Distorted People im Interview

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»Du darfst Fehler machen, aber niemals den gleichen
Fehler zweimal.«

Zwei die auszogen, von Inningen aus, die Modewelt zu
erobern. Die Erfolgsstory eines der angesagtesten
StreetWear Labels Deutschlands.

Die Zwillinge Huy und Dung Vu(44) sind alles Andere, als typische Vertreter einer, für
ihren Glamour und Spleen bekannten Modewelt. Im Gegenteil, das untypische, im
Werdegang und im Erfolg, ist scheinbar der Plan, falls es diesen überhaupt jemals
gab. Oder es ist einfach das Zusammenspiel von Aktion und Reaktion,
beziehungsweise, wie sie es nennen, von Größenwahn und Naivität, das nur eine
Konsequenz haben konnte: konsequentes Wachstum!

 

DISTORTED PEOPLE prangt nicht nur auf der Brust von Basti Schweinsteiger,
Usain Bolt und Wyclef Jean. In München, Frankfurt, Wien, Stuttgart, Köln und vielen
anderen Städten findet man schon die Stores mit dem markanten Barbers&Butchers
Logo. Sogar in den USA gibt’s eine große Nachfrage nach der Brand. Die
Erfolgsgeschichte der beiden ist jedenfalls längst legendär und wir haben mit Huy Vu
ein Interview geführt, um herauszufinden, wieviel Wahres an diesen Legenden dran
ist.

AJ: Servus Huy, Out of Inningen? Das ist die Legende Nr. 1, was ist da dran und wie
seid ihr ins Modebusiness gerutscht?

HV: Keine Legende, das stimmt. Wir sind als 4-jährige mit unseren Eltern, nach der
Flucht aus Laos (politisch bedingt), irgendwann im beschaulichem Innigen gelandet.
Hatten eine schöne Kindheit zwischen Bauernhöfen und viel Natur. Wir sind dann
später nach Augsburg gezogen. Danach dann nach München, wo wir heute noch
wohnen und wo unsere Karriere in der Modebranche begann.
Wir waren dann öfters im Club P1, wo uns unsere Schwester immer reingebracht hat
(lacht) und da haben wir die Möglichkeit bekommen, dort zu arbeiten und das haben
wir dann auch 5 Jahre lang gemacht. In dieser Zeit haben wir ziemlich viele, später
wichtige, Connections geknüpft, aber irgendwann war es uns dann doch auf Dauer
zu anstrengend, bis in die späte Nacht zu arbeiten. So sind wir in die Eventbranche
gerutscht und haben unsere eigene Eventreihe gestartet, die damals „distorted TV“
hieß und als Mottoparty im Münchner Club „Baby“ stattfand.
Irgendwann kam uns die Idee, ein Motto als Print auf T-Shirts zu drucken, die haben
wir dann an verschiedene Leute im Club verschenkt. Irgendwann merkten wir, dass
immer mehr Leute diese T-Shirts wollten und haben dann angefangen die T-Shirts
zu verkaufen. Und das ging dann echt ab; da haben wir uns natürlich die Frage
gestellt: warum eigentlich nicht in die Modebranche einsteigen?
Der Name ist dann entstanden durch die Partyreihe, die ja schon distorted TV hieß.
Wir haben dann einfach statt „TV“, „people“ drangehängt. Und so kam es zu dem
Namen, der halt auch gut zu unseren Partys passte.

AJ: Die Legende von der Nudelsuppe und dem Teelicht, nee oder?

HV: In der Anfangsphase mussten wir einige Rückschläge wegstecken und
DISTORTED PEOPLE lief noch nicht so richtig rund. Da investierten wir auch mal
eher in den Wareneinkauf und weniger in unseren täglichen Bedarf. Als dann der
Strom abgestellt wurde, mussten wir für unsere „Asian-5-min-Suppe“ das Wasser mit
5 Teelichtern warm machen. Erstaunlicherweise wurde das Wasser sogar richtig
heiß und die Suppe schmeckte (lacht). Das war für mich eine sehr zwiespältige
Situation: das Wohnzimmer mit Teelichtern schön romantisch, aber in Wirklichkeit
war die Situation war leider ja keine schöne. Es war für uns die dunkelste Stunde als
Unternehmer, aber auch die hellste, denn von diesem Tag an hatten wir uns
geschworen, das Ding zu drehen, haben das Telefon in die Hand genommen, mit
allen Gläubigern gesprochen, die haben alle mitgemacht – der Rest ist Geschichte.

AJ: Die Sache mit dem verpackten Handy?

HV: Daran kann ich mich heute nach neun Jahren immer noch erinnern. Wir haben
in der Anfangsphase alle Bestellungen selber abgewickelt. Hatten unser Lager, was
auch Büro war und an diesem besagten Tag unglaublich viele Bestellungen
abzuwickeln. Von den vorausgegangenen zwei Tagen hatten sich die Kisten nur so
getürmt. Als Feierabend war, hab ich mein Handy nicht gefunden, überall gesucht
und mein Bruder hat dann auf meiner Nummer angerufen. Dann war ganz schnell
klar, wo es war (lacht). Ich hatte aber keine Nerven mehr gehabt, alle Kartons nach
dem Handy abzusuchen. Glücklicherweise haben wir einfach die besten Kunden.
Mein Handy kam ein paar Tage später wieder zurück und die Geschichte hatte ein
Happy End.

AJ: Zwillinge? Fluch oder Segen und wie kann man euch auseinanderhalten?

HV: In unserem Fall ein Segen! Wir haben die gleichen Werte, aber unterschiedliche
Stärken und Schwächen und ergänzen uns beruflich sowie privat ganz gut.
Der Dung hat kürzere Haare und ich hab die längeren Haare. Es optisch am
einfachsten, wenn man genau darauf achtet (grinst).

AJ: Wir machen alles selbst: Marketing, Grafikdesign, Fotoshootings etc., ist das
jetzt, nach 11 Jahren, immer noch so?

HV: No Way!! Zum Glück nicht mehr (lacht). Wir haben das nur in der Anfangsphase
gemacht, weil für es dafür einfach kein Budget gab. Unsere Kern-Crew (20
Personen) übernimmt das heute. Wir haben, je nach Stärke und Vorlieben, unsere
eigenen Parts aufgeteilt.

AJ: Das Logo: Barbers&Butchers, Welche Story steckt dahinter?

HV: Eine gute Frage, denn das wird manchmal als gewaltverherrlichend
fehlinterpretiert. Dabei ist der Gedankengang ein ganz anderer. Das Metzgerbeil
steht für einen Typ Mann, der sehr maskulin ist und eher rau und bullig. Und auf der
anderen Seite haben wir das Rasiermesser, das einen feinfühligeren und eher
filigraneren Typ Mann repräsentiert. Das sind für uns die beiden Pole der
Männlichkeit. Wir wollen aber nicht nur diese beiden Extreme ansprechen, sondern
alles, was dazwischen liegt. Also einfach alle Männer.
Übrigens, am Anfang hatten wir gar kein Logo. Vier Jahre lang liefen wir nur unter
dem Markennamen „DISTORTED PEOPLE“. Den konnten sich nur nicht alle
merken. Als wir dann irgendwann den Film „Gangs of New York“ mit Leonardo
DiCaprio angeschaut hatten, in dem Klinge und Metzgerbeil vorkamen, hat es bei
uns Klick gemacht – und die Idee zum Logo war geboren.
AJ: Eure Models für DP-DNA sind nicht die klassischen Models, es dominieren
großflächige Tattoos und Undercut. Plan oder Zufall?
HV: Wir würden sagen eher Zufall. Wir sind beide tätowiert und der größte Teil
unsere Freunde auch. Die Jungs/Models sind alles gute Freunde von uns, das hat
sich so ergeben! Tattoos finden wir immer noch gut, aber Undercut ist out (lacht). Wir
haben auch Models ohne Tattoo. Kommt immer darauf an, für welche Linie und
Kollektion wir die Kampagne fotografieren. Aber uns ist es natürlich wichtig, dass wir
ein weites Spektrum an „Typen“ abbilden, für die wir die Klamotten designen.

AJ: Die DP-Family? Wer ist das und wie wichtig ist sie?

HV: Wir haben vor allem in den ersten, wichtigen Jahren viel mit unseren Freunden,
Familien und Mitarbeitern an diesem Traum zusammen gearbeitet. Es war immer
sehr familiär und auch zu vielen Kunden haben wir heute noch ein sehr gutes
Verhältnis. Das ist uns besonders wichtig.
Wir haben heute tolle Mitarbeiter und auch zu unseren Partnern/Gesellschaftern
pflegen wir ein sehr familiäres und enges Verhältnis. Die DP-Family quasi. Wir
zeigen das auch in unseren Statement-Prints: „Family by Loyality“.

AJ: Homebase Hotel Mama?

HV: Wenn wir in Augsburg sind buchen wir uns natürlich immer in Hotel „Mama“ ein
(lacht und zwinkert). Das kann jeder wahrscheinlich bestätigen. Nirgendwo schmeckt
es besser wie bei Mama. Wir geben heute noch mit 44 Jahren regelmässig durch,
was wir gerne essen wollen und seit 24 Jahren, seit unserem Auszug, gibt es, wenn
wir wieder gehen, immer noch ein paar Survival Pakete „TO GO“.

AJ: Der Erfolg scheint eure Persönlichkeit nicht verändert zu haben: Warum seid ihr
immer noch so herrlich normal in diesem extrovertierten Business?

HV: Gute Frage. Der Erfolg kam ja jetzt nicht über Nacht. Verbunden mit einem
langen Weg der Entbehrung und mit vielen Rückschlägen. Der unglaublich harte
Weg zum Erfolg hat uns geerdet, aber die Grundsteine wurden uns vermutlich schon
in die Wiege gelegt. Wir sind so erzogen worden. Hart für den Erfolg zu arbeiten und
niemals aufzugeben. Dass das funktioniert, sehe ich an meinem Sohn Noah, der
kürzlich seinen fünften Geburtstag gefeiert hat. Er motiviert sich bei allem, was er
haben will mit seinem Siegespruch „ein Noah gibt niemals auf“ (lacht). Er ist wirklich
ausdauernd und dieses Gen hat er vermutlich von mir.

AJ: Im Lockdown Stores eröffnen, wie Größenwahnsinnig oder Naiv muss man sein?

HV: Wir haben uns das natürlich gut überlegt und die Zahlen haben auch für sich
gesprochen. Ein Restrisiko bleibt natürlich immer. Aber: no Risk no Fun. Bisher
haben wir es nicht bereut.

AJ: Ganz anderes Thema: One Order One Tree und Lieferkettengesetz – müssen
Labels mehr Verantwortung übernehmen?

HV: Über das Thema Nachhaltigkeit haben wir hier intern natürlich schon lange
diskutiert. In der Modebranche ist es ehrlicherweise schon schwierig, nicht ins
Green-Washing zu verfallen, denn das Nachhaltigste wäre natürlich, wir würden
keine Kleidung produzieren und verkaufen. Deswegen war es uns wichtig,
authentisch und ehrlich zu bleiben. Wir achten sehr auf hochwertige Materialien,
damit die Kleidung möglichst lange hält. Aktuell produzieren wir viel in Asien. Nicht
etwa wegen der Preise, was viele Leute vermuten könnten, sondern weil wir dort die
beste Qualität bekommen. Da überlegen wir natürlich, wie wir die Lieferung noch
weiter optimieren können. Oder auch wie wir die Verpackung möglichst nachhaltig
gestalten können. Was die Arbeitsbedingungen angeht, sind wir längst einen Schritt
weiter, unsere Zulieferer unterliegen mittlerweile einem professionellen, immer
engmaschiger werdenden Überwachungsnetz und Stichpunktkontrollen sind an der
Tagesordnung.
On top zu diesen ganzen Schritten haben wir beschlossen, für jede Bestellung einen
Baum zu pflanzen. Das machen wir gemeinsam mit der Organisation „Plants for the
Planet“, deren Gründer auch aus München kommt. Die Bäume werden dort
gepflanzt, wo sie aufgrund der klimatischen Bedingungen möglichst schnell wachsen
können, um dann auch rasch CO2 aus der Luft zu filtern. Das ist, in diesem Fall, die
Halbinsel Yucatán in Mexiko.

AJ: Huy, abschließend die unausweichliche Frage: DP quo Vadis? Zur klassisch
maskulinen StreetWear DNA haben sich nun die Linien GymWear, WMN und DPC
gesellt. Sind das noch Essentials oder schon Wege, sich weiter zu entwickeln?

HV: Wir haben erst vor kurzem unsere zweite Linie auf den Markt gebracht: DPC,
eine Premium-Linie. Die ist sehr clean und reduziert im Design und hat als
besonderes Statement unser Logo Ton-in-Ton. Außerdem steht für uns in diesem
Jahr noch der Ausbau unserer Frauen Linie DP WMN auf der Agenda und auch zum
Thema Gym wird es sicherlich noch Neuigkeiten geben. Wir sehen diese weiteren
Linien als Weiterentwicklung der Marke DISTORTED PEOPLE.

AJ: Danke Huy, für das offene und kurzweilige Gespräch! Danke auch, dass das AJ
hier exklusiv und als erstes Printmedium Bilder aus eurer Sommerkollektion 2021
zeigen darf, wir fühlen uns geehrt. Viel Erfolg für die weitere Entwicklung eures
Labels, wir sind schon gespannt auf alles, was da kommt.

 

(Das Interview führte Johannes Kopp)