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Wenn Fußball zur Nebensache wird

Der FC Augsburg hat das Krisenjahr sportlich und wirtschaftlich  überstanden – Umbruch im Sommer

Als das Fußballjahr 2020 für den FC Augsburg beginnt, scheint in der (Sport)-Welt noch alles in geregelten Bahnen: Am 18. Januar startet der FCA mit einer 3:5-Heimniederlage gegen Borussia Dortmund in die Rückrunde. In einer denkwürdigen Partie, die am Ende vom neuen BVB-Star Erling Haaland entschieden wird, sorgen 30.660 Zuschauer für absolute Gänsehautatmosphäre.

Fünf weitere Spiele im Normalbetrieb folgen, bis nach der 0:2-Niederlage beim späteren Meister aus München Anfang März plötzlich nichts mehr ist, wie es einmal war. Die Corona-Krise hat mittlerweile auch die Bundesliga und mit ihr den schwäbischen Profiklub fest im Griff. Erstmals seit dem zweiten Weltkrieg muss Deutschlands höchste Liga ihren Spielbetrieb unterbrechen. Für wie lange, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. „Es ist für uns alle eine Situation, die noch keiner erlebt hat. Das Wichtigste ist, dass die Gesundheit aller im Vordergrund steht und dass man alle Maßnahmen ergreift, die zur Verlangsamung der Coronapandemie beitragen,“ sagt FCA-Manager Stefan Reuter nach der Einstellung des Spielbetriebs im TV.

Die Liga pausiert, der FCA steht auf Platz 14. Doch die Tabelle ist zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Nebenschauplatz. Urplötzlich stehen Liga und mit ihr sogar Traditionsvereine vor dem finanziellen Ruin. Die Angst vor einer Pleitewelle geht um. „13 der 36 Profiklubs droht Insolvenz – noch in dieser Saison“, titelt der Kicker.

Der FCA ist nicht darunter. Geschäftsführer Michael Ströll gegenüber dem Fachmagazin: „Sollte bis Ende Juni nicht gespielt werden, sind wir als FCA zwar nicht insolvenzbedroht, die Situation würde sich für uns jedoch ebenfalls verschärfen.“ Soweit aber kommt es nicht. Als sich die Pandemielage während des Frühjahrs langsam zu entspannen scheint, wird der Ruf der Liga nach einer Wiederaufnahme des Spielbetriebs laut. Am Ende der Verhandlungen zwischen Liga- sowie Vereinsvertretern und Politik wird unter strengen Hygienebedingungen tatsächlich wieder angepfiffen. Doch die Fans bleiben draußen.

Die Bundesliga erlebt nach dem Nachholspiel von Gladbach gegen Köln im März nun auch erstmals flächendeckend Geisterspiele. In der WWK-Arena rollt der Ball gegen Wolfsburg am 16. Mai erstmals vor leeren Rängen. Eine Notlösung – wie alle Beteiligten betonen. Der FC Augsburg spürt auf dem Platz indes mit aller Härte, wie sehr er auf die Unterstützung der Fans angewiesen ist: Von vier Geister-Heimspielen bis zum Saisonende können die Spieler von Martin Schmidt-Nachfolger Heiko Herrlich kein einziges gewinnen. Und so ist man im spätesten Saisonendspurt der Ligageschichte noch immer mittendrin im Abstiegskampf.

Die sportliche Erlösung kommt erst am vorletzten Spieltag: Ein Punkt in Düsseldorf reicht den Fuggerstädtern zum Klassenerhalt. Entscheidend für die Rettung in letzter Minute ist vor allem die deutlich spürbare Verbesserung in der Defensive. Während die Schwaben unter Schmidt noch 2,1 Gegentore pro Spiel kassierten, sind es zum Saisonfinale unter Herrlich im Schnitt nur 1,2. So steht fest – der FCA bleibt unabsteigbar und geht in seine zehnte Bundesligasaison in Folge.

Daniel Baier, so die Schocknachricht in der Sommerpause, ist dann erstmals nicht mehr mit an Bord. Der Vertrag des ehemaligen Kapitäns und Publikumslieblings wird aufgelöst, Baier beendet seine Karriere. Und noch ein Abgang schmerzt die Fans: Philipp Max verlässt die Schwabenmetropole. Den Linksverteidiger zieht es in die niederländische Eredivisie zum PSV Eindhoven, wo er sich ab der neuen Saison die Kabine unter anderem mit Mario Götze teilt.

Natürlich bleibt auch der FCA nicht untätig auf dem Transfermarkt. Vor allem mit Daniel Caligiuri und Tobias Strobl zeigen die Verantwortlichen ein gutes Transfer-Händchen. Außerdem zieht der Verein die Kaufoption für den bis dato aus Wolfsburg ausgeliehenen Felix Uduokhai – eine ausgesprochen gute Entscheidung, wie sich später zeigen wird: Ende des Jahres beruft Bundestrainer Jogi Löw den Innenverteidiger in die Nationalmannschaft.

Auch auf der Torhüterposition gibt es einen Wechsel. Rafal Gikiewicz von Union Berlin soll  der Torwartproblematik ein Ende bereiten. Für ihn macht Andreas Luthe Platz. Der 33-Jährige verlässt Augsburg ausgerechnet zu Gikiewicz Ex-Klub.

Doch bereits am ersten Spieltag der neuen Saison gibt es beim Auswärtsspiel in Berlin ein Wiedersehen. Das Duell der Torhüter markiert gleichzeitig die Rückkehr der Zuschauer in deutsche Stadien, wenn auch nur bis zu 20 Prozent der eigentlich möglichen Auslastung. Der FCA besteht im Berliner Hexenkessel und gewinnt mit 3:1. Beim Fan-Comeback in der heimischen Arena eine Woche später fegen die Schwaben dann auch noch den BVB mit 2:0 vom Rasen. Erstmals in seiner Historie steht der FC Augsburg damit kurzzeitig auf Platz 1 der Bundesligatabelle, auch dank der Unterstützung von gut 6000 Anhängern.

Doch die neu gewonnene „Normalität“ hält nicht lange. Weil kurz darauf die Infektionszahlen in der ganzen Republik in die Höhe schießen, müssen die Fans von nun an wieder vor den heimischen Bildschirmen mitfiebern. Für Augsburg beginnt mit dem zweiten Lockdown auch ein sportliches Auf und Ab, doch der beste Saisonstart aller Zeiten hat ein gewisses Polster aufs Punktekonto gespielt. Für 2021 bleibt also zu hoffen, dass (fast) nichts wird, wie im Jahr zuvor. Stattdessen bleibt die Hoffnung auf die Meldung: Augsburg feiert frühzeitigen Klassenerhalt vor ausverkauftem Haus …

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