Wer Sebastian Mayr in seinem Berufsalltag begegnet, sieht einen 43-jährigen IT-Experten, der im Vertrieb für Datenmanagement-Lösungen arbeitet. „Es gibt eigentlich nichts Langweiligeres in der IT als Speicher“, scherzt er über seinen Job. Doch wer den Mann aus Bonstetten im Landkreis Augsburg einmal bei seinem „Hobby“ beobachtet hat, weiß, dass Langeweile das letzte Wort ist, das man mit ihm assoziieren würde. Sebastian Mayr ist einer der härtesten Radsportler der Welt. Er fährt Distanzen, bei denen selbst Autofahrer Pausen einlegen würden – und das am Stück, nahezu ohne Schlaf.
Zwischen IT-Job und Halluzinationen
Der Weg in diese extreme Welt begann für ihn vergleichsweise spät. Während andere Profis seit der Jugend im Sattel sitzen, suchte Mayr erst vor wenigen Jahren nach einer neuen Herausforderung. „Viele sagen, es wäre eine Midlife-Crisis. Aber ich wollte zum Vierzigsten einfach etwas Besonderes machen“, erinnert er sich an seine Anfänge. Aus dem klassischen Ötztaler Radmarathon wurde schnell mehr. Mayr entdeckte, dass sein Körper eine außergewöhnliche Fähigkeit besitzt: Er kann sich während der Belastung regenerieren. Diese Erkenntnis und akribische Trainingsarbeit katapultierten ihn innerhalb kürzester Zeit in die Weltspitze des Ultracyclings. Heute ist er amtierender 24-Stunden-Zeitfahrweltmeister und Rekordhalter, doch der Weg dorthin führt regelmäßig durch die Hölle.
Ultracycling ist ein Sport der Extreme, der nicht nur die Physis, sondern vor allem die Psyche zermürbt. Wenn man über 40 Stunden ohne Schlaf im Sattel sitzt, beginnt das Gehirn, eigene Realitäten zu erschaffen. Mayr erzählt offen von Halluzinationen, die ihn während der Fahrt heimgesucht haben: „Einmal war alles wie Super Mario Kart. Ich hatte richtig Speed drauf und dachte: ‚Oh, da ist jetzt ein Gartenzaun‘ und habe deshalb begonnen stark zu bremsen.“
Sebastian Mayr hat einen Pool von Betreuern, die das Rückgrat im Rennen bilden
Dass der vermeintliche Zaun in Wirklichkeit nur ein Zebrastreifen war, erkannte er erst, als seine Crew ihn über Funk zurück in die Realität holte. Noch gefährlicher als die Trugbilder können die physischen Beschwerden sein, etwa wenn die Nackenmuskulatur schlichtweg aufgibt. Bei diesem „Shermer’s Neck“, den Mayr bereits einmal erlebte, kann der Fahrer seinen eigenen Kopf nicht mehr halten. Um so etwas fortan zu verhindern wurde das Team kreativ: Mit einer speziellen Nackenstütze, die bei Bedarf am Lenker montiert werden kann und den Kopf stützt, wissen Mayr und sein Team mittlerweile das Schlimmste zu verhindern.
Sebastian Mayr hat einen Pool von Betreuern, die das Rückgrat im Rennen bilden. Die Betreuer sind keine bloßen Helfer, sondern Spezialisten mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Wenn es hart auf hart kommt, hat sich die „Blaulicht- und Militärfraktion“ sehr bewährt. Ein ehemaliger Hubschrauberpilot mit Einsatzerfahrung in Afghanistan und ein Augsburger Polizist sorgen für die nötige Ruhe, wenn das System des Fahrers zu kollabieren droht.. „Mein Trainer sagt immer, ich sei pedantisch. Ich plane extrem viel im Vorfeld, weil das Fehler sind, die du während der Rennen nicht mehr ausbügeln kannst“, erklärt Mayr seinen akribischen Ansatz.
Jede Kalorie, jeder Watt-Wert und jede Schlafpause ist durchgetaktet. Trotz dieser Präzision bleibt der Sport unberechenbar. Bei einem Rennen in Österreich versagte sein rechtes Knie einmal so massiv, dass ihn der herbeigerufene Notarzt mit Fentanyl behandeln musste, um ihn überhaupt transportfähig zu machen. „Der Arzt sagte zu mir: ‚Das, was ich jetzt reintue, bedeutet, dass der Ofen aus ist‘“, erinnert sich Mayr, der zunächst dennoch weiterfahren wollte. Denn Aufgeben ist für ihn nur die allerletzte Option.
Sebastian Mayr: Seine Frau und die beiden Kinder unterstützen ihn, wo sie können
Hinter den Erfolgen steht ein gewaltiger Trainingsaufwand von bis zu 30 Stunden pro Woche, der oft in den frühen Morgenstunden vor der Arbeit absolviert wird. Das zehrt an den Energiereserven. Bis zu 65.000 Kalorien verbrennt er bei einem extremen Wettkampf. Im Alltag führt das zu fast schon komischen Situationen am Familientisch: „Ich mache manchmal Kaiserschmarrn für die Familie und esse dann alleine genau so viel wie die anderen drei zusammen.“ Seine Frau und die beiden Kinder unterstützen ihn dabei, wo sie können.
Für das Jahr 2026 hat sich der Bonstettener ehrgeizige Ziele gesetzt. Den Auftakt macht im Mai die Europameisterschaft „Rund um Sachsen“ über 915 Kilometer, gefolgt vom „Race Across Germany“ im Juli. Ein besonderes Highlight für die lokalen Fans: Die Route führt direkt an Augsburg vorbei. Den Saisonhöhepunkt bildet im August die Weltmeisterschaft beim „Race Around Austria Extreme“. Dort warten 2.200 Kilometer und 30.000 Höhenmeter auf ihn.
Trotz der Strapazen und der finanziellen Herausforderungen – ein Projekt wie das geplante „Race Across America“, das er im Jahr 2027 angehen will, kostet rund 80.000 Euro – bleibt Mayrs Motivation ungebrochen. Er fährt nicht nur gegen die Uhr, sondern auch für den guten Zweck und nutzt seine Rennen als Charity-Events. Am Ende ist es für ihn die ultimative Bestätigung seiner Leistungsfähigkeit: „Ich stelle mich an den Start und die Absicht ist immer zu gewinnen. Mein Trainer sagt immer: ‚Schau mal, du entscheidest, wie schnell das Rennen wird. Die Frage ist nur: Können die anderen mitfahren?‘“
Mit dem roten Mercedes-Van (2) beginnt die Reise in Bonstetten. Von dort aus geht es für Sebastian Mayr zu Extrem-Rennen in aller Welt. Viel Platz für die dreiköpfige Crew bleibt nicht (1). Oft muss er selbst an seinen Bikes schrauben (3). Das lebensverändernde Hobby möchte er gerne noch lange weiterbetreiben.
Lesen Sie auch: Region Augsburg holt Gold: Deutschlands beliebteste Minigolfanlage steht in Gersthofen


