Anzeige
HomeKunst & SzeneJim Knopf kämpft gegen Rassismus

Jim Knopf kämpft gegen Rassismus

Michael Endes Erfolgs-Märchen dennoch im Kreuzfeuer

Jim Knopf hängt an Fäden – in der Augsburger Puppenkiste und auf dem offiziellen Museums-Plakat des Hauses der Bayerischen Geschichte (HdBG). Es hat seinen Sitz zwar in der Fuggerstadt, das neue Museum steht aber in Regensburg. Jim Knopf, der kleine schwarze Bub aus Michael Endes Märchen, das auch von Lukas dem Lokomotivführer erzählt, wird dort also als echt bayerische Figur dargestellt – als ein Charakter, der, so die offizielle Erklärung, „fest in der Tradition Bayerns verwurzelt ist.“

Ein schwarzer Bayer, noch dazu an Fäden, das geht doch gar nicht, wurde (wie unser Verlag exklusiv erfuhr) von der Anti-Diskriminierungsstelle in Regensburg bemängelt. Einen größeren Aufreger konnten die Museumsverantwortlichen allerdings verhindern, das Thema wurde nicht öffentlich.

Trotzdem: Es war offensichtlich nur eine Frage der Zeit bis die Rassismus-Debatte auch den kleinen Helden aus der Puppenkiste erreichte: „Jim Knopf – rassistisches Klischee oder schwarzer Held?“ Immerhin sind 60 Jahre vergangen. In dieser Zeit wurde das fantastische Abenteuer-Märchen von Jim Knopf, der als Baby in einem Paket auf der Insel Lummerland ankam und von dort mit seinem Freund Lukas auf der Lok Emma aufbrach, um im fiktiven Land Mandala die Prinzessin zu retten. Das Buch, wie auch die Fortsetzung „Jim Knopf und die Wilde 13“, wurden in 33 Sprachen übersetzt. Weltweite Auflage 5,5 Millionen Exemplare.

Ungewöhnlich, aber nicht anstößig für die 1960er Jahre: Der Held Jim Knopf ist ein Schwarzer. „Ich habe ihn geliebt als Kind.“ Das tut zum Beispiel die Anti-Rassismustrainerin und Aktivistin Tupoka Ogette auf einer Internetseite zum Thema „Wanted: Schwarze Held*innen in deutschen Kinderbüchern“ kund.

Sie stört sich nur am Begriff „Neger“, oder wie man jetzt sagt am „N-Wort“, das Autor Ende tatsächlich einmal verwendet (siehe Kasten). Das N-Wort wird seit Jahrzehnten mit unterschwelligem Rassismus in Verbindung gebracht und zählt zu Stereotypen in Kinderbüchern. Klassiker wie „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler oder „Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren sind nicht ausgenommen. So manche Ausgabe wird korrigiert. Pippis Papa, der „N-König“ aus dem Taka-Tuka-Land, ist längst ein „Südseekönig“.

Was Jim Knopf angeht, sind die Meinungen geteilt. Das zeigen zahlreiche Beiträge im Internet und in Zeitungen. Häufig zitiert wird dabei die Hamburger Pädagogin Christiane Kassama, die sich zu Jims 60. Geburtstag im Zeit-Interview gegen das Buch als Kinderlektüre ausspricht. Jim Knopf reproduziere viele Klischees zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen, meint sie. Für die britische Sopranistin Georgina Melville aus Barbados, die ihn an der Komischen Oper Berlin gesungen und gespielt hat, ist Jim Knopf hingegen ein Energiebündel – „bereit für Abenteuer und offen, neuen Menschen zu begegnen“, sagt sie der Deutschen Welle.

Bestsellerautor Michael Ende (u. a. auch „Momo“ oder „Die unendliche Geschichte“), der 1995 starb, gilt als Antirassist, der sich kritisch mit dem Darwinismus und der damit verbundenen Rassenideologie der Nationalsozialisten auseinandergesetzt hat. Jim Knopf ist also, wenn man so will, auch eine Geschichte gegen den Rassismus der Nazis. Es sind letztendlich die Schwächeren, die siegen. Jim und Lukas helfen auf ihrer Heldenreise Außenseitern.

Tatsächlich habe Ende mit Jim Knopf aktiv gegen Rassismus angeschrieben, betont laut NDR auch die Afrikanistin und Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus. Die Göttinger Professorin leitet die Abteilung „Wissen im Umbruch“ am Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Das Märchen enthalte durchaus antirassistische Ideen: Lummerland etwa, als Gegenentwurf zum düsteren, rassistischen Kummerland.

Endes berühmtes Kinderbuch lässt sich als antirassistische Parabel lesen, zeigte auch FAZ-Redakteurin Julia Voss auf. Und ähnlich sieht es offenbar auch der Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur, Ralf Schweikart. Gegenüber der Nachrichtenagentur EPD hebt er den „integrativen und pazifistischen Charakter“ des Märchens hervor: „Der schwarze Held und die chinesische Prinzessin finden zusammen, ohne dass Herkunft und Hautfarbe eine Rolle spielen.“ Anspielungen auf Jims Hautfarbe aus der Romanvorlage ließ auch der Regisseur Dennis Gansel bewusst außen vor, als er Endes „Jim Knopf“ 2018 in einem aufwendigen Kinospektakel verfilmte. Im Oktober kam der zweite Teil „Jim Knopf und die wilde 13“ in die Kinos.

FOLLOW US ON: