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Montag, 26. Februar 2024

Die malende Ballerina: Augsburgerin Helga Schuster erzählt aus ihren zwei Leben

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Betritt man das große Augsburger Haus, in dem Helga Schuster wohnt, findet man sich eigentlich in einer Galerie wieder. Überall hängen Gemälde: Die Arche Noah im Treppenhaus, Stillleben im Wohnzimmer. Dabei kann die 84-Jährige noch von einem ganz anderen Leben berichten: dem Tanzen.

Mit neun Jahren kam die kleine Helga an den Starnberger See. „Meine Mutter hat mich zum Kinderballett in München geschickt“, erinnert sie sich. Sie blieb, machte eine Ausbildung und tanzte in der Staatsoper München als Gruppentänzerin. Sie nimmt das dicke braune Fotoalbum zur Hand: Schuster zeigt Fotos, auf denen sie im Tutu tanzt, ihren Mädchennamen Helga Puder hat sie daneben geschrieben und auf Programmheften markiert. Auf den Bildern weisen Pfeile auf sie hin – damit ihre Nachkommen noch wissen, welche der Tänzerinnen in der Gruppe sie war. „Ich war da nur Gruppentänzerin. Aber die Gruppe braucht man auch“, betont Schuster. Jedes Jahr kam die Gruppe nach Bayreuth, Gastspiele führten sie nach Rom und Helsinki, auch in Monte Carlo tanzte sie. Als Helga Puder mit 22 ihr erstes Kind bekommt, ist das in der Ballettwelt außergewöhnlich. Trotzdem fing sie fast acht Wochen nach der Geburt wieder mit dem Ballett an. Selbst stand sie zwar selten im Rampenlicht: „Ich wäre nie eine Solistin gewesen. Und ich hatte ja auch schon ein Kind“, winkt sie lachend ab. Aber wenn doch, schwärmt sie heute noch davon: „‚Carmina Burana‘, das hab ich geliebt. Da hatte ich ein kleines Solo. Ich liebe Carl Orff!“, sagt sie und ihre Augen leuchten. Sie tanzte mit den Großen der Ballettszene: Margot Werner, Alan Carter. Ihr Balletttrainer: Heinz Bosl.

„Ich muss ein
bisschen verrückt gewesen sein“

Helga Schuster


1964 ist Schusters letzte Aufführung. Sie heiratet Gerhard Schuster, bekommt Kinder. Teil zwei ihres Lebens beginnt: die Malerei. „Meine Freundin Erna Emhardt hat schon in München hinter Glas gemalt“, erinnert sich Schuster. Sie stieß dazu, stellte bei den Sonntagsmalern in München aus, beim ersten Sonntagsmalerwettbewerb 1967 holte ihre Theatinerkirche den fünften Platz. Auch in der Galerie Schreiber und der BMW Galerie stellte sie aus. Irgendwie lief es von selbst: „Die kamen dann auf mich zu und fragen, ob ich ausstellen will“. Beim Wettbewerb „Schiffe + Häfen“ macht sie auch einfach mal mit, auch wenn es nicht das naheliegendste Thema war: „So viele Schiffe hat man ja nicht. Aber mein Mann hat die Herren- und Fraueninsel betreut.“ Das entstandene Bild, vier Nonnen auf dem Ruderboot, landet 1970 auch in der Ausstellung „12 naive Damen“ der Sammlung Holzinger in München. Schuster zieht einen Zeitungsausschnitt aus dem Fotoalbum: „Diese Kritik hat mir am besten gefallen“, freut sie sich. „In Erinnerung bleiben vor allem die Glücksfälle der Übereinstimmung realer Direktheit und magischer Symbolkraft: vier Nonnen im Ruderboot vor der Fraueninsel von Helga Schuster“, schrieb der Kritiker 1971.
Schuster stellt viel in Gruppenausstellungen aus – fast wie im Ballett. Ihre Kunst lässt sich als naiv bezeichnen – weil sie niemals eine künstlerische Ausbildung absolviert hat. Sie lacht, wenn sie so darauf zurückblickt: „Ich muss glaub ich ein bisschen verrückt gewesen sein. Ich war ja absoluter Laie.“ Sie wundert sich selbst ein bisschen über ihren Erfolg, aber hat auch eine Erklärung parat: „Ich bin halt ehrgeizig: Wenn ich etwas mache, dann richtig.“ Die Disziplin aus dem Ballett half ihr in der Malerei.

Helga Schuster – damals Puder – 1958 mit Alan Carter.


Schuster malte viel Hinterglas. Fast alle ihre Bilder hat sie verkauft, auch wenn sie von den Einnahmen nicht leben konnte. „Aber mein Mann hat gut verdient.“ Nur zwei Stillleben hängen noch heute im Wohnzimmer, eins mit roten Kannen, eins mit einem Melonenschnitz: „Die hab ich nicht verkauft, Gott sei Dank.“ Daneben malte die Künstlerin Postkarten und illustrierte Kinderbücher: etwa über den Europapark in Rust. Daneben ein Bild zum Augsburger Zwetschgendatschi, das im Café Eber in Augsburg aufgehängt wurde. Winterliche Motive auf Dallmayr-Dosen, eine Weihnachtskarte eines Fleischwarenherstellers. „Ich hab mich nirgends beworben, das ist dann so gekommen“, erinnert sie sich.
Heute malt sie selbst nicht mehr. Aber das Werk von Erna Emhardt hat Schuster übernommen, will damit demnächst eine Ausstellung or-ganisieren.

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