Der Biber fragt nicht

Natur: Bäume in der Stadt umgenagt

Er tapst etwas nachtblind über die zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr viel befahrene Straße bei der City-Galerie. Ein Hundehalter nähert sich behutsam, macht einige Fotos mit dem Handy und begleitet das Tier dann zum Stadtgraben, wo es abtaucht. Kein Hund, keine Katze, kein Fuchs – „es ist ein Biber“, erklärt der Mann: „Der lebt hier“.
Eine eher seltene Begegnung mit Europas größtem Nagetier, das inzwischen – wohl mangels unbewohnter Alternativen – selbst die Gewässer in der Augsburger Innenstadt als Lebensraum erobert hat. Mehr noch, als sich selbst, lässt der Biber Spuren seiner „Arbeit“ sehen. Dann, wenn er wieder irgendwo einen oder mehrerer Bäume angenagt oder gar zum Fallen gebracht hat.
In der warmen Jahreszeit findet der Biber in der Regel genügend Futter an den Uferböschungen, erklärt Augsburgs Umweltreferent Reiner Erben. Gräser, Kräuter, Wasserpflanzen und frische Gehölztriebe, aber auch Obst und Feldfrüchte, wie Mais, bevorzuge er. Als reiner Vegetarier gehe dem Biber dieses Nahrungsangebot über den Winter oft aus, sodass er dann die Rinde von Ästen und Zweigen abnagt. Im Herbst lagerten die Tiere manchmal Äste als sogenanntes Nahrungsfloß nahe ihrer Burg ein. Von diesem Vorrat könnten sie über den Winter zehren. Angepasst an den Lebenszyklus der Nagetiere ist die Arbeit der Augsburger Biberbeauftragten Monika Weber, die bei der unteren Naturschutzbehörde im Amt für Grünordnung arbeitet.
Die Arbeit als Biberbeauftragte sei nicht zwangsläufig jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen. Der Biber finde zwar in sehr kalten Wintern weniger Futter, sodass er sich dann an das Fällen von Bäumen macht, um an junge Triebe zu gelangen. Dafür hole er sich im Sommer gerne Futter von den Feldern oder fällt im Spätsommer Apfelbäume, um an frisches Obst zu gelangen. Im Jahr 2021 habe sich insbesondere der viele Regen im Juni auf die Arbeit von Biberbeauftragter Weber ausgewirkt, so Referent Erben. Zusätzlich zu den durch Biberdämme verursachten Gewässeraufstauungen habe der viele Regen dazu beigetragen, dass es zu Überflutungen von Feldern gekommen sei.
Der Biber steht nach dem Naturschutzgesetz unter strengem Schutz, bekräftigen die Experten. Das bedeute, dass nicht nur das Tier selbst, sondern auch sein Lebensraum geschützt sei. Zum Lebensraum des Bibers gehöre der Bau – das kann eine Biberburg oder auch ein Höhlensystem im Uferbereich sein – und auch der Biberdamm, er dürfe deshalb nicht grundlos entfernt werden, da sich der Biber durch diese Dammbauten seinen Lebensraum schaffe. Ausnahmen zum Abtragen oder Öffnen oder sogar zum Entfernen von Dämmen kämen natürlich auch immer wieder vor.
Beispiel Staudämme oder Deiche: Die Kraftwerksbetreiber der Augsburger Gewässer sind laut Erben für den Triebwerksbereich selbst verantwortlich. Sie kontrollierten den Böschungsbereich hinsichtlich Unterhöhlungen und handeln bei Bedarf selbstständig oder in Absprache mit der für den Gewässerunterhalt zuständigen Behörde.
Eine generelle Regelung, an welchen Gewässern der Biber im Stadtgebiet Augsburg ungestört leben darf, gebe es nicht. Als Wildtier suche sich er seinen Lebensraum selbst aus und frage nicht, an welchen Gewässerabschnitten er Gehölze annagen darf.
In Augsburg hat sich der Biber mehrere Reviere geschaffen, in denen er im Laufe der Jahre die Landschaft völlig umgestaltet hat – so z. B. am Seitelbach nahe der Wertach, am Diebelbach oder im Auwald. Diese Umgestaltung wirkt sich positiv auf die Artenvielfalt und den Wasserhaushalt aus.
Im Bereich der Kraftwerke oder auch im Innenstadtbereich, wo entsprechend viele Menschen unterwegs sind, könne man den Biber natürlich nicht nach dessen Lust und Laune an den Bäumen nagen lassen. Denn: Eine Gefahr durch umstürzende Bäume könne man nie ausschließen. Da der Biber ein nachtaktives Tier ist, könne es durchaus vorkommen, dass bis zum Morgen Bäume an Rad- oder Spazierwegen so stark angenagt sind, dass sie drohen umzustürzen.

 

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