anwaltskosten

„Die Anwaltsrechnungen werden auch die nächsten Monate die größte Summe sein“, ergänzt sie. „Auch einige Betroffene leiten rechtliche Schritte ein, deren Anwaltskosten möchten wir übernehmen, ebenso die vom Theter-Verein.“

Die Spendenkampagne stellte Lisa McQueen vergangene Woche bei einer Endsummer von 44.025 Euro ein. Auf der Website steht eine Endsumme von 44.250 Euro. Aktuell könne sie sagen, dass davon 7500 Euro an Gebühren und Steuern abgehen, so Tietze.

„Im Moment gehen wir davon aus, dass es reicht“, sagt Tietze. „Aber sollte es sich länger ziehen oder mehr Menschen rechtliche Schritte einleiten, dann kann es mehr werden. Das können wir erst im Sommer sagen.“ Sie hofften, dass das Verfahren eingestellt wird. „Wenn das vorbei ist, werden wir eine Kostenaufstellung veröffentlichen. Sollte etwas übrig sein, wollen wir es spenden oder zum Beispiel mit einer Soli-Party an die Community zurückgeben.“

Auch das Theter Ensemble war von der Razzia betroffen. Das freie Theater nutzt den dritten Stock backstage und zum Proben und den City Club regelmäßig als Spielstätte.

Franziska Pux, Gründungsmitglied des Theter, sagt: „Natürlich hat sich die Gesamtstimmung etwas zu legen begonnen. Am Anfang herrschte vor allem Fassungslosigkeit. Wir agieren unabhängig vom City Club, sind aber freundschaftlich verbunden. Wie es den City Club getroffen hat, hat es auch uns getroffen.“ Über die plötzliche Razzia auch bei ihnen in den Backstage-Räumen ist sie immer noch entsetzt: „Damals dachten wir uns nur: ‚Hä? Das kann doch so nicht in Ordnung sein! Dass uns niemand von offizieller Seite informiert.“ Bis heute habe sich niemand offiziell bei ihnen gemeldet.

Immer noch fassungslos über Razzia ohne Durchsuchungsbeschluss: Der dritte Stock des Theter Ensembles war bei der Razzia leer

„Es ist völlig inakzeptabel, dass wir ohne richterlichen Beschluss durchsucht wurden“, so Vanja Pagany vom Theter. Gemäß eines Berichts von Presse Augsburg war die Durchsuchung des dritten Stocks mit „Gefahr im Verzug“ argumentiert worden. „Das ist absurd. Allein die gleiche Hausnummer zu haben kann nicht die Rechtfertigung für eine solche Durchsuchung sein.“

Pux erklärt, es seien gar keine Theatermitglieder im dritten Stock gewesen, als die Razzia stattfand: „Jemand aus dem Verein war beim Kö vorbeigegangen und hat gesehen, dass im ganzen Haus Licht brennt. Als wir dann zum ersten Mal ins Haus kamen, haben wir das so vorgefunden wie auf den Fotos.“

Darauf sieht man: Neben der ramponierten Eingangstür bot sich vor allem im Fundus, also der Kostüm- und Requisitensammlung, ein Bild der Verwüstung. „Schubladen waren herausgerissen, Kostüme auf dem Boden verteilt, teilweise darauf herumgetreten“, berichtet Pagany.

„Uns liegt die Gemeinschaft im Haus sehr am Herzen und wir arbeiten seit fast zehn Jahren eng und immer gut mit dem City Club zusammen“, betont Franziska Pux. Sie sprächen den Mitarbeitern und Besuchern ihre Solidarität aus. „Es fühlt sich nach einem Angriff auf die ganze freie Club- und Kulturlandschaft Augsburgs an, einer Machtdemonstration gegen alternative und Subkultur.“

Der Verein fordert Schadensersatz und schließt sich den Forderungen nach transparenter Aufklärung des Einsatzes an, die es aus der Augsburger Zivilgesellschaft und von verschiedenen Abgeordneten gibt. Unterstützung kam etwa von der Augsburger Grünen-Bundestagsabgeordnete Claudia Roth, die sich im Theter eine Vorstellung des aktuellen Stücks „Terror“ ansah. „Sie hatte vor jenem Wochenende noch kein Ticket“, betont Pux.

Chaos in den Räumen des Theter. Foto: : theter ensemble

Das Theter wird von Cornelia McCready vertreten. Die Anwältin antwortete auf eine AJ-Anfrage vorletzte Woche: „Ich habe Rechtsmittel eingelegt und Akteneinsicht beantragt. Zwischenzeitlich habe ich Einsicht in eine reduzierte Teilakte bekommen. In den in dieser Akte befindlichen gerichtlichen Durchsuchungsbeschlüssen ist der theter ensemble e.V. nicht aufgeführt, auch nicht dessen Räume. Es ist beabsichtigt, die Rechtswidrigkeit der Durchsuchung gerichtlich feststellen zu lassen.“

Vielleicht geht der „Terror“ weiter, aber nur auf der Theter-Bühne

Wie geht es jetzt weiter? „Bezüglich des juristischen Vorgehens müssen wir abwarten“, so Pux. „Und herausfinden, wer für die Reparatur der Tür zuständig ist.“ Die beschädigten Gegenstände waren nicht für das aktuelle Stück „Terror“ im Einsatz. Spielen wollen sie alle weiter. Die letzte Vorstellung sei ausverkauft gewesen. „Wir versuchen, für weitere Vorstellungen zusammenzukommen.“ Das sei aber nicht so einfach, weil das Theter für alle ein Hobby neben dem Job sei.

Anhang: Was war eigentlich passiert? Die Polizei schreibt über die lange geplante Razzia: „Im Rahmen des Einsatzes durchsuchte die Polizei insgesamt drei Objekte in Augsburg. Die Durchsuchung bezog sich dabei auf Wohn- und Geschäftsräume sowie einen Club in der Augsburger Innenstadt. Hierbei stellten die Beamten umfangreiche Beweismittel sicher. Unter anderem wurden verschiedenste Betäubungsmittel (u.a. Kokain, Amphetamin und weitere synthetische Betäubungsmittel) im unteren dreistelligen Grammbereich, Bargeld sowie Datenträger sichergestellt.“

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