Diese Episode geht wörtlich „Unter die Haut“: „Zwischen Statement, Schutz und Scham“ hieß das STATIONEN-Magazin im BR vom 10. Juni. Es ging es um christliche Tattoos, Haut in der bildenden Kunst, die Verbindung zwischen Haut und Psyche, und: keine Haut zu zeigen. Dafür besuchte die Sendung Boutique-Besitzerin Selda Dastan in Nürnberg. Die erklärt: Weil sie für sich nur schwer „längere Oberteile, Röcke oder Kleider“ gefunden habe, habe sie selbst einen solchen Laden mit „Modest Fashion“ eröffnet.
Der Beitrag definiert diese als „Mode, die weniger Haut zeigt und den Körper größtenteils bedeckt“. Dastan führt ihren muslimischen Glauben als Grund ihrer Kleiderwahl an: „Ich wollte einfach keine Haut mehr zeigen.“ Der Ehemann der Boutique-Besitzerin, Ahmed Dastan, sagte: „Was wichtig ist, sollte auch geschützt werden, so wie ein Handy mit der Hülle geschützt wird. Eine Frau ist auch sehr wichtig, mit allen Körperteilen. Deswegen sollte eine Frau auch geschützt werden. Sie sollte kein Objekt für andere Männer sein.“
Daneben zeigt der Ausschnitt Ayse Demir, eine Freundin von Dastan, die kein Kopftuch trägt, und bei ihr ein Abendkleid sucht. Und eine nichtmuslimische Kundin, die in ihrem Alter nicht mehr viel Haut zeigen möchte. Die Sendung spricht davon, dass es seit den 2010er-Jahren einen weltweiten Modetrend zu Modest Fashion gäbe. Heute sprächen die Kollektionen auch Frauen an, die Mode als Zeichen ihres Selbstbewusstseins sähen.
„ARD-Sender feiert Scharia-Kleidung als Modetrend“
„ARD-Sender feiert Scharia-Kleidung als Modetrend“, wetterte die BILD am 17. Juni unter anderem online. Und betont: „Im Iran werden Frauen von den Straßen gezerrt und verhaftet, wenn sie ihr Kopftuch nicht korrekt tragen, und auch in Afghanistan und in Syrien werden sie zwangsverschleiert. Der Bayerische Rundfunk (BR) dagegen feiert in einem Beitrag die Verschleierung auf deutschen Straßen als Modetrend! Und zwar als einen so erfolgreichen, dass sich angeblich auch nichtmuslimische Frauen in Bayern anschließen.“
Die WELT schließt sich in einem Kommentar mit dem Titel „Die ARD auf Verschleierungskurs“ an: „Im Bayerischen Rundfunk wird die auf weibliche Verhüllung ausgerichtete ‚Modest Fashion‘ als moderner Trend präsentiert. Kritische Fragen zu religiösen Kleidervorschriften gibt es keine.“ Die FR stellt die Frage in den Raum: „Scharia-Kleidung gefeiert? Bayerischer Rundfunk für Sendung über ‚sittsame Mode‘ in der Kritik“, differenziert im Text aber, der BR habe auf Anfrage betont, ihm sei es nicht um Religion gegangen. So habe die Vogue wirklich bereits 2018 die „Lust an der Verhüllung zum globalen Mode-Phänomen“ deklariert. Sich modisch bedeckt zu halten, habe laut Vogue nicht mehr nur kulturelle und religiöse Ursachen, die Ästhetik habe eine „ganze Generation junger, weltoffener und Social-Media-kundiger Konsumetinnen gewonnen.“
„Modest Fashion“ bieten einige Läden oder Online-Händler mit Sitz in Augsburg an
„Modest Fashion“ bieten einige Läden oder Online-Händler mit Sitz in Augsburg an. Bei „Nisa Moda“ in Oberhausen sagt eine Frau am Telefon, einen breiten Trend habe sie nicht festgestellt. Aber es kommen auch Nichtmuslimas in das Geschäft, ältere und jüngere. Die Gründe kenne sie nicht. „Die schauen einfach rein, und wenn ihnen etwas gefällt, kaufen sie ein.“ Im „Eşarp Pinari“ in der Innenstadt ist man generell nicht begeistert, wenn die Presse auftaucht. Was auch zeigt, dass es ein aufgeheiztes Thema ist. Dort seien noch keine nichtmuslimischen Frauen gewesen.
Im Laden nimmt sich eine junge Lehrerin aus Augsburg, die eine Kundin begleitet, Zeit für ein Gespräch mit dem AJ. „Hier kaufe ich nicht ein. Ich bin zwar gläubige Muslima, aber ich schaue, dass ich zum Beispiel etwas von H&M, Zara oder Onlineshops anziehe, was Arme, Beine und den Ausschnitt bedeckt.“ Die 26-Jährige steht vor einer Klasse und wählt ihre Kleidung entsprechend aus. Sie gibt zu bedenken, dass es eine Frage des Wetters sei: „Warum bedecken die Menschen in der Wüste sonst so viel Haut wie möglich?“ Sie sehe umgekehrt das Problem eher in der Kinderabteilung, wo es schon junge Mädchen Oberteile mit Ausschnitt geb.
Umfrage in der Augsburger City
Bei unserer Umfrage in der Augsburger City sagt Celine-Justine Sperfeld aus Augsburg, sie würde solche Kleidung tragen: „In Dubai tragen das ja viele Leute, weils luftig ist.“ Ihr ist die Wahlfreiheit wichtig: „Warum soll eine europäische Frau sich nicht auch so bedecken dürfen wie eine muslimische?“ Sie würde es aber „nicht als Trend deklarieren, um respektvoll den Nationen gegenüber zu sein, die es tragen müssen.“ Johanna Karl aus Weilheim: „Bei einem Trend könnte man in die Gefahr rutschen, dass man auch die Werte vertritt. Aber wir haben ja auch lange Leinenhosen.“ Auch eine andere Frau hat keinen Trend erkannt. „Ich sehe ganz kurze und bedeckte Kleidung. Es gibt alles.“ Sie ergänzt: „Das Kleid, das ich da (im Beitrag in der Boutique) gesehen habe mit den Flügelärmeln, wäre mir zu viel. Aber soll doch anziehen, wer will.“
„Modest Fashion ist ein Ausdruck meiner Überzeugungen und meiner Lebensweise“
Das sieht auch Birsel S. so: „Schon immer haben Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen diese Art von Kleidung getragen – unabhängig davon, ob sie Muslime sind oder nicht. Jeder sollte dort einkaufen dürfen, wo er sich wohlfühlt. Ich finde, unsere Gesellschaft wird schöner und lebenswerter, wenn wir Unterschiede mit Respekt und Offenheit begegnen. Wir sollten Menschen nicht in Schubladen stecken, sondern einander ohne Vorurteile und mit Gleichberechtigung begegnen.“ Die Muslimin trägt Modest Fashion bewusst: „Sie ist ein Ausdruck meiner Überzeugungen und meiner Lebensweise.“
Die 43-jährige Türkin betont: „Ich habe mich aus freiem Willen für diese Lebensweise entschieden. Dass Nicht-Musliminnen Modest Fashion als Modetrend sehen, ist aus meiner Sicht völlig verständlich und natürlich. Die Situation in den von Ihnen genannten Ländern ist jedoch eine andere. Dort gelten politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die sich deutlich von einer freien Entscheidung unterscheiden. Ich denke nicht, dass jede dort geltende Regel richtig ist. Wenn Frauen – und teilweise auch Männer – ihre persönlichen Entscheidungen nicht frei treffen können, kann man kaum von einem Modetrend sprechen. Mode setzt Freiheit und persönliche Wahl voraus.“
„Ich würde mich damit unwohl fühlen“
Pauline Langemann, 33, aus Augsburg, würde die „Modest Fashion“ persönlich nicht tragen. „Ich würde mich damit unwohl fühlen. Mir wär’s zu warm. Aber wem’s gefällt, der soll’s anziehen.“ Sie sollte auch nicht nur muslimischen Frauen vorbehalten bleiben: „Es gibt ja auch muslimische Frauen, die sich nicht so kleiden.“ Aber als einen Modetrend würde sie es gar nicht sehen: „Die meisten Frauen, glaube ich, kleiden sich so aus Religions- und nicht aus Trendgründen.“ Eine 33-jährige Augsburgerin würde diese Art der Kleidung nicht pauschal ausschließen. „Ich trage, was mir in den Sinn kommt! Worin ich mich wohlfühle und was zur Witterung passt.“
Als Mode wäre sie in Ordnung, „wenn es für mich eine sinnvolle Funktion erfüllt. Aber sie sollte nicht sein, sich zu bedecken, weil irgendjemand in der Gesellschaft das anstößig finden könnte.“ Es als reinen Modetrend zu feiern, sei aber nicht in Ordnung: „Dann klingt es wie Hohn und Spott für die Frauen im Iran, denen gerade wieder erkämpfte Rechte entrissen werden.“
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