Der Moritzsaal war alles andere als gut besetzt. Die Augsburger Medien und einzelne Vertreter der Parteien wuselten noch wenig zielgerichtet durcheinander, führten Gespräche, als es unvorbereitet passierte: Plötzlich wurden – ohne Ankündigung und 20 Minuten bevor es überhaupt geplant war – die ersten Ergebnisse der Stichwahl auf den Bildschirm am Ende des Raums projiziert. Dort zu sehen war ein schwarzer Balken und ein deutlich längerer roter Balken. Florian Freund führte deutlich.
Nach und nach setzte bei den verdutzt dreinblickenden Gästen die Erkenntnis ein, Zeuge eine faustdicken Überraschung im Kampf um den Augsburger Oberbürgermeisterposten zu sein. Zu dem Zeitpunkt war erst die Hälfte der Stimmen ausgezählt, aber der Wahlausgang war bereits mehr als nur zu erahnen. Was die schlichte Balkengrafik zeigte, schlug ein wie eine Bombe. Ratloses Schweigen wurde immer wieder von „Oh mein Gott“-Rufen unterbrochen. Der Schock, gerade bei den anwesenden CSUlern, saß tief. CSU-Chef Volker Ullrich trat als erster sichtlich angefasst vor die Kameras, gratulierte Freund und rechnete überraschend brutal mit Eva Weber ab.
Eva Weber nach der Wahlniederlage mit Bernd Kränzle (re.).
SPD-Geschäftsführer Michael Egger, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor Ort war, hielt – wie er später verriet – die erste, deutlich verfrühte Meldung zunächst für einen schlechten Scherz. Auf dem Moritzplatz lagen sich währenddessen SPD-Chef Dirk Wurm und Lara Hammer heulend vor Glück in den Armen, emotional völlig überwältigt vom Erfolg ihres Kandidaten.
„Florian, Florian, Florian!“-Rufe hallten durch den gesamten Moritzsaal
Mittlerweile stand das Endergebnis fest: Florian Freund heißt der eindeutige Sieger dieser Stichwahl. Auch wenn er noch auf sich warten ließ, traf jetzt Eva Weber ein. Die Unsicherheit im gesamten Raum war mit Händen zu greifen. Wie würde sich die abgewählte Oberbürgermeisterin verhalten? Doch die unterlegene Kandidatin gab sich im Angesicht ihrer Niederlage beeindruckend souverän.
Dann kam auch Freund, in Begleitung der SPD-Führungsriege und seiner Frau Marei. Applaus brandete auf, Blitzlichter durchfluteten den Raum „Florian, Florian, Florian!“-Rufe hallten durch den gesamten Moritzsaal. Eva Weber zeigte erneut Größe und gehörte zu den ersten Gratulanten.
Freund trat ans Mikrofon, immer noch deutlich überwältigt von seinem Sieg. Immer wieder verhaspelte sich der Mann, der in den vergangenen Wahlkampfwochen in seinen Reden und Antworten so an Sicherheit und Klarheit gewonnen hatte, vor lauter Aufregung. Doch dieser leichte Anflug von Unsicherheit machte seine Rede sogar eher sympathischer. Erstaunlich wenig Pathos, dafür aber viel Demut vor den vor ihm und der Stadt liegenden Aufgaben schwang mit.
Florian Freund: „Die Last der Wahl ist weg, aber die Last der vor mir stehenden Aufgaben wiegt auch schwer“
„Heute wird gefeiert, und ab morgen wird gearbeitet“, hieß es zum Abschluss.
Gesagt, getan: Nach einem Interview- und Fotomarathon ging es zur Wahlparty ins Yolo Toast. Auf dem Weg zu Fuß war die Stimmung ausgelassen. Der frisch gebackene Oberbürgermeister scherzte und lachte mit seinem erfolgreichen Wahlkampfteam. Auf die Frage, wie groß die Last sei, die von seinen Schultern gefallen wäre, reagierte er jedoch geradezu staatsmännisch: „Ja, die Last der Wahl ist weg, aber die Last der vor mir stehenden Aufgaben wiegt auch schwer.“
Als Freund die voll besetzte Bar betrat, erschallten die bereits im Wahlkampf immer wieder vernommenen „Florian!“-Rufe, zudem wurde lautstark „So sehn Sieger aus“ angestimmt. Doch während bei den Genossinnen und Genossen und allen Unterstützern der Promillezähler sichtbar nach oben schnellte, trank Florian Freund alkoholfreies Bier. „Morgen wird gearbeitet“, sagte er mit breitem Grinsen. Auch als sich er und die SPD-Führung zu später Stunde vor allem hinter der Bar versammelt hatten, blieb er alkoholfrei.
Der Abend endete für ihn mitten in der Nacht daheim – mit ein paar Stücken kalter Pizza, die seine Kinder, die an diesem Abend von den Großeltern gehütet wurden, übrig gelassen hatten.
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