Ob sie wohl traurig sein wird an jenem nicht mehr fernen Tag, wenn sie ihre Schlüssel abgibt und ein letztes Mal „Servus“ sagt? Zu 1250 Tieren und zu ihren 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? Barbara Jantschke (63) zuckt mit den Schultern, „ich weiß es nicht“, sagt sie. Nach 24 Jahren auf dem Chefsessel des Augsburger Tiergartens geht dieser Tage die Amtszeit der Zoodirektorin zu Ende, beginnt für sie die Ruhephase der Altersteilzeit.
Tiere, die ebenso so lang wie Jantschke im Zoo gewesen sind oder gar noch länger? Freilich gebe es die, so die Zoologin, die als Dreijährige beschlossen hat, in einem Zoo arbeiten zu wollen. Spontan nennt sie die Esel des Zoos – oder die Schimpansen, die als Menschenaffen eine ähnliche Lebenserwartung hätten wie Menschen. Schimpanse Coco merkt nicht, dass wir über ihn sprechen. Gemächlich räkelt er sich in seinem Baumhaus, positioniert den Kopf an einem sonnigen Plätzchen und schließt die Augen. Ob er, geboren im Jahr 1988, merken wird, dass Jantschke nicht mehr da ist? Gut möglich, ist der Schimpanse, bekannt als „malender Affe“, doch den Umgang mit Menschen mehr als gewöhnt.
Ob sie mit den Tieren spricht?
Sogar ein paar Jährchen älter geworden als die Barbara Jantschke dieser Tage ist Elefantendame Targa, einer der ältesten Elefanten, der je in einem Zoo gelebt hat. 67 Jahre wurde das Tier alt, das 1955 aus Indien nach Augsburg kam und hier bis 2022 lebte. Auch die Planungen und den Umbau des Elefantenhauses hat Targa miterlebt. Das neue Gebäude mit einem Kostenumfang von knapp acht Millionen Euro war das umfangreichste Bauprojekt in der Amtszeit Jantschkes.
Ob sie mit den Tieren spricht? Barbara Jantschke erklärt, dass es immer gut ist, wenn man sich den Zootieren gegenüber bemerkbar macht, bevor sie sich über plötzlichen Besuch erschrecken. Also rede sie beruhigend auf die Tiere ein, so wie es auch die Pfleger machen würden. Ja, sie drehe ihre Runden in der Anlage, sie müsse ja schließlich wissen, wie alles läuft, aber da bleibe keine Zeit für vertrauliche Zwiegespräche mit einem Zebra, einem Affen oder einem Elefanten. Es seien die Tierpfleger, die viel näher an ihren Schützlingen dran seien, die genauer Bescheid wüssten, die es zum Beispiel auch in der Hand hätten, den Tieren einen Namen zu geben. Ihren Namen bekämen die Zootiere nicht, um sie mit diesem Namen rufen zu können, sondern damit die Menschen sie im Gespräch miteinander unterscheiden könnten. Deswegen, so Jantschke, bekämen in der Regel auch nur solche Tiere einen eigenen Namen, die für das menschliche Auge verschieden sind. In einem Schwarm von 50 Flamingos mache eine Namensgebung wenig Sinn.
Unvergessene Zeit für Barbara Jantschke
Unvergessen für Jantschke bleibt die Zeit, in der sie bei der Handaufzucht eines neugeborenen Bengal-Plumploris mitgewirkt hat. „KK“ wurde das Geschöpf seinerzeit 2013 nach den Initialen seiner Eltern genannt, auch weil das Geschlecht erst Woche nach der Geburt zu erkennen sei. Weil sich die Eltern des Äffchens – selbst Handaufzuchten eines Zoos – nicht um das Wohl ihres Nachwuchses bemüht haben, mussten Menschen das übernehmen.
Ein Problem: Plumploris sind vorwiegend nachtaktiv, entsprechend entwickelte das Kerlchen im Zoo vor allem nach Dienstschluss Appetit. Also nahm sich auch die Zoodirektorin ihre Schichten, um Fläschchen zu geben und danach den Bauch zu massieren. So weit sei die Kümmernis gegangen, dass der kleine Wicht bei ihr in der Wohnung auf dem Zoogelände übernachtet habe.
Die Plumploris sind nur eine von mehreren Tierarten, von mehreren Projekten weltweit, die der Augsburger Zoo – andere Tiergärten auch – unterstützt, so Jantschke. Schon seit 2009 zahle jeder Erwachsene, der es wünscht, beim Kauf einer Eintrittskarte einen Euro in einen Fonds ein, über dessen Verwendung, an die 400.000 Euro jährlich, am Ende ein fünfköpfiges Gremium entscheide. So werde versucht, die knapper werdenden natürlichen Lebensräume für Tiere in aller Welt möglichst gut zu erhalten. Nach Jantschkes Worten käme allein in den deutschen Zoos alle Jahre ein zweistelliger Millionenbetrag zusammen, um damit Tierschutzprojekte zu unterstützen. Angesichts der Ausbreitung der Menschheit in immer mehr Naturräume oder angesichts der Lebensraum-Veränderung durch den Klimawandel dringend geboten.
Millionen für Tiere aus Zoos
Mit einer ähnlichen Argumentation tritt Jantschke jenen Stimmen entgegen, die fordern, nicht nur keine Menschenaffen, keine Säugetiere mehr in Zoos „zur Schau zu stellen“, sondern Tierparks am besten komplett abzuschaffen. Derartige Stimmen seien in den vergangenen 20 Jahren nicht unbedingt mehr geworden, aber sie würden lauter, seien mehr zu hören. Dem hält die Zoo-Direktorin das Bemühen vieler Tierparks in aller Welt entgegen, die Lebensbedingungen in den Gehegen so zu verbessern, dass sie den Arten bestmöglich gerecht würden.
Während sie das sagt, passieren wir das sogenannte Afrika-Panorama im Zentrum des Zoos, in dem sich Giraffen, Nashörner, Antilopen, Strauße und andere mehr aufhalten können. Jantschke zitiert die weltbekannte britische Schimpansen-Forscherin Jane Goodall, die gesagt habe, dass sich jeder Schimpanse lieber ein gutes Zoogehege als Lebensraum auswählen würde als einen bedrohten Platz in freier Natur.
Einen Monat lang führt Barbara Jantschke dieser Tage ihren Nachfolger, Philipp Wagner, in das Amt ein, dann ist für sie Schluss. Obwohl: „Ich werde hier in Augsburg wohnen bleiben“, so die gebürtige Nürnbergerin, die in der Fuggerstadt viele Freundschaften und Bekanntschaften hat, die sie auch als Rentnerin nicht vermissen möchte. Und: Sollte ihr Rat gefragt sein, stehe sie bereit, so Jantschke.
„KK“ hieß ein neugeborener Bengal-Plumplori, der im Augsburger Zoo 2013 von Menschenhand aufgezogen werden musste, worum sich auch Zoodirektorin Barbara Jantschke bemühte. Fotos: Jantschke
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