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Dienstag, 19. Mai 2026

Die Linke und ihre neuen Gesichter

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Sie sind jung, sie sind viele und sie haben das politische Augsburg bei der letzten Wahl ordentlich aufgemischt. Mit einem Rekord-Mitgliederzuwachs und einem starken Ergebnis im Rücken kehrt Die Linke in den Stadtrat zurück. Wir haben das Team um die einstige OB-Kandidatin Elisabeth Wiesholler getroffen, um zu erfahren, wer die Menschen hinter den roten Plakaten wirklich sind.

Die Linke: Mit 5 Personen in den neuen Stadtrat

Lange war es still um die Linke im Augsburger Stadtrat. Aufgrund von Parteiwechseln nach der Stadtratswahl 2020 saßen in der abgelaufenen Legislaturperiode keine Politiker der Linken mehr im Augsburger Stadtrat. Das wird sich ab sofort spürbar verändern. Mit einem Ergebnis von 8,78 Prozent hat es die Augsburger Linke mit insgesamt fünf Plätzen in den Stadtrat geschafft und damit den Fraktionsstatus erreicht. Ein großer Erfolg, für den sich an vorderster Front die OB-Kandidatin Elisabeth Wiesholler verantwortlich zeigte.
Wer Wiesholler in der Parteizentrale am Mauerberg gegenübersteht, trifft auf eine Frau, die weiß, wie man Erwartungen übertrifft.

Mit beachtlichen 5 Prozent bei der Oberbürgermeisterwahl hat die studierte Erziehungswissenschaftlerin nicht nur ein persönliches Ausrufezeichen gesetzt, sondern ihrer Partei den Weg geebnet. „Wir haben uns als Augsburger Linke von Grund auf neu erfunden“, sagt sie ruhig. Mit klaren Kernthemen wie bezahlbarem Wohnraum und faire Löhne fand man Anklang bei den Wählerinnen und Wählern. Die 28-Jährige ist keine Berufspolitikerin aus dem Elfenbeinturm, sondern lebt das Thema Bürgernähe, wie auch die gesamte Fraktion. Sie arbeitet nebenbei in einem Armutspräventionsprojekt des Stadtjugendrings und absolviert gerade eine Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. Diese Nähe zu den sozialen Brennpunkten der Stadt ist ihr Treibstoff. „Ich sehe jeden Tag, wo das System hakt, sei es bei maroden Schulen oder Kindern, die hungrig zum Unterricht kommen.“

Elisabeth Wiesholler

Stallgeruch und Streikposten

Ein gutes Beispiel für den Erfolg und die Authentizität der Linken ist Johanna Reski. Sie hat gerade ihre Masterarbeit in Umweltethik abgegeben, ein Thema, das bei ihr weit über die Theorie hinausgeht. Wenn sie nicht gerade das „Bündnis Obdachlosigkeit“ mitkoordiniert oder als erste Vorsitzende im Kulturverein „Kraetzwerk“ Konzerte bucht, kennt man sie in der Augsburger Szene vielleicht als „Schwesta Webba“, eine musikalische Parodie der Ex-OB Eva Weber. Dass sie als ehemalige Kunstfigur nun im Stadtrat sitzt, findet sie selbst „wild“, sieht darin aber eine Chance: „Ich trenne meine Arbeit als Künstlerin strikt von der politischen Arbeit, aber ich bringe die Kompetenzen aus der freien Kulturszene mit. Wir brauchen endlich Räume, die nicht nur Eliten zugutekommen.“

Johanna Reski

Expertise vom Fahrkartenschalter

Die Lebensrealität der arbeitenden Augsburger verkörpert niemand so authentisch wie Lukas Küfner (28). Der Eisenbahner und Gewerkschafter hat sein Handwerk im Fahrkartenvertrieb gelernt. „Dort habe ich Menschen bedient, die sich am Monatsende nicht mal mehr die Wochenkarte leisten konnten“, erinnert er sich. Heute sitzt er im Konzernbetriebsrat der Deutschen Bahn. Seine Mission im Stadtrat: Ein bezahlbarer ÖPNV, der nicht auf dem Rücken der Fahrer ausgetragen wird. „Die wahren Experten sitzen vorne in der Tram, nicht nur in der Verwaltung.“
In die gleiche Kerbe schlägt Ömür Kanbur-Akyol (44). Die zweifache Mutter und Schulbegleiterin trat der Partei 2024 bei, als die Umfragewerte im Keller waren. „Ich wollte die Partei retten, weil ich an soziale Gerechtigkeit glaube“, sagt sie. Als ehemalige Betriebsrätin bringt sie die Erfahrung mit, wie man Rechte durchsetzt. Sie ist die Stimme derer, die täglich zwischen Job, Kindern und explodierenden Mieten jonglieren.

Lukas Küfner

Die Linke: Eine neue Transparenz

Dass die Augsburger Linke mittlerweile auf über 500 Mitglieder angewachsen ist – eine Verdreifachung seit dem letzten Wahlkampf –, führen sie auf ihren neuen Fokus zurück. „Wir hören zu: an den Haustüren, in der Sozialberatung, beim Heizkostencheck“, erklärt Wiesholler. Es geht ihnen um Transparenz. Sie wollen die Stadtratspolitik verständlicher machen und weg vom Gefühl kommen, dass vieles hinter verschlossenen Türen passiere.

Inhaltlich hat sich die Fraktion viel vorgenommen, verliert sich dabei aber nicht in Utopien. Ganz oben auf der Agenda steht der Kampf gegen den Leerstand – fast 3.000 Wohnungen seien demnach in Augsburg ungenutzt. Mit einer Zweckentfremdungssatzung will die Linke hier die Umwandlung von Wohnraum in Ferienwohnungen oder gewerbliche Flächen begrenzen. Auch in der Kulturpolitik fordern sie ein radikales Umdenken: Die kostspielige Sanierung des Staatstheaters sehen sie kritisch, solange die freie Szene finanziell am Bettelstab geht.

Ömür Kanbur-Akyol

Kampf gegen Leerstand die Erste Prio

Die Vision der neuen Fraktion: Das Staatstheater dezentralisieren, Gastspiele in die Stadtteile bringen und Bürgerzentren schaffen, in denen die Menschen vor Ort selbst Kultur machen können. Denn, so der Tenor am Tisch: Alle Augsburger zahlen für diese Einrichtungen, also müssen auch alle etwas davon haben. Dies solle einer Fertigstellung des Staatstheaters aber nicht im Wege stehen, sondern zusätzlich dazu fungieren. Außerdem sollen ihrer Ansicht nach für die Theatersanierung nur noch Firmen mit Betriebsrat eingesetzt werden, um so weitere Kostenexplosionen zu vermeiden.

Man darf gespannt sein, wie dieser Tatendrang und frische Wind den politischen Alltag im Rathaus verändern werden. Die neue Linke scheint jedenfalls gekommen, um zu bleiben.

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