Fünf Milliarden Euro. Eine Zahl, die selbst in der Welt großer Infrastrukturprojekte nicht alltäglich ist. Der Freistaat Bayern will den Neubau des Universitätsklinikums in einer Größenordnung fördern, wie sie die Stadt in dieser Form noch nicht erlebt hat. Rund um das UKA soll ein neues Zukunftsquartier entstehen, eine „Medical City“. Vor Kurzem trafen sich Augsburgs Oberbürgermeister Florian Freund, UKA-Vorstandsvorsitzender Prof. Klaus Markstaller und IHK-Hauptgeschäftsführer Marc Lucassen zum strategischen Austausch. Im REPORTER-Interview sprechen sie darüber, warum die Milliardenförderung mehr bedeutet als „nur“ einen Klinikneubau.
REPORTER: Wo waren Sie, als die Milliarden-Förderung angekündigt wurde?
Klaus Markstaller: Ich saß im Uniklinikum in einem Meeting, als die Nachricht per WhatsApp reinkam. Mir ist richtiggehend ein Stein vom Herzen gefallen. Eine Investition in dieser Größenordnung ist alles andere als selbstverständlich. Sie ist ein außergewöhnliches Vertrauenssignal des Freistaats Bayern an die Universitätsmedizin Augsburg. Deshalb habe ich meine ersten Dankesworte auch an Staatsminister Markus Blume und Ministerpräsident Markus Söder gerichtet. Auf die beiden ist Verlass.
OB: „Wir haben die Chance, einer der fortschrittlichsten Gesundheitsstandorte Europas zu werden“
AJR: Herr Freund, als Oberbürgermeister bekommt man viele Förderbescheide auf den Schreibtisch. Fünf Milliarden Euro gehören vermutlich nicht dazu. Wann war Ihnen klar: Das könnte die Zukunft der Stadt verändern?
Florian Freund: Sofort! Das ist nicht nur mehr Geld als Augsburg in Jahrzehnten öffentlich erhalten hat. Das ist ein fundamentaler Vertrauensbeweis des Freistaats in das, was wir hier aufbauen wollen. Auch von meiner Seite großer Dank an den Ministerpräsidenten und Staatsminister Blume. Für mich persönlich war diese Nachricht ein klarer Auftrag. Jetzt ist Augsburg an der Reihe, was daraus zu machen. Und genau das werden wir tun. Diese Nachricht verändert die Entwicklung Augsburgs enorm. Das Potenzial habe ich schon immer gesehen. Wir haben die Chance, einer der fortschrittlichsten Gesundheitsstandorte Europas zu werden. Ich war übrigens gerade, passenderweise, in einer Besprechung mit den Leitern des Stadtplanungsamtes, als ich die Nachricht bekam. Aus städteplanerischer Perspektive bedeutet sie, dass wir rund um das Klinikum ein neues Zukunftsquartier entwickeln – unsere Medical City. Darin steckt eben dieses riesige Potenzial. Das katapultiert Augsburg mit großer Wucht nach vorne, in Sachen Innovation, Gesundheitsversorgung und wirtschaftlicher Stärke. Dieser Weitsprung gelingt uns, wenn Stadt, UKA, Universität, Freistaat und Wirtschaft künftig enger zusammenarbeiten als jemals zuvor. Ich bin mehr als bereit dazu.
Medical City: Das Triple-Interview zum Klinikums-Neubau
AJR: Herr Lucassen, wie war Ihr erster Gedanke?
Marc Lucassen: Ich war beruflich in Paris und mir war sofort klar: Das ist weit mehr als eine Investition in einen Klinikneubau. Natürlich ist das zunächst eine hervorragende Nachricht für die Gesundheitsversorgung. Aber aus Sicht der Wirtschaft reicht die Entscheidung weit über das Klinikum hinaus. Internationale Beispiele zeigen, dass rund um starke Universitätskliniken vielerorts ganze Innovationsökosysteme entstehen. Forschung, Unternehmen, Start-ups, neue Dienstleistungen – genau diese Dynamik kann sich jetzt auch in Augsburg entwickeln.
AJR: Wie man hört, hatten Sie bereits kurz nach OB Freunds Amtsantritt ein gemeinsames Strategietreffen. Noch vor wenigen Monaten war häufig vom Klinikneubau die Rede. Nun sprechen alle von einer ganzen „Medical City“.
Florian Freund: Ja, als neue Stadtregierung haben wir als einen unserer allerersten Termine diesen Kick-Off für das Projekt UKA gesucht. Wir werden dabei auch die Region einbinden und das Thema Naturschutz und moderne Grünentwicklung nehmen wir absolut ernst. Wir gehen das nun konzertiert und gemeinsam an. Die Basis: Wir denken den Neubau als Quartiersentwicklung. Denn im Grunde entsteht ja ein neuer Stadtteil. Da war in den vergangenen Jahren noch Luft nach oben, das muss jetzt mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Zug zum Tor vorangetrieben werden.
Klaus Markstaller: Ein modernes Universitätsklinikum ist heute kein reiner Ort der Kranken mehr. Es ist ein Lebensort, es geht um Therapie und Prävention, viele Tausend Menschen arbeiten dort, verbringen ihre Lebenszeit dort. Kliniknahes Wohnen, Kinderbetreuung, Nahversorgung Mobilität, all das müssen wir jetzt zusammen denken und entwickeln. Dies ermöglicht ein komplettes Ökosystem. Der Neubau ist der Kristallisationspunkt. Die Medical City in der Umgebung des UKA ist das eigentliche Zukunftsprojekt.
Marc Lucassen: Mit der Realisierung des Neubaus bietet sich die einmalige Chance, in Augsburg einen Gesundheits- und Innovationscampus von überregionaler Strahlkraft zu schaffen. Die Entwicklung einer „Medical City“ rund um das Universitätsklinikum kann Forschung, medizinische Versorgung, Medizintechnik, Digitalisierung und Gesundheitswirtschaft an einem Standort zusammenführen und damit ein neues, interdisziplinäres Leuchtturmprojekt für den Freistaat Bayern entstehen lassen.
Ein neuer Stadtteil entsteht
AJR: Herr Freund, Sie haben angekündigt, Wirtschaft werde künftig Chefsache sein. Jetzt liegen fünf Milliarden Euro auf dem Tisch. Ganz offen gefragt: Wird Augsburg diesmal schnell genug sein oder besteht die Gefahr, dass die Stadt selbst zum Flaschenhals wird?
Florian Freund: Ich nehme diese Frage sehr ernst, weil ich sie vor meinem Amtsantritt im Mai selbst laut gestellt habe … Gerade deshalb habe ich sofort initiiert, neue Formen der Zusammenarbeit zu etablieren. Ein Projekt dieser Größenordnung darf nicht an Verwaltungsgrenzen scheitern. Wir richten bereits eine Taskforce ein, die schnell und unkomplizierte Entscheidungswege, verbindliche Ansprechpartner und eine gemeinsame Projektsteuerung zwischen Stadt, Universitätsklinikum, Universität, Freistaat und Wirtschaft ermöglicht. Wir setzen auf verbindliche Strukturen. Es ist entscheidend, sich hier als Oberbürgermeister persönlich einzubringen, die Dinge in die Hand zu nehmen und den Prozess auf Kurs zu bringen. Das tue ich.
AJR: Herr Lucassen, Sie vertreten die Unternehmen der Region. Viele werden jetzt an Bauaufträge denken, sind die fünf Milliarden auch ein Wirtschaftsbooster für Augsburg und Schwaben?
Marc Lucassen: Ganz genau. Die Bauphase ist ein kleines Konjunkturprogramm für die Region. Bei den Vergaben kommt es jetzt auf transparente und mittelstandsfreundliche Verfahren an. Dann haben auch Unternehmen aus Stadt und Region faire Chancen, sich im Wettbewerb einzubringen. Entscheidend ist aber vor allem die langfristige Wirkung: neue Wertschöpfung, zusätzliche Arbeitsplätze, Forschungstransfer sowie Gründungen und Kooperationen zwischen Wissenschaft und Unternehmen.
Medical City: Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik
AJR: Herr Professor Markstaller, woran würden Sie in fünf Jahren erkennen, dass Augsburg die Chance wirklich genutzt hat?
Klaus Markstaller: Ich würde es daran erkennen, dass hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bewusst nach Augsburg kommen. Dass Start-ups ihre Ideen hier entwickeln. Dass internationale Unternehmen Kooperationen mit unserer Universitätsmedizin suchen, und zwar im Medizinbereich und auch darüber hinaus. Und dass junge, exzellent ausgebildete Ärztinnen und Ärzte sagen: „Ich möchte nach Augsburg.“
AJR: Große Infrastrukturprojekte kennen eine gewisse Gesetzmäßigkeit: Irgendwann reden alle nur noch über Baukosten, Verkehrsprobleme oder gefällte Bäume. Wie verhindern Sie gemeinsam, dass Augsburg den Blick auf das eigentliche Ziel verliert?
Florian Freund: Indem wir immer wieder transparent und ehrlich zeigen, wie wir zum Ziel kommen, was uns auf dem Weg begegnet und worum es tatsächlich geht. Nicht um Beton. Sondern um Gesundheitsversorgung allererster Klasse für ganze Generationen. Also nicht ausschließlich um Wirtschaftspolitik, sondern auch um Sozialpolitik. Gute medizinische Versorgung ist kein Luxusprojekt, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. Die Medical City soll den Augsburgerinnen und Augsburgern dienen. Sie sollen stolz auf ihr Uniklinikum sein können.
Klaus Markstaller: Für mich ist jeder Euro eine Investition in bessere Medizin, in Forschung, in Ausbildung, letztlich eine Investition in die Zukunft kommender Augsburger Generationen. Darauf sollte sich die öffentliche Debatte konzentrieren.
Attraktiv für Start-ups und Wissenschaft
Marc Lucassen: Wir dürfen die Diskussion nicht künstlich auf Baukosten und Bäume verengen. Natürlich werden Klimaschutz, Begrünung und Verkehrsführung von Anfang an mitgedacht, alles andere wäre fahrlässig. Dafür gibt es ja bereits gemeinsame Formate, die auch Sorgen und Einwände aufgreifen. Die entscheidende Frage lautet aber: Welchen Nutzen stiftet dieses Projekt für die nächsten 50 Jahre? Wir wollen vor allem die Potenziale und Chancen für die Region in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken.
AJR: Die Medical City klingt ambitioniert. Aber Visionen allein schaffen keinen Standort. Wenn wir uns in zwei Jahren wieder treffen, welche konkreten Ergebnisse müssten dann sichtbar sein?
Florian Freund: Erstens: Die Taskforce hat eine verbindliche Governance zwischen allen Partnern etabliert, mit klaren Zuständigkeiten. Zweitens: Genehmigungs- und Planungsprozesse laufen nachweislich schneller. Drittens: Das Bauleitplanverfahren für den Bebauungsplan 306 ist so weit fortgeschritten, dass der Satzungsbeschluss und damit das Baurecht in Sicht sind.
Klaus Markstaller: Das kann ich nur so unterschreiben! In zwei Jahren wird auch der Medizincampus der Fakultät weiter ausgebaut sein, was die Entwicklung des Standortes nochmals unterstützen wird.
Marc Lucassen: Ich fände es großartig, wenn wir in drei Jahren erste Unternehmensansiedlungen, Ausgründungen und konkrete privatwirtschaftliche Investitionsentscheidungen sehen könnten. So gewänne die Medical City schnell an Substanz.
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