Es ist gerade ein paar Tage her, da schaute Augsburg gespannt auf die Stichwahl seines Bürgermeisters, seiner Bürgermeisterin. Es ist gerade hundert Jahre her, da hatten die Bürgerinnen und Bürger in Augsburg keine „zweite Wahl“, nachdem kein Bewerber beim ersten Mal auf über 50 Prozent der Stimmen gekommen war. Statt der – nicht vorgesehenen – Stichwahl durch die Bürgerinnen und Bürger wählte der Stadtrat auch den OB selbst.
Kaspar Deutschenbaur (1864 – 1950) hieß der aus dem Jahr 1919. Ein Umstand, der vielfach nicht bekannt war, erklärt Renate Weggel, Augsburger Historikerin und Buchautorin. Die Sache mit der Nicht-Stichwahl – einer von mehreren Aspekten aus der jüngeren Stadtgeschichte, die die Autorin in dieser Form erstmals berichtet.
Ihr Berufsleben verbrachte Studiendirektorin Renate Weggel als Lehrerin für Englisch und Geschichte am Augsburger Gymnasium St. Anna. Solange, bis sie 2020 in den Ruhestand ging – und sich umgehend auf ein neues Projekt stürzen wollte: eine Forschungsarbeit über Augsburg zur Zeit der Weimarer Republik. Ja, sie habe schon 1991 ein Buch über „Pfersee: Dorf – Industrieort – Vorort“, vorgelegt. Das Buch ist vergriffen, Grundlage war ihre Dissertationsschrift, seitdem trägt Weggel – meist bescheiden verborgen – einen Dr.-Titel.
Renate Weggel: „Ich brauche etwas zum Nachlesen“
Ihr neues Projekt war größer angelegt: Augsburg zur Zeit der Weimarer Republik, also der Jahre zwischen 1919 und 1933. Warum diese Epoche, warum nichts über Augsburg und die Römer oder das Mittelalterliche Augsburg? „Ich brauche etwas zum Nachlesen“, erklärt Weggel, „Zeitungsberichte, Akten, Archivalien“.
Und so hatte sie sich gleich ein Jahresabo gekauft, um Tag für Tag ins Stadtarchiv zu fahren – und dann kam Corona. Immer schwieriger sei es mit dem Zutritt geworden, bis gar nichts mehr ging. Nicht erst seit dieser Zeit, so Weggel, habe sie in Georg Feuerer vom Stadtarchiv einen allzeit hilfreichen Unterstützer für ihre Forschung gefunden. Rund vier Jahre habe sich die Arbeit hingezogen, dann war Weggel stolze Besitzerin eines stattlichen Manuskripts. Eines Manuskripts, das dank der Unterstützung des Augsburger Chronisten Franz Häusler und anderer eine stattliche Anzahl von zeitgenössischen Fotos, Postkarten, Plakaten, Reklame, Anschlägen, Landkarten und weiterem beinhaltete.
Nun habe sie zwar stets damit geliebäugelt, ihr Manuskript eines Tages in Buchform vorzulegen, aber die ersten schnellen Angebote hätten bedeutet, dass sie tausende Euro hätte zuschießen müssen. Zuletzt zeigte sich die Zusammenarbeit mit dem Verlag Friedrich Pustet als für beide Seiten dienlich – und Renate Weggel braucht ja vielleicht nur einen kleineren Druckkostenzuschuss leisten, so die stolze Buchautorin.
Augsburg will Stadt der Luftfahrt werden
In einen sauren Apfel habe sie leider beißen müssen, so die Autorin: Eines ums andere habe das Lektorat des Verlags Fotos und Illustrationen aus der Buchvorlage herausgenommen – aus Platzgründen. Dennoch sind 896 Seiten an Umfang zusammengekommen, darin enthalten ein großer Anhang mit wissenschaftlichem Quellen- und Literaturverzeichnis.
Renate Weggel ließ sich indes nicht groß verdrießen, dass sie so viele Bilder und Illustrationen hätte umsonst zusammengetragen haben sollen. Sie entsann sich einer zusätzlichen Verwendung: Im Programm der Augsburger Volkshochschule war und ist sie mit Vorträgen zur Stadtgeschichte vertreten – freilich aus „ihrer“ Zeit, dem 19. und 20. Jahrhundert.
Von der Inhaltsstruktur beginnt die Autorin mit dem großen Kapitel „Aufbruch“, welches die (politische) Situation in Augsburg seit dem Ende des ersten Weltkrieges 1918 darstellt. In diese Phase fällt auch die Sache mit der Nicht-Stichwahl des Bürgermeisters. Stabilisierung nennt Weggel den mittleren Teil ihrer Arbeit. Hier geht sie unter anderem auf die Bautätigkeit dieser Zeit in Augsburg ein, die bis heute an vielen Stellen das Stadtbild prägt. In diese Zeit fallen auch die Unternehmungen Augsburgs, eine Luftfahrtstadt werden zu wollen.
Die Jahre ab 1924 trugen, aus New York kommend und sich in Ansätzen auf das kulturelle Leben in Berlin beziehend – den Namen „Goldene Zwanziger“. In ihrem Buch zeigt Weggel auf, dass es auch in Augsburg ein gewisses Aufblühen der Kultur gegeben habe, etwa mit Blick auf die Kino- oder Theatergeschichte der Stadt. Teil Drei des Buches nennt sich „Kapitulation“ und beinhaltet die Darstellung der Jahre 1929 bis 1933, der Machtergreifung durch die NSDAP.
Weggel, Renate, Augsburg in der Weimarer Republik. Aufbruch – Stabilisierung – Kapitulation, Verlag Friedrich Pustet, ISBN/EAN: 9783791736020
1. Gutscheine statt Geld – eine Erfindung zur Zeit der Hyperinflation (o.li.). 2. Wer Geld hatte, konnte an den „Goldenen Zwanzigern“ in Augsburg teilhaben, so wie die Pferseer Faschingsgesellschaft vermutlich aus dem Jahr 1928 (o. re.). 3. Man fand in Augsburg vor 100 Jahren mehrere Kaufhäuser wie das (jüdische) „Schocken“ in der Maximilianstraße unweit des Rathauses. 4. Mit genügend Moneten konnte man sich seine Wäsche in der Langen Gasse in der Altstadt maßanfertigen lassen. Fotos: Sammlung Weggel
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