Die Kunstwelt kannte und bewunderte sein Alleinstellungsmerkmal. Der Maler-Fürst, der seine Bilder auf den Kopf stellte und damit weltweit Erfolg hatte. Jetzt ist Georg Baselitz, der längere Zeit in Buch am Ammersee lebte und arbeitete, in Salzburg im Alter von 88 Jahren verstorben. Es galt als wohlgehütetes Geheimnis: War es als Schockeffekt eines aufstrebenden Künstlers inszeniert, der nur seinen Bekanntheitsgrad steigern wollte? Oder hatte die Idee für die „kopfstehenden Bilder“ doch einen tieferen Ursprung?
Sechs Jahre, bevor Georg Baselitz seine Villa in Buch, einem Ortsteil von Inning am Ammersee, bezog, verbrachte er mit seiner Ehefrau Elke zwei Tage in Augsburg. Anlass war die von der Gesellschaft für Gegenwartskunst unter der Regie von Dr. Stefan Schrammel im Zeughaus präsentierte Baselitz-Ausstellung „Nymphen nach Dürer“ mit fünf Gemälden und 42 getuschten und lavierten Blättern. Ein faszinierender graphischer Zyklus, die Körper nach unten oder frei in der Luft schwebend.
Charmant und gesprächig erlebten die Vernissagen-Besucher den Weltkünstler und hielten auch mit Fragen nicht zurück. „Was ist der Grund, dass Sie Ihre Bilder auf den Kopf stellen?“ wollte man wissen. Und es folgte kurz und knapp die erwünschte Auskunft.
Georg Baselitz: Bild aus der Kindheit als Wendepunkt
Der entscheidende Wendepunkt habe mit seinem Gemälde „Der Wald auf dem Kopf“ begonnen. Als Auslöser diente ein altes Wald-Bild, das er aus seiner Kindheit kannte. „Ich drehte das Motiv spielerisch auf den Kopf und erkannte: der Inhalt des Bildes ist plötzlich zweitrangig. Die Dominanz des Betrachters gewinnen die Art des Malens, die Wucht der Farbe, die Struktur und Form.“ Kunstexperten interpretieren seitdem die Werke von Georg Baselitz als seine Antwort auf die immer wieder geführte Diskussion unter Anhängern abstrakter und gegenständlicher Malerei.
Georg Baselitz: Ergriffen vor dem Holbein-Altar
Am zweiten Tag des Augsburg- Besuches von Georg Baselitz stand kunsthistorisches Sightseeing auf dem Programm. Entlang der Römer-Mauer ging’s ins Diözesanmuseum und dann als Höhepunkt der Aufenthalt im Augsburger Dom mit der Schatzkammer. Sakrale Kunst aus über 1000 Jahren. Die Prophetenfenster (um 1100) – sie gelten als älteste Glasmalereien weltweit – und das riesige Christophorus-Fresko (1491). Georg Baselitz machte aus seiner Ergriffenheit kein Hehl. Sein besonderes Augenmerk galt den Bildtafeln von Hans Holbein dem Älteren (ca. 1450-1524).
Begleitet wurden Georg und Elke Baselitz von Architekt Dr. Stefan Schrammel, Wilma Sedelmeier, der damaligen Kulturredakteurin des AUGSBURG JOURNAL (heute Leiterin der GALERIE NOAH im Glaspalast). Auch noch im Mittagsgespräch zeigte sich der Meister der Moderne – nach eigenem Angaben kein gläubiger Mensch – stark beeindruckt. Baselitz zitierte große Künstler-Namen der Vergangenheit. „Meine Popularität spielt sich vor allem im Ausland ab, wo die deutsche Kunst im allgemeinen keinen guten Ruf genießt. Ich bin Deutscher und sehe es als meine Pflicht, an die großen deutschen Künstler der vergangenen Jahrhunderte zu erinnern, die in anderen Ländern häufig ignoriert werden.“
Georg Baselitz, der Wegbereiter des Neo-Expressionismus, dessen umgedrehte Bilder sein Werk weltweit unverwechselbar machen, wird wohl noch lange nach seinem Tod die Kunstwelt beschäftigen. So soll er auch verfügt haben, dass der Ort seiner letzten Ruhestätte der Öffentlichkeit nicht preisgegeben werden darf.
Lesen Sie auch: Galerie Noah: Kunstwerk, m/w/d?







