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Dienstag, 24. Februar 2026

Eva Weber: Jahrhundert-Chance – Medizin als Wirtschaftsmotor

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Das Schlagwort „Medical Valley“ fiel in den letzten Wochen immer wieder, doch was bedeutet das Projekt für die Fuggerstadt? Wir sprachen mit CSU-Oberbürgermeisterin Eva Weber über die medizinischen Zukunftspläne für Augsburg.

Frau Weber, was genau ist das Medical Valley – ein Klinikprojekt oder ein Wirtschaftsprojekt?

Eva Weber: Ganz klar: Es wird ein Wirtschaftsprojekt sein. Das Universitätsklinikum wird medizinische Infrastruktur ausbauen und Versorgung sichern. Wir als Stadt werden rund darum wirtschaftliche Zukunft entwickeln.

Und wir tun das, weil die Zahlen eindeutig sind. Die Gesundheitswirtschaft macht heute rund 12 bis 13 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung in Deutschland aus. Sie wächst seit Jahren stärker als viele klassische Branchen und einzelne Bereiche wie digitale Gesundheitslösungen oder Biotechnologie legen jährlich zweistellig zu. Das ist ein struktureller Wachstumsmarkt. Wenn wir als Stadt darüber nachdenken, wie wir in den kommenden Jahrzehnten Arbeitsplätze sichern, Gewerbesteuer erwirtschaften und Wohlstand finanzieren, dann müssen wir genau in solchen Zukunftsfeldern denken.

Das Medical Valley wird deshalb bedeuten, dass sich rund um das Klinikum Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft ansiedeln: Medizintechnik, Biotechnologie, digitale Diagnostik, Start-ups, aber auch etablierte Betriebe, die hier wachsen wollen. Für mich ist das »Medical Valley« mehr als Stadtentwicklung. Es wird eine strategische Weichenstellung für die nächsten Jahrzehnte sein.

Augsburg wurde lange mit seiner industriellen Vergangenheit verbunden, insbesondere mit der Textilwirtschaft. Soll das Medical Valley den Übergang in eine neue, zukunftsorientierte Phase der Stadt markieren?

Eva Weber: Wir können die Zukunft nicht im Rückspiegel bauen. Wir waren Textilstadt. Wir wurden Industriestandort. Heute sind wir stark in Luft- und Raumfahrt, Hightech, Defence und Künstlicher Intelligenz. Es ist unsere Verantwortung, heute darüber nachzudenken, wie das Geschäftsmodell unserer Stadt in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird. Und mit dem Medical Valley werden wir diese Entwicklung weiterführen. Wirtschaftliche Stärke darf kein Zufall sein. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Augsburg auch in 20 oder 30 Jahren eine Stadt ist, die wirtschaftlich funktioniert. Das Medical Valley wird Wachstum und Wohlstand für unsere Stadt schaffen. Forschung, Wirtschaft und medizinische Versorgung sollen künftig enger verzahnt werden.

Ein Cluster braucht Koordination

Wo sehen Sie aktuell noch Hürden und welche Aufgaben kommen dabei konkret auf die Stadt zu?

Eva Weber: Ein gesundheitswirtschaftlicher Standort entsteht nicht automatisch nur deshalb, weil es ein starkes Universitätsklinikum gibt. Forschung, Unternehmen und Verwaltung sprechen oft unterschiedliche Sprachen, haben unterschiedliche Zeitrhythmen und unterschiedliche Erwartungen. Genau hier liegt unsere Aufgabe. Wir werden in der Stadtverwaltung eine eigene Einheit aufbauen, die sich ausschließlich um das Medical Valley und die Gesundheitswirtschaft kümmern wird. Diese Unit wird Ansiedlungen akquirieren und begleiten, Unternehmen betreuen und als Schnittstelle zwischen Klinik, Hochschulen, Wirtschaft und Verwaltung fungieren. Ein Cluster braucht Koordination. Es braucht jemanden, der die Fäden zusammenhält. Gleichzeitig werden wir Planungs- und Genehmigungsverfahren klarer strukturieren und beschleunigen. Unternehmen entscheiden heute schnell. Wenn wir mithalten wollen, müssen wir verlässlich und zügig agieren.

Der Begriff Medical Valley weckt Erwartungen an Hightech und Spitzenforschung. Wie stellen Sie sicher, dass dieser Weg nicht nur ein Elitenprojekt bleibt, sondern Pflegekräfte, medizinische Fachberufe und bestehende Unternehmen in der Region einbezieht?

Eva Weber: Ein Medical Valley darf kein Projekt für wenige sein. Wenn es erfolgreich sein soll, muss es die Breite der Gesundheitswirtschaft einbeziehen. Gesundheit besteht nicht nur aus Hightech-Laboren und Start-ups. Sie besteht aus Pflege, aus medizinischen Fachberufen, aus Ausbildung, aus regionalen Unternehmen, die seit Jahren verlässlich arbeiten. Deshalb werden wir das Medical Valley nicht nur als Innovationsstandort denken, sondern auch als Qualifizierungs- und Vernetzungsraum. Wir werden Weiterbildung und Fachkräfteentwicklung stärken. Wir werden Kooperationen fördern, damit regionale Betriebe Teil dieser Entwicklung werden können – als Zulieferer, Partner oder Mitentwickler. Und wir werden darauf achten, dass neue wirtschaftliche Dynamik nicht abgehoben wirkt, sondern konkret in der Region verankert ist. Gesundheitswirtschaft ist ein Ökosystem. Und ein Ökosystem funktioniert nur, wenn alle Teile zusammenarbeiten.

Eva Weber: „Bayern gehört zu den attraktivsten Standorten Europas“

Augsburg steht im Wettbewerb mit anderen Gesundheitsstandorten. Welche Standortvorteile kann die Stadt aus Ihrer Sicht tatsächlich ins Feld führen?

Eva Weber: Bayern gehört zu den attraktivsten Standorten Europas. Und Augsburg bietet innerhalb Bayerns meiner Meinung nach die gesündeste Alternative zum überzüchteten München. Augsburg bringt eine besondere Kombination mit: Universitätsmedizin als Anker, mittlerweile 13 Forschungszentren, starke industrielle Kompetenz und technologische Exzellenz – etwa in der Künstlichen Intelligenz und in modernen Produktionstechnologien. Diese Dichte aus Forschung, Technologie und Industrie ist ein starkes Fundament für ein Medical Valley. Aber mindestens genauso entscheidend ist unsere Lebensqualität. Wir gehören bundesweit zu den beliebtesten Großstädten.

Gerade bei der Familienfreundlichkeit liegen wir unter den Top 7 Städten in Deutschland. Das ist kein weicher Faktor. Das ist ein harter Standortvorteil. Fachkräfte entscheiden sich heute nicht nur für einen Arbeitgeber. Sie entscheiden sich für ein Lebensumfeld. Für eine Stadt, die Urbanität bietet, Kultur, Gastronomie, Dynamik und gleichzeitig kurze Wege, Sicherheit und Nähe zur Natur. Augsburg vereint genau das: Urbanität ohne Überhitzung. Wirtschaftliche Dynamik ohne Großstadthektik.

Naherholungsgebiete direkt vor der Haustür. Wir hören das regelmäßig von internationalen Fachkräften: Sie schätzen diese Balance. Sie finden hier berufliche Perspektive und ein Leben im Gleichgewicht. Früher sind Menschen dorthin gezogen, wo sich Unternehmen wohlgefühlt haben. Heute ziehen Unternehmen dorthin, wo sich Menschen wohlfühlen. Und genau das, was viele heute suchen – Urbanität, Sicherheit, Lebensqualität und Balance – ist in Augsburg anzutreffen. Wir liegen damit nicht hinter dem Trend. Wir liegen mitten darin.

Wissenschaftsminister Markus Blume hat den Neubau des Universitätsklinikums bekräftigt. Welche Bedeutung hat dieses Signal für die langfristige Entwicklung des Standorts?

Eva Weber: Der Neubau des Universitätsklinikums ist politisch beschlossen. Der Freistaat Bayern hat sich klar dazu bekannt und das ist ein starkes Signal für Augsburg. Wenn ein Standort medizinisch und infrastrukturell auf Jahrzehnte hinaus gestärkt wird, dann schafft das Vertrauen bei Forschungspartnern, bei Unternehmen und bei Investoren. Für uns als Stadt bedeutet das: Wir können unsere wirtschaftliche Strategie rund um das Klinikum konsequent weiterentwickeln. Ein modernes Universitätsklinikum wird der medizinische Kern sein. Wir werden parallel das wirtschaftliche Umfeld aufbauen.

OB Eva Weber: „Wenn wir das jetzt gut machen, dann kann es richtig gut werden für Augsburg“

Warum ist Ihnen das Medical Valley persönlich so wichtig?

Eva Weber: Wir erleben gerade in ganz Deutschland, dass Geschäftsmodelle der Vergangenheit unter Druck geraten. Märkte verändern sich, Industrien stehen im Wettbewerb, Strukturen verschieben sich. Was uns gestern stark gemacht hat, trägt nicht automatisch in die Zukunft. Und als Stadt dürfen wir uns da nichts vormachen. Wir brauchen wirtschaftliche Stärke. Wir brauchen Unternehmen, Arbeitsplätze, Gewerbesteuer und Einkommensteuer. Nur so können wir Schulen finanzieren, Kultur sichern, soziale Angebote erhalten und attraktiv bleiben. Wohlstand entsteht nicht zufällig. Er entsteht durch Entscheidungen.

Das Medical Valley ist für mich deshalb eine echte Jahrhundertchance. Nicht, weil wir uns etwas ausdenken. Sondern weil wir mit dem Universitätsklinikum eine reale Stärke haben, aus der heraus wir wirtschaftliche Zukunft entwickeln können. Wir denken das nicht auf der grünen Wiese. Wir denken es aus einer vorhandenen Kraft heraus. Und ich bin überzeugt: Wenn wir das jetzt klug machen, dann kann das für Augsburg richtig gut werden.

Frau Weber, wenn Sie erneut zur Oberbürgermeisterin gewählt werden: Wird der Aufbau des Medical Valley für Sie persönlich Chefinnensache sein?

Eva Weber: Solche wirtschaftlichen Weichenstellungen dürfen nicht nebenbei laufen. Sie brauchen klare Führung und Priorität. Aber bei aller Planung und Strategie gilt: Am Ende entscheidet das Vertrauen der Augsburgerinnen und Augsburger jetzt bei der Kommunalwahl am 8. März. Ohne diesen Auftrag bleibt es erstmal Theorie. Wenn ich dieses Vertrauen bekomme, dann werde ich diese Jahrhundertchance für unsere Stadt nutzen.

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