Schicke Autos, anspruchsvolle Kunden, täglich viel Zeit auf der Autobahn. So sah Nadja Gönsters Leben bis vor wenigen Jahren in Köln aus. Die heute 43-jährige gelernte Automobilkauffrau hatte jedoch von Anfang an einen treuen Partner an ihrer Seite – Shih Tzu-Hündin Loulou. Die Hundedame begleitete Nadja fast 16 Jahre lang, war weit mehr als ein Haustier: Vertraute, Weggefährtin und Halt in schwierigen Zeiten. „Ich musste mich um jemanden kümmern, damit ich mich selbst nicht verliere“, sagt Nadja heute rückblickend.
Vor drei Jahren sollte sich ihr Leben dann komplett ändern. Im Robinsonclub in Tunesien lernte die Kölner Porsche-Mitarbeiterin nämlich Jochen Winter aus Friedberg kennen. Die Begegnung veränderte vieles. Der Friedberger wurde ihr Lebenspartner – und schließlich der Grund, warum sie 2024 Nordrhein-Westfalen hinter sich ließ und mit ihrer Loulou zu ihm nach Bayern zog. „Für mich war das ein kompletter Neustart“, erinnert sie sich.
In Bayern angekommen begann für Nadja ein neuer Abschnitt. Sie verliebte sich nicht nur in ihre neue Heimat, sondern auch in vieles, was dazugehört. „Als ich das erste Mal auf dem Oktoberfest war und ein Dirndl trug, fühlte ich mich wie eine Prinzessin“. Diese Offenbarung und die Tatsache, dass es mit zwei Job-Versuchen im Porsche-Zentrum Augsburg und bei der Stadt Friedberg nicht funktionierte, brachte sie zum Nachdenken. Wie wäre es, etwas Eigenes aufzubauen; etwas, das mehr mit Menschen und Geschichten zu tun hätte als mit Zahlen und Terminen? Die Idee – ein Secondhand-Geschäft für Trachten – war geboren. Und weil Loulou natürlich immer an ihrer Seite war, auch schnell der Name für die Vision: Loulou. „Es sollte eine Hommage werden. Ein Zeichen für die besondere Verbindung zwischen uns“, erinnert sich Nadja. Doch dann kam es anders. Während die Pläne konkreter wurden, verschlechterte sich Loulous Gesundheitszustand, Nierenprobleme machten der Kleinen schwer zu schaffen.
Nadja Gönster und Loulou
Die Monate vor der Geschäftseröffnung waren geprägt von Hoffen und Bangen. „Tierarztbesuche, Untersuchungen und viele schlaflose Nächte in Dauerschleife, das zehrt“, erinnert sich Nadja. Immer wieder fragte sie sich, ob ihre Hündin es schaffen würde. Bei einer Einkaufsreise fürs neue Geschäft im Norden der Republik brach Loulou zusammen und musste in eine Tierklinik gebracht werden. „Ich hatte nur noch einen Wunsch“, erinnert sich Nadja. „Dass sie nach Hause kommt. Dass sie wieder nach Bayern zurückkommt.“
Dieser Wunsch erfüllte sich. Loulou schaffte es sogar noch, die Eröffnung des Geschäfts im Frühjahr mitzuerleben. Für Nadja bedeutet das bis heute viel. „Sie hat gewartet“, sagt sie. „Davon bin ich überzeugt.“ Kurz darauf verschlechterte sich der Zustand der Hündin dramatisch. Die Nieren versagten. Kurze Zeit später musste Nadja dann endgültig Abschied nehmen von ihrer treuen Gefährtin. „Danach habe ich erst einmal gar nichts mehr gefühlt“, sagt sie offen. „Ich dachte wirklich, ich werde nie wieder glücklich.“
Doch letztlich verhalf Loulou ihrem Frauchen auch posthum aus der Trauer und zu neuem Antrieb. Aus dem Verlust entstand eine Aufgabe. „Ich habe ihr versprochen: Ich mache dich groß. Jeder soll wissen, wer du warst“, erzählt Nadja.
Nadja: „Ich habe eine Nähmaschine und ändere Stücke individuell“
Seitdem arbeitet sie mit mehr Energie denn je in ihrem Trachtengeschäft in der Goldschmiedegasse. Berät Menschen bei der Wahl, gestaltet ihren Laden mit Liebe zum Detail, löst Probleme aller Art. Nadja: „Ich habe eine Nähmaschine und ändere Stücke individuell, kürze auch auf Wunsch oder schneide Blusenärmel ab, wenn sie nicht gefallen.“ Gelernt hat sie das – neben anderen praktischen Fähigkeiten wie Kochen, Backen oder Technik – in jungen Jahren in der Hauptschule. Die Geschichte und Feinheiten bei der Tracht hat sie sich im Selbststudium beigebracht – mit Büchern, natürlich dem Internet, aber auch der Dirndl-Ausstellung, die es im Textilmuseum gab. „Da war ich gleich zwei Mal“, freut sich Nadja über ihr Spezial-Wissen.
In ihrem Geschäft begegnet sie immer wieder Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. „Kundinnen und Kunden erzählen von ihren eigenen Hunden, Katzen oder Pferden, von Abschieden und Erinnerungen, die nie ganz verschwinden. Oft stehen Tränen in den Augen. Deshalb gibt es in meinem Laden auch eine Taschentuchbox, die ihren festen Platz hat“, so die Jung-Unternehmerin. Sie ist überzeugt, dass Loulou ihr noch immer Menschen schickt. Besonders herzliche Begegnungen, unerwartete Chancen oder kleine Glücksmomente. „Dann denke ich mir: Danke, Lulu“, sagt sie und lächelt.
Irgendwann will sie wieder einen Hund in ihr Leben holen. „Es wird eine Dackelhündin namens Lotte“, soviel steht für Nadja Gönster fest. Doch noch ist die Zeit nicht gekommen. Jetzt braucht der Laden Loulou ihre volle Aufmerksamkeit. Um ihren Hals baumelt ein kleiner Anhänger, mit Asche und Haaren eines kleinen Hundes, der ihr Leben großartig verändert hat.
Nadja Gönster und Jochen Winter hatten Hundedame Loulou stets dabei, egal ob beim Ausflug oder im Urlaub.
Die Eröffnung des Friedberger Secondhand-Geschäfts, das nach ihr benannt ist, hat Loulou noch mitbekommen, auch wenn sie schon sehr krank war.
Lesen Sie auch: Agata Norek: Zurück ins Leben


