Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Es ist Jahresende, der Buchungsschluss steht an und in der Verwaltung brennt das Licht bis spät in die Nacht. Anstatt händeringend nach Personal zu suchen, greift die Abteilungsleiterin oder der Abteilungsleiter zum Telefon und ruft beim US-Tech-Giganten OpenAI an: „Ich brauche für vier Wochen 100 digitale Leiharbeiter.“ Innerhalb von Sekunden übernehmen KI-Agenten die komplette Rechnungsprüfung, hoch produktiv, ohne Pause und fehlerfrei. Science-Fiction? Wenn es nach Prof. Dr. Gordon Thomas Rohrmair geht, ist das unsere nahe Zukunft. Und sie birgt für den Standort Deutschland enorme Sprengkraft.
Vor drei Jahren sprach der Präsident der Technischen Hochschule Augsburg (THA) an gleicher Stelle über die Vision einer Künstlichen Intelligenz, die uns künftig wie der Sci-Fi-Assistent „Jarvis“ im Alltag unterstützen könnte. Heute, im Frühjahr 2026, treffen wir den IT-Experten erneut. Die KI-Welt hat sich rasant weiter gedreht und auch Rohrmairs Verantwortungsbereich ist massiv gewachsen. Mitte März übernahm er den Vorsitz von Hochschule Bayern e.V. und vertritt damit 19 bayerische Hochschulen für angewandte Wissenschaften mit über 80 Standorten und somit auch die Interessen von rund 3.000 Professorinnen und Professoren, 15.000 Mitarbeitern und 130.000 Studentinnen und Studenten gegenüber der Politik. Zeit für einen Reality-Check: Wo stehen wir in Sachen KI, Wirtschaft und Bildung wirklich?
Wer heutzutage die Nachrichten in Bezug auf KI verfolgt, könnte meinen, die AGI (Artificial General Intelligence) – ein System, das die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen in jeder Art und Weise erbringt – stehe unmittelbar vor der Tür und radiere morgen unsere Arbeitsplätze aus. Rohrmair winkt ab und warnt vor der PR-Maschinerie der Tech-Giganten. „Wenn man sich Personen wie Sam Altman von OpenAI anschaut: Das sind alles Leute, die ihren Börsengang dieses Jahr vorbereiten. Das muss man bei diesen Statements immer im Hinterkopf behalten.“
Prof. Gordon Rohrmair: „In Asien wirst du gefeuert, wenn du als Führungskraft KI nicht einsetzt. In Europa ist es eher so: Du wirst kritisch beäugt, wenn du sie einsetzt.“
Anstatt sich vor einem möglichen Terminator zu fürchten, rät Rohrmair zu einem pragmatischen Blick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre. Denn das globale Rennen gewinne nicht die Gesellschaft, die die cleverste und beste KI erfindet, sondern die, die sie am schnellsten in der Breite adaptiere. Und genau hier sehe er Deutschland gefährlich im Hintertreffen. Während in den nordischen Ländern oder in Asien die Durchdringung in den Unternehmen rasant voranschreite, liege Deutschland deutlich darunter.
Der Hochschulpräsident bringt es mit einem drastischen Vergleich auf den Punkt: „In Asien wirst du gefeuert, wenn du als Führungskraft KI nicht einsetzt. In Europa ist es eher so: Du wirst kritisch beäugt, wenn du sie einsetzt.“ Strenge Vorgaben der Rechtsabteilungen und ein tief sitzendes Misstrauen würden die Innovation hierzulande oft im Keim ersticken. Dieses Zögern führt uns direkt zurück zu dem Szenario der digitalen Zeitarbeitsfirma. Wenn europäische Unternehmen bald massenhaft US-amerikanische KI-Agenten für ihre Kernprozesse anmieten müssten, um wettbewerbsfähig zu bleiben, könnte eine brandgefährliche Abhängigkeit entstehen. „Man muss das Beispiel nur einmal umdrehen: Die könnten auf einen Schlag eine Million hochproduktive Arbeitskräfte sofort überflüssig machen“, warnt Rohrmair eindringlich. „Mit diesem Bild kann man hervorragend verdeutlichen, warum Datensouveränität für ein selbstbestimmtes Europa so wichtig ist.“
„Wir müssen stärker inspirieren“
Dabei trennt er scharf zwischen echter Souveränität auf dem Weltmarkt und der oft kleinteiligen deutschen Datenschutz-Debatte. „Ganz ehrlich, da wäre ich etwas laxer unterwegs. Ich finde, wir übertreiben es in Deutschland an vielen verschiedenen Stellen. Ich habe persönlich den Eindruck, dass wir teilweise in Geiselhaft mit dem Datenschutz genommen werden“, kritisiert er offen.
Überhaupt ist die überbordende Bürokratie eines seiner großen Reizthemen. Vor drei Jahren hoffte er noch geradezu utopisch, die KI könne der Verwaltung den Papierkram abnehmen. Heute fällt sein Fazit ernüchternd aus: „Es ist eine Katastrophe, es ist noch schlimmer geworden.“ Allein die rechtliche Genehmigung, eine simple Microsoft-Kollaborationsplattform an der THA einzuführen, habe zwei Jahre gedauert.
Prof. Gordon Rohrmair: „In Deutschland war unsere Schwäche schon immer das Business-to-Customer-Geschäft“
Auf ebenfalls zwei Jahre ist vorerst sein neues Amt als Vorsitzender von Hochschule Bayern angelegt, bevor die nächsten Wahlen anstehen. Sein Terminkalender ist voll, ein kompletter Arbeitstag pro Woche sei dadurch hinzugekommen. Neben der strategischen Ausrichtung der bayerischen Wissenschaftslandschaft treibt ihn dabei ein ganz bodenständiges Thema an: die Bezahlung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Es kann nicht sein, dass die Angestellten in unseren Sekretariaten oder Laboren als Landesangestellte ungefähr zehn Prozent weniger verdienen als Leute, die zwei Bushaltestellen weiter im Rathaus arbeiten“, stellt er klar.
Gleichzeitig muss er die Hochschule für die Zukunft rüsten. Die Vision der THA für Deutschland, um im KI-Rennen dranzubleiben, lautet heute Physical AI – die Verschmelzung von Künstlicher Intelligenz mit Hardware und Robotik. Ein besonders leistungsstarker Computer, der vor drei Jahren für eine Viertelmillion Euro an der THA angeschafft wurde, befeuert längst ambitionierte Projekte, beispielsweise im autonomen Fahren. „In Deutschland war unsere Schwäche schon immer das Business-to-Customer-Geschäft. Wo wir top sind, ist der B2B-Bereich“, analysiert Rohrmair. Wenn Deutschland es schaffe, hoch entwickelte Robotiksysteme in den Fabrikhallen auszurollen, könne man den internationalen Anschluss wahren.
Dass sich durch diese Technologien alles verändert, spürt der zweifache Familienvater derweil nicht nur auf dem Campus, sondern auch am heimischen Esstisch. Als seine Tochter kürzlich in der fünften Klasse das Thema Photosynthese lernen musste, fragte sie nicht ihn, sondern zückte das Smartphone. „Das, was dann kommt und wie es mit Bildern aufbereitet ist, ist besser, als ich das je machen könnte“, gibt der Professor unumwunden zu.
Prof. Gordon Rohrmair spricht lieber von einer Evolution als von einer Revolution
Diese Erkenntnis überträgt er nahtlos auf die Lehre. Wenn das reine Faktenwissen auf Knopfdruck überall und perfekt aufbereitet verfügbar ist, ändere sich die Daseinsberechtigung der Dozierenden fundamental. „Reine Wissensaufbereitung? Keine Chance“, sagt Rohrmair. „Das heißt also, wir müssen stärker inspirieren, wir müssen moderieren und den Studierenden den Werkzeugkasten des Denkens an die Hand geben .“ Auch die Prüfungsformate an der THA passen sich bereits an: weg von der reinen schriftlichen Hausarbeit, hin zu mehr mündlichen Diskursen, in denen die Studierenden beweisen müssen, dass sie ein Thema wirklich durchdrungen haben und sie sich nicht nur einen Text von einer KI haben erstellen lassen.
Die Veränderungen, die in den kommenden Jahrzehnten auf den Arbeitsmarkt und das Bildungssystem zurollen, sind gewaltig. Doch Gordon Rohrmair weigert sich, in den apokalyptischen Chor der KI-Skeptikerinnen und -Skeptiker einzustimmen. Er spricht lieber von einer Evolution als von einer Revolution. Das Schlimmste sei nicht, dass eine künstliche Superintelligenz die Weltherrschaft übernimmt. Die eigentliche Herausforderung sei, dass wir nur wenige Jahre Zeit haben, um unsere Gesellschaft auf diese tiefgreifenden technologischen Verschiebungen vorzubereiten. Wir sollten also besser heute damit anfangen, anstatt neue Formulare zu erfinden.
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