Jerusalem
Der lebenspralle Johnny „Rooster“ Byron haust im Wohnwagen und verführt die lokale Jugend. Sebastian Müller-Stahl spielt die Hauptrolle in „Jerusalem“. Foto: Jan-Pieter Fuhr

„Jerusalem“ gilt als eines der besten Theaterstücke der Welt. Die deutsche
Premiere findet in Augsburg statt. Dahinter steht Hartnäckigkeit – und eine Odyssee.

Von Carsten Kremser

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Das Theater schreibt verrückte Geschichten. Eine spielt jetzt in Augsburg. Am 10. September findet im Staatstheater Augsburg die Deutschland-Premiere eines Schauspiels statt, auf das ganz Theater-Deutschland schaut: „Jerusalem“ des britischen Autors Jez Butterworth, inszeniert vom Augsburger Intendanten André Bücker.

Die Tragikomödie um den lebensprallen Aussteiger Johnny „Rooster“ Byron gilt als „eines der besten Theaterstücke aller Zeiten“ (The Independent). Oder ganz unbescheiden, wie der Londoner Telegraph meint: „Das größte britische Stück des 21. Jahrhunderts“. Warum dann keine Deutschland-Premiere an den ganz großen Häusern in Berlin, München oder Hamburg?

Stattdessen landet „Jerusalem“ in Deutschland zuerst im Augsburger Textilviertel, wo das Staatstheater Augsburg seine Ausweichspielstätte Martinipark mit 620 Plätzen betreibt.
Hinter dieser deutschen Theater-Überraschung steckt die Hartnäckigkeit zweier Augsburger Theatermacher, die mehr wollen, als „normales Schauspiel“ zu machen: Staatstheater-Intendant André Bücker und Chef-Dramaturg Lutz Kessler. Ihre Jagd nach „Jerusalem“ begann vor fünf Jahren.

Lutz Keßler
Der Augsburger Chef-Dramaturg Lutz Keßler ist einer der „hartnäckigen Theatermacher“, die Jerusalem unbedingt in Augsburg spielen wollten. Foto: Thomas Müller

2017 empfahl Kessler das Stück und bat Bücker: „Lies‘ das, und du wirst es spielen wollen.“ Der Intendant las es in der englischen Originalversion – und las und las. Das Buch, die Kritiken – mal hymnisch, mal voller Wut. „Das Stück hat eine Kraft, die das Theater braucht. Es stellt so viele aktuelle Fragen, es versucht zu antworten. Es ist tragisch, es ist komisch, relevant. Es ist umwerfend.“ André Bücker beschloss, „Jerusalem“ nach Augsburg zu holen.

Dann begann eine fünfjährige Odyssee, die die Augsburger Theatermacher bis nach Los Angeles führte. Denn das Stück des britischen Autors Jez Butterworth war inzwischen um die Welt gegangen. Es wurde 2009 im Londoner Westend uraufgeführt und räumte zahlreiche Preise ab. Die Kritiker überschlugen sich mit Lob. Es landete am New Yorker Broadway im legendären Music Box Theatre, wurde dort wegen des Erfolgs verlängert. Das Playhouse San Francisco spielte „Jerusalem“, 2018 dann das Company Theatre in der kanadischen Metropole Toronto.

„Jerusalem“ in Augsburg: Die Geschichte eines alkoholgeschwängerten „Fallstaffs“

Nur Deutschland schien sich nicht zu interessieren für das kraftvolle Stück um den Johnny „Rooster“ Byron, der in einem Wohnwagen in einem Wald nahe einer englischen Provinzstadt lebt. Dort versammelt er die lokale Jugend um sich, verteilt Alkohol und Drogen.

Es ist die Geschichte eines zeitgenössischen, alkoholgeschwängerten „Falstaffs“, der am Abgrund balanciert, gesellschaftliche Normen hinterfragt, sich eigene Wirklichkeiten schafft, mit Verführungskraft der Jugend imponiert und gegen das Spießbürgertum wettert.

 

Andre Bücker
Staatstheater-Intendant André Bücker inszeniert Jerusalem. Foto: Peter Litvai

Die Augsburger Theatermacher Bücker und Kessler hatten Feuer gefangen. Sie schrieben Mails an Verlage, die normalerweise Spielrechte verwalten, und an Agenten. Die Verlage zuckten mit den Schultern, die Autoren wussten nicht weiter. Aber einer kannte den Namen, der zur Lösung dieses unglaublichen Rätsels wurde: Fred Specktor.

Der Hollywood-Agent lebt in Los Angeles. Der Vermarktungs-Profi hat Schauspiel-Legenden wie Morgan Freemann, Gene Hackman, Danny de Vito oder Helen Mirren unter Vertrag. Und eben den „Jerusalem“-Autoren Jez Butterworth aus London. Warum auch immer.
Die erste Mail aus Augsburg mit der Rechteanfrage blieb monatelang unbeantwortet. Nach dem zweiten Versuch vergingen Wochen. Dann kam eine Antwort aus Kalifornien. Nur drei Worte, keine Anrede, kein freundlicher Gruß: „Make an offer“. Zu deutsch: „Machen Sie ein Angebot.“

Die Augsburger machten. Es vergingen erneut Wochen. Fred Specktor hatte offenbar keine Eile. Oder viel zu tun mit Gene Hackmann oder Helen Mirren. Dann kam die Mail. Nur ein erlösendes Wort: „Okay“. Weitere Monate verstrichen mit Vertragsdetails. Dann war es unumkehrbar. Unterschrift. Perfekt. Für ein paar 1000 Euro und eine kleine Beteiligung an den Einnahmen.

Ende 2021, nach fünf Jahren Augsburger Versuchens und Baggerns zwischen London und Los Angeles stand vertraglich fest: Die deutsche Premiere von „Jerusalem“ findet im Herbst 2022 in Augsburg, Western Bavaria statt.

„Coole Socke“: Sebastian Müller-Stahl spielt den lebensprallen Johnny Rooster“ Byron. Foto: Jan-Peter Fuhr

Staatstheater-Intendant Bücker freut sich auf die Premiere: „Wir haben schon im Mai angefangen zu proben. Dieses Stück hat das hohe Niveau von Autoren wie Tennessee Williams oder Tracy Letts. Jeder Zuschauer kann sich in einer der Figuren wiederfinden.“
Glaubt man den Kritiken aus London und New York, dann steht Augsburg tatsächlich vor einem Theaterspektakel. Die Hauptrolle im Staatstheater spielt Sebastian Müller-Stahl. „Eine coole Socke“, urteilt Intendant und Regisseur Bücker. Der Schauspieler liest sich mit Leidenschaft in seine Rolle ein und lebt die Figur mit all seiner Widersprüchlichkeit auf der Bühne.

„Jerusalem“ wird Augsburg rocken. Dafür spricht Vieles. Aber es gibt Ausnahmen. Das Schauspiel ist wegen der Darstellung von „Drogen- und Alkoholkonsum sowie des Gebrauchs drastischer Sprache“ erst für Zuschauer ab 16 Jahren geeignet. Das Theater schreibt verrückte Geschichten.

Jez Butterworth
Der englische Autor Jez Butterworth. Cover: NHB-Verlag

Jez Butterworth: Dem britischen Theaterautor Jez Butterworth gelang mit „Jerusalem“ ein ganz besonderes Theaterstück. Nach der Premiere 2009 in London überschlugen sich die Kritiker mit hymnischen Bewertungen. Die Tragikomödie ging um die Welt und wurde auch zu einem Broadway-Hit. Jez Butterworth schrieb auch das Drehbuch zum James Bond-Film „Spectre“ aus

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