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Donnerstag, 04. Juni 2026

Mädchenkantorei: Die „Domsing-Mädels“

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Bitte keine Schleife singen. Nur zwei Töne: See-le.“ Andrea Hartinger hebt die Hände, 17 Mädchenstimmen setzen erneut ein. „Wach auf, wach auf meine Seele“, singen die 6-9-Jährigen der Nachwuchschöre I und II konzentriert im Probenraum. Erst leise, dann kräftiger schallen die hellen Stimmen durch den Raum. Manche schnipsen im Takt, andere wippen leicht mit den Füßen. Dazwischen wird gekichert, geflüstert, wieder ernst gearbeitet.

Es wirkt schon, als gehöre die Mädchenkantorei längst selbstverständlich zum Haus. Dabei dürfen erst seit diesem Schuljahr Mädchen offiziell Teil der traditionsreichen Dommusik werden. Lange waren die Domsingknaben das prägende Bild des Hauses.
Ist damit die Emanzipation im Traditionschor angekommen? Der kaufmännische Geschäftsführer Leonhard Fitz formuliert es vorsichtig. „Ich würde es nicht unter den Begriff Emanzipation setzen“, sagt er. Für ihn gehe es vielmehr darum, „ein gleichwertiges Bildungsangebot auch für Mädchen“ zu schaffen. Jahrzehntelang habe sich die Dommusik rund um die Knabenchöre entwickelt. Nun sei die Zeit reif gewesen, das Angebot zu erweitern – ohne den Jungen etwas wegzunehmen.

Der organisatorische Aufwand dahinter ist enorm. Aus ursprünglich rund 300 Kindern und Jugendlichen sollen langfristig bis zu 450 werden. Mehr Sängerinnen bedeuten mehr Unterricht, mehr Elternkontakte, mehr Probenplanung. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten: Die Mädchen sollen künftig auch liturgische Dienste übernehmen und damit die Knabenchöre entlasten.

85 Kantoreimädchen

291 Jungen gehören zu den Domsingknaben. Von den aktuell 85 Kantoreimädchen sind 40 in der Früherziehung, 45 in Nachwuchschören. Die jüngsten Sängerinnen beginnen bereits in der musikalischen Früherziehung, die ältesten sind 13 Jahre alt. Der Aufbauchor wurde aus Quereinsteigerinnen gecastet. Ab September startet zusätzlich ein Konzert- und Liturgiechor für 14- bis 20-Jährige. Geprobt wird derzeit einmal pro Woche für eineinhalb Stunden, dazu kommt eine halbe Stunde Einzelstimmbildung. Ab Herbst sollen die Mädchen – genau wie die Jungen – zweimal wöchentlich proben. „Identisch“, betont Fitz. Die Qualität der Ausbildung solle auf demselben Niveau bleiben.

Dass die Mädchen mit Begeisterung dabei sind, merkt Chorleiterin Hartinger sofort. „Die haben Lust, die ziehen relativ gut an“, sagt sie lachend. Viele der Mädchen seien Quereinsteigerinnen ohne große Chorerfahrung. Trotzdem seien schon nach wenigen Wochen deutliche Fortschritte hörbar. Sie arbeitet daneben auch in Neusäß als Kirchenmusikerin. Hartinger sagt augenzwinkernd: „Die haben dort auch immer Angst, dass ich sie verlassen könnte“, schiebt aber gleich nach, um zu entwarnen: “Da ist großes Interesse da und auch die eine oder andere Synergiegeschichte, dass man sich da gegenseitig auch befruchtet, dass man schaut, welche Leute könnten denn für beides passen.“ Sie hat selbst in einem Chor gesungen, seit sie sechs Jahre alt ist, „aber nie in einem Mädchenchor, der dreistimmig gesungen hat. Das ist von daher für mich auch Neuland. Ich muss mich von der Literatur her ein bisschen einarbeiten, was es alles gibt.“ Sie erklärt: „Ein vierstimmiger Mädchenchor klingt anders als ein Männer- oder Knabenchor, der einfach den vollen Umfang eines Klangspektrums von sehr tief bis sehr hoch hat, das ist bei Frauen natürlich deutlich reduzierter, also von daher gibt es einiges zu entdecken.“

Mit Herzblut dabei: Die Nachwuchschöre I und II mit Andrea Hartinger.

Die Mädchen selbst sprechen vor allem von der Freude an der Musik

Die Mädchen selbst sprechen vor allem von der Freude an der Musik. „Ich bin hier gern, weil mir Singen Spaß macht“, erzählt die achtjährige Romi . Olga, ebenfalls acht Jahre alt, musste lange warten, bis sie selbst mitsingen durfte. Ihre beiden Brüder sind bereits Domsingknaben. Ob sie neidisch gewesen sei? „Ja“, sagt sie ehrlich – und grinst. Dass sie jetzt auch Teil der Dommusik sein darf, findet sie „schön“.

Ein Drittel der Sängerinnen hat nach Einschätzung der Verantwortlichen Geschwister bei den Domsingknaben. Auch Olga gehört dazu. Ihre Mutter erinnert sich daran, wie selbstverständlich der Wunsch ihrer Tochter eigentlich immer gewesen sei. „Olga hat mit zwei schon gesagt: Wenn ich mal ein Bub bin, werde ich auch mal Domsingknabe“, erzählt sie lachend. Für Olga und andere Mädchen hat sich der Wunsch erfüllt. Für sie als Mutter sei die neue Mädchenkantorei „fantastisch“, sagt Bogatzki, gerade weil sie die musikalische Qualität der Dommusik schätze. „Und ihre zwei Brüder finden‘s mega.“

Zwischen Jungen und Mädchen scheint es bislang kaum Konkurrenzdenken zu geben. Eher Neugier. Die Jungen fragen nach der Konzertkleidung und ersten Auftritten der Mädchen. „Die Jungs haben ihre Chorpullis und wir sind derzeit am Recherchieren und Überlegen, was es für die Mädchen werden könnte. Aber es soll schon was sein, was einerseits zwar optisch dazu passt, aber sich schon auch klar unterscheidet“, erklärt Hartinger. Viele begegnen sich beim Mittagessen oder auf den Fluren. Noch proben beide Gruppen meist getrennt – vor allem aus Platzgründen. Musikalisch wollen die Verantwortlichen bewusst eigene Wege gehen. Die Mädchen sollen nicht einfach „bei den Domsingknaben mitsingen“, betont Fitz. Beide Chöre sollen eigenständig auftreten und sich unabhängig entwickeln.

Von links: Selihom, Olga und Romi freuen sich auf die Probe.

Mädchenkantorei: Am 4. Juni im Dom

Der Kammerchor der Domsingknaben ist aktuell auf Pfingsttournee in Guatemala. Während die Jungen auf jahrzehntelange Geschichte, große Konzertreisen und internationale Auftritte zurückblicken können, entsteht bei den Mädchen vieles gerade erst. Ein erster großer gemeinsamer Auftritt steht allerdings schon bevor: An Fronleichnam, Donnerstag, 4. Juni, werden die Mädchen erstmals gemeinsam mit allen Knabenchören bei Gottesdienst und Prozession im Dom auftreten. Ein eigenes gemeinsames Konzert soll dann wohl erst Richtung Weihnachten folgen.

Beim AJ-Besuch proben die Mädchen etwa die Kantate „Der achte Tag“ über Schöpfung, Umweltzerstörung und Verantwortung, die sie am 5. Juli bei einer Matinee aufführen. Und die Mädchen sind mit vollem Körpereinsatz dabei: Im finalen Teil des Stücks, dem achten Tag, an dem der Mensch statt Gott handelt, skandieren die jungen Sängerinnen mit erhobenen Fäusten „Wachstum! Wachstum!“, bevor sie an die Menschheit appellieren, sich wieder zu besinnen. Dass Wachstum aber nicht immer schlecht ist, dafür sind sie selbst wohl das beste Beispiel.

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