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Sonntag, 14. Juni 2026

Annette Ruess: So viel mehr als „die Frau von …“

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Architektin Annette Ruess: So viel mehr als „die Frau von …“

Wenn Annette Ruess von Japan erzählt, leuchten ihre Augen. Von blühenden Kirschblüten. Von stillen Tempeln. Von minimalistischer Architektur. Von Farben, Materialien und Raumwirkungen, die sie noch lange später beschäftigen – auch in ihrer kreativen Profession. „Ich habe lange überlegt: Machst du das jetzt alleine oder gar nicht?“, sagt sie. „Und dann habe ich beschlossen: Ich kann das auch alleine.“

Es ist ein Satz, der viel über diese Frau aussagt. Denn natürlich kennen viele in Augsburg den Namen zuerst aus einem anderen Zusammenhang. Durch die Begegnung mit Fußball-Weltmeister Stefan Reuter bei einem Golfturnier kam Annette Ruess überhaupt erst mit Augsburg in Berührung. Reuter kannte sie ebenso wenig wie die Fuggerstadt. „Meine Heimat war Günzburg, da war ich komplett nach Ulm orientiert und kannte Augsburg gar nicht. Auch von ehemaligen Fußballern hatte ich damals keine Ahnung“, erzählt die Architektin heute lachend.

Seit 2014 sind die beiden ein Paar, 2023 zog man ins gemeinsame Traumhaus nach Leitershofen – das natürlich die Handschrift der Innenarchitektin trägt. „Stefan hält sich da komplett raus“, erzählt sie schmunzelnd. „Er genießt es einfach.“

Ihr Leben über einen prominenten Mann zu definieren, liegt Annette Ruess fern. Während Reuter, der im Oktober 60 Jahre alt wird, gerade „leise Servus“ sagt zum FCA nach 13 Jahren, betreibt seine fast gleichaltrige Frau weiterhin ihr Architektur-Büro in Leipheim. Reist leidenschaftlich gern als kreative Beobachterin auf der Suche nach Inspiration, die sie überall entdeckt – in Hotels, Restaurants, Kunstin-stallationen oder einfach in einer gelungenen Farbkombination – gern auch auf der anderen Seite der Welt. „In kreativen Berufen bist du eigentlich nie offline“, sagt sie. „Du siehst immer irgendetwas, das dich inspiriert.“

Architektin Annette Ruess und ihr Mann,
der langjährige FCA-Manager Stefan Reuter.

Annette Ruess: mit 29 Witwe und Mutter

Dass sie heute mit einer bemerkenswerten Ruhe und Selbstverständlichkeit auftritt, hat auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Sie war erst 29 Jahre alt, als ihr erster Mann plötzlich an einem Herzinfarkt starb. Die beiden gemeinsamen Kinder waren damals noch Babys. Der ältere Sohn gerade einmal knapp zwei Jahre, der jüngere acht Tage alt. „Da war ich plötzlich Vater und Mutter gleichzeitig“, sagt sie rückblickend. Vier Monate später arbeitete sie bereits wieder. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Notwendigkeit. Die klassische Anstellung ließ sich mit zwei kleinen Kindern kaum organisieren. Also machte sie sich 1998 selbstständig – ein Schritt, der ursprünglich gar nicht geplant gewesen war. „Ich wollte eigentlich nie selbstständig sein“, erzählt sie. „Aber es ging damals einfach nicht anders.“

Dass daraus einmal ein etabliertes Architekturbüro mit fünf Mitarbeitern entstehen würde, konnte sie damals kaum ahnen. Das Büro befand sich viele Jahre direkt im eigenen Zuhause in Günzburg – pragmatisch, familiennah, flexibel. Erst 2023 zog das Unternehmen nach Leipheim in neue Räume. Dort plant und gestaltet Ruess heute mit ihrem Team Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude, Restaurants und Innenräume. „Am meisten Spaß macht das Zusammenspiel von Raum, Licht und Atmosphäre“, sagt sie. „Oft geht es gar nicht um ein einzelnes Möbelstück. Sondern darum, wie sich ein Raum anfühlt.“

Annette Ruess (M.) mit ihrem Team (v.li.) Alexander Noworzyn, Sabrina Vogeser-Merz, Ian Bojanich und Katharina Koop.

Annette Ruess: Augsburg wird noch entdeckt

Das gemeinsame Haus ist mehr als ein repräsentativer Wohnort. Es ist Ausdruck eines gemeinsamen Lebensmodells. Auch die Kinder des Ehepaares, neben ihren beiden Söhnen hat Stefan noch einen weiteren sowie zwei Töchter, sind gerne willkommen.
Während Reuter weiterhin eng mit dem Fußball verbunden bleibt und regelmäßig unterwegs ist, pendelt Ruess fast täglich nach Leipheim ins Büro. Rund 40 Minuten Fahrt pro Strecke. „Die anderthalb Stunden fehlen dir natürlich am Tag“, sagt sie. „Aber ich fahre trotzdem jeden Morgen gerne ins Büro.“

Besonders Städtereisen inspirieren sie. Architektur, Kunst und Gestaltung verschmelzen dabei oft zu einem Gesamteindruck. Aber auch alleine zu reisen empfindet sie fast als neue Freiheit. In Japan konnte sie sich völlig treiben lassen, Architektur anschauen, spontan entscheiden, wohin der Tag geht. „Wenn du mit jemandem unterwegs bist, musst du dich immer abstimmen“, sagt sie. „Alleine konnte ich einfach machen, worauf ich Lust hatte.“

In die Heimat Augsburg tastet sich Annette Ruess Stück für Stück hinein. Die Stadt habe sie architektonisch überrascht, erzählt sie. Die historischen Gebäude, die vielen Wasserläufe, die Verbindung aus Geschichte und Moderne. Besonders angetan hat es ihr die umgestaltete Moritzkirche. „Die finde ich sensationell“, sagt sie. „Diese Reduktion, dieses Minimalistische – das ist unglaublich gut gemacht.“

Patchwork-Familie Ruess/Reuter (Stefan & Annette mit seinen Kids Jennifer & Stefan jun. im Kongress) liebt ihr Traumhaus in Leitershofen (siehe unten).

Gemeinsam zum Golf

Gemeinsam mit ihrem Büro macht sie inzwischen regelmäßig Stadtführungen durch Augsburg, um die Stadt besser kennenzulernen. Wasserwirtschaft, Fuggerei, historische Viertel – vieles habe sie erst in den vergangenen Jahren entdeckt. Trotzdem fühlt sich Augsburg für sie noch anders an als Günzburg. Dort kannte sie praktisch jeden. Hier entsteht dieses Netzwerk erst langsam. „In Günzburg kenne ich in jedem Café Leute“, erzählt sie. „Das baut sich hier erst nach und nach auf. Man muss sich so eine Stadt eben auch erarbeiten.“

Gemeinsam mit ihrem Mann teilt sie die große Liebe zum Golfsport, der sie auch zusammenbrachte. Mit Handicap 12 spielt Annette Ruess auf bemerkenswertem Niveau, nachdem sie einst eher zufällig über ihren ersten Mann dazu gekommen war. Heute plant sie ihre Wochenenden wieder bewusst um Turniere und Runden herum, was schon anders war. „Es macht gerade wieder richtig Spaß“, sagt sie. Mit eiserner Disziplin steht sie dazu täglich um halb sechs auf, treibt Sport – häufig Laufen, Yoga oder Pilates. Bevor sie in den Arbeitstag startet.

Ans Aufhören denkt die 59-Jährige nicht. Und wenn Freundinnen fragen, wann sie endlich einmal kürzertrete, lautet ihre Antwort: „Warum sollte ich?“ Sie liebt ihren Beruf, der weit mehr ist als Arbeit. Reisen und Kreativität gehen bei ihr ineinander über. Wenn andere Urlaub machen, analysiert Annette Ruess Hotels, Lichtkonzepte, Materialien oder Raumwirkungen. Ob Möbelmesse in Mailand, Designveranstaltung in Kopenhagen oder Kunstausstellung in Paris. „Man nimmt überall etwas mit“, sagt sie. „Manchmal ist es ein Restaurant. Manchmal eine Farbe. Oder einfach nur das Gefühl, dass man sich in einem Raum unglaublich wohlfühlt.“

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